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    WÜRZBURG

    Kinder und Musik: Bassgeige mit Wumm

    Ungetönlich: In loser Folge stellen Experten Musikinstrumente vor, die eine ungewöhnliche Geschichte haben oder als Exoten gelten. Heute: Der Basse de Violon oder Aus der Kneipe an den Hof des französischen Königs.
    Der Basse de Violon ist ein gutes Stück größer als ein Cello. Bei den Würzburger Tagen der Alten Musik wird das seltene Instrument vorgestellt.
    Der Basse de Violon ist ein gutes Stück größer als ein Cello. Bei den Würzburger Tagen der Alten Musik wird das seltene Instrument vorgestellt. Foto: Thomas obermeier

    Gyöngy Erödi hat das Instrument zwischen die Knie geklemmt und zieht den Bogen über die fast bleistiftdicke tiefe b-Saite. Der raue Ton, der durch den Übungsraum in der Würzburger Hochschule für Musik vibriert, ist nicht im klassischen Sinne schön. Aber irgendwie ehrlich: Die Schwingungen der Saite scheinen sich unmittelbar auf den Körper des Zuhörers zu übertragen. „Das hat Wumm!“, freut sich Stefan Fuchs über das Spiel der Kollegin. Bloß: Was ist das für ein Instrument? Auf den ersten Blick sieht's wie ein Cello aus. Doch es ist eine Bassgeige.

    Die beiden Experten bevorzugen für das Instrument, das selbst manchen Alte-Musik-Kenner vor Rätsel stellt, die französische Bezeichnung Basse de Violon. Der ist ein gutes Stück größer als ein Cello. Zudem sind im Normalfall die vier Saiten zwar auch im Quintenabstand, aber einen Ton tiefer gestimmt.

    Die Musikerin aus Ungarn könnte das Instrument auch anders halten. Zum Beispiel übers Bein gelegt, ähnlich wie eine Gitarre. Sie könnte es auf ein kleines Podest stellen und stehend spielen, als sei es ein Kontrabass. Und sie könnte sich das bauchige Teil umhängen und Musik machen, während sie in einem Festzug mitläuft. All diese Spielhaltungen sind in alten Abbildungen und Texten belegt.

    Heute ist die große Geige praktisch vergessen. Erödi und Fuchs wollen sie wieder ins Bewusstsein rücken. Etwa bei den Würzburger Tagen der Alten Musik (siehe Kasten). Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert war der Basse de Violon sehr verbreitet. Komponisten wie Jean-Baptiste Lully (1632 bis 1687), Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) und vielleicht auch der frühe Bach (1685 bis 1750) setzten ihn ein. Verwurzelt war der Basse aber seit dem frühen 16. Jahrhundert zunächst vor allem im Leben: bei Festen, bei Tanzvergnügungen, in Kneipen. Und das ist ein Grund dafür, dass der Basse de Violon aus dem Musikleben verschwand. „Das Instrument wurde von Leuten gespielt, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten“, erklärt Gyöngy Erödi. „Die Spieler waren Underdogs“, pflichtet Stefan Fuchs bei.

    Die wirklich feinen Herrschaften spielten nicht für Geld, sondern zum Vergnügen. „Bessere Kreise“ strichen auch nicht Geigen, sondern Instrumente aus der Gambenfamilie. Die wurden von den Herrschaften dann auch gepflegt. Deswegen haben diverse alte Gamben die Jahrhunderte überlebt. Die „niederen“ Basses de Violon dagegen wurden im Alltag verschlissen und nicht für nachfolgende Generationen erhalten.

    Die Violinenfamilie samt Bassgeige etablierte sich zur Begleitung von Vokalmusik. In der Zeit Lullys wurde der Basse de Violon, das einstige Wirtshaus-Instrument, zum Standardinstrument am französischen Königshof und verbreitete sich auch in Deutschland. Doch letztlich verdrängte das Cello die alten Bässe. Es war kleiner und leichter, also für den Musiker praktischer. Es hatte einen tragfähigeren Ton. Und es ließ sich auch als Soloinstrument nutzen. Man konnte schnell und virtuos darauf spielen.

    Der Basse de Violon mit seinen träge ansprechenden, dicken Darmsaiten wurde nur im Consort eingesetzt. Und da sollte es besser gemächlich zugehen. Stefan Fuchs sieht das positiv: „Es klingt opulent, aber entspannt.“ Doch weil das Cello „einfach besser funktionierte“, so der Lehrbeauftragte für Barockcello an der Hochschule für Musik, wurden viele Basses de Violon verkleinert und zu Cellos umgebaut. Derartige Instrumente existieren noch heute, originale Basses de Violon aber praktisch nicht mehr: Zwei haben als Teil der Dekoration des Doms im sächsischen Freiberg überlebt. Und das Kunsthistorische Museum in Wien hortet eine Bassgeige von Dorigo Spilman aus dem Jahr 1590. Die Größen der Freiberger Instrumente und der Wiener Geige sind jedoch unterschiedlich. Das war seinerzeit üblich: Nichts war normiert.

    Wer heute einen Basse de Violon spielen möchte, muss sich also einen Nachbau besorgen. Gyöngy Erödi spielt ein Instrument, das einem Basse de Violon von 1538 des Cremoneser Geigenbauers Andrea Amati nachempfunden ist. Amati-Bassgeigen haben die Jahrhunderte zwar nur in verkleinerter (Cello-)Form überstanden. Die richtigen Maße konnten aber aufgrund von Indizien und aufwendigen wissenschaftlichen Untersuchungen des Holzes erschlossen werden.

    Das Bewusstsein für die lange Tradition und die Bedeutung des Basse de Violon zu wecken, ist nicht einfach. Aber es lohne sich, das Instrument einzusetzen, wirbt Stefan Fuchs. Denn wer wirklich authentisch klingen will, brauche in vielen Fällen so eine Mega-Geige. Oder mehrere. Lully setzte in seinen Opern bis zu acht Stück ein – was für heutige Ohren ein völlig neues Hörerlebnis bedeutet.

    Tage der Alten Musik in Würzburg

    Im zweijährigen Turnus veranstaltet die Würzburger Hochschule für Musik (HfM) die Tage der Alten Musik, in diesem Jahr vom 27. bis 30. Januar. Höhepunkt ist das Abschlusskonzert mit Emma Kirkby. Die künstlerische Leitung hat Professor Pauline Nobes. Das Programm (Karten an der Abend-, beziehungsweise Tageskasse):

    27. Januar: 17 Uhr Turmmusik vom Grafeneckart mit Barocktrompeten; 19 Uhr St. Stephan: Professor William Dongois erläutert das Instrumentarium von Claudio Monteverdis „Marienvesper“; 19.30 Uhr „Marienvesper“ (Kammerchor und Frühbarockorchester der Hochschule, Leitung Professor Jörg Straube). 28. Januar: 12 Uhr Raum U08 HfM Bibrastraße: Musik für Cembali, Cembalo & Violoncello (Naoko Akutagawa, Ekaterina Likhina); 19.30 Uhr Toscanasaal der Residenz: „Die Familie Bach“ (Friederike Heumann, Viola da Gamba und Menno van Delft, Cembalo).

    29. Januar: 12 Uhr Ballettsaal HfM Bibrastraße: „Musik publik“ mit studentischen Ensembles; 14 Uhr Raum U08 HfM Bibrastraße: Präsentation „Basse de Violon“ (Stefan Fuchs und Gyöngy Erödi); 19.30 Uhr Kammermusiksaal im Gebäude am Residenzplatz: „French Connection“ (Ensemble Interrogatio).

    30. Januar: 18.30 Uhr Neubaukirche: Konzerteinführung mit Dr. Pauline Nobes; 19 Uhr „Festliches Barock“: Orchester und Solisten lassen unter dem Motto „Illustrious Germans“ ein historisches Programm wieder aufleben, wie es um 1744/45 gespielt wurde. Solisten: Dame Emma Kirkby (Sopran), Professor Christoph Bossert (Orgel), die Leitung hat Pauline Nobes.

     

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