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    Würzburg

    4 Erwartungen, die Bob Dylan heute Abend nicht erfüllen wird

    Bob Dylan bei einem Konzert in Frankreich im Jahr 2012 mit seinem Gitarristen Charlie Sexton (links). Mittlerweile spielt der Songschreiber kaum noch Gitarre auf der Bühne, sondern fast ausschließlich Piano - und ab und zu Mundharmonika. Foto: FRED TANNEAU

    Wahrscheinlich stand noch nie ein bedeutenderer Künstler in der Würzburger s.Oliver-Arena auf der Bühne: Am 2. April kommt Bob Dylan mit seiner Band. Wahrscheinlich überlegen deshalb auch viele, die keine eingefleischten Fans des 77-Jährigen sind, ob sie sich eine der über 100 Euro teuren Karten leisten oder verschenken sollen. Allerdings unterscheiden sich Dylans Konzerte ziemlich grundlegend von denen nahezu jedes anderen Pop- oder Rockkünstlers. Wer erwägt, zu dem kauzigen Genie ins Konzert zu gehen, sollte wissen, was zu erwarten ist und was nicht.

    1. Kein Entertainment

    Tänzer und Outfits wie bei Helene Fischer wird's bei Dylan nicht zu sehen geben. Foto: Fabian Gebert

    Die Grenzen zwischen Kunst und Entertainment verwischen in der Pop- und Rockmusik so sehr wie in kaum einem anderen Genre. Aber eine große Show ist nicht zwingend ein tolles Konzert. Bei Dylan gibt’s keine spektakuläre Lightshow, keine Pyrotechnik, keine Tanzeinlagen, keine wechselnden Outfits. Stattdessen werden fünf Musiker in gut geschnittenen Anzügen auf der spärlich ausgeleuchteten Bühne musizieren. Ohne Posen.

    2.  Keine Hits

    Das stimmt so nicht ganz. Dylan spielt durchaus einige Perlen seines umfangreichen Werks. „Blowin‘ In The Wind“ stand im Frühjahr in Nürnbergebenso auf der Setliste wie „All Along The Watchtower“. Dazu eine Reihe von Klassikern aus der zweiten Reihe: „Don’t Think Twice, It’s Alright“, „Highway 61 Revisited“, „Tangled Up In Blue“. Oft auch spielt der Nobelpreisträger „Like A Rolling Stone“.

    Aber: Die Songs klingen zum Großteil völlig anders als in ihren Albumversionen. In den 30, 40, 50 Jahren, die Dylan diese Songs schon spielt, haben sie viele Veränderungen erlebt. Mal klingen sie bluesig, mal wie Countrysongs, mal wie Psycho-Folk. Der Wiedererkennungswert ist zuweilen gering und beschränkt sich hie und da auf verständliche Textpassagen.

    Wer also ins Konzert geht, weil er oder sie schon immer mal "Knockin' On Heaven's Door" in der Originalversion hören wollte, wird womöglich (sogar wahrscheinlich) bitter enttäuscht.

    3. Kein "schöner" Gesang

    Vielleicht hat Dylan noch nie "schön" gesungen. Kratzig war seine Stimme schon immer, ihr Umfang beschränkt. Doch seine Melodien waren stark und erkennbar. Das hat sich verändert. Schon vor Jahrzehnten schrieben Kritiker, seine Stimme klinge "wie der Wind, der vom Lungensanatorium herüberweht" - das ist nicht besser  geworden. Mitsingen ist für Konzertbesucher jedenfalls kaum möglich. Zu stark haben sich die Songarrangements verändert, zu viel Spaß hat Dylan daran, mit seinem zerklüfteten Organ Restbestände der Melodie zu variieren.

    Bruce Springsteen auf der Bühne in Australien: Gut gelaunt und nahbar.  Foto: Tony Mcdonough

    4. Keine Ansprache ans Publikum

    Für viele Bühnenkünstler und viele Besucher ist der Kontakt zwischen Star und Publikum die entscheidende Komponente eines Auftritts. Wer jemals in einem Konzert von Bruce Springsteen war, weiß, dass er dabei das Gefühl hatte, der Mann aus New Jersey singe nur für ihn. Dieser Illusion ist bei einem Dylan-Konzert in den letzten 20 Jahren keiner erlegen – wahrscheinlich nicht mal der Papst oder Barack Obama und für die spielte er Privatkonzerte. Bei Dylan gibt's kein "Wo sind die Hände?", keine Aufforderung zu gar nix, nicht mal ein "Hello" am Anfang des Abends oder ein "Good night" am Ende. In den vergangenen Jahren verzichtet er häufig sogar darauf, seine Band vorzustellen. Wenn er es doch tut, wird kein Zuhörer die Namen der Musiker verstehen, wenn er sie nicht sowieso kennt. 

    Anmerkung des Autors: In dem runden Dutzend Dylan-Konzerte, die ich seit 1991 besucht habe, habe ich es genau einmal erlebt, dass er sich ans Publikum wandte. "Something special when I play here, you seem to really get it" ("Es ist etwas Besonderes hier zu spielen. Ihr scheint wirklich zu kapieren, worum es geht"), murmelte er am Ende eines Auftritts in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Warum? Keine Ahnung. Ich habe damals keinerlei Besonderheiten im oder am Publikum bemerkt.

    Warum sollte man trotzdem hingehen?

    Warum sich ein Dylan-Konzert trotzdem lohnt? Wegen des Konzerts. Alles, was Dylan weglässt, ist Drumherum, ist Entertainment, Show-Business. Alles, worauf er sich konzentriert, ist die Musik. Mehr noch, die Kunst.

    Zum Wesen der Kunst gehört die Möglichkeit des Scheiterns. Wer nichts Außergewöhnliches probiert, nichts riskiert, kann kaum scheitern. Wer auf einer Tournee Abend für Abend die gleiche Show spielt, bei der jeder Tanzschritt, jedes Wort, jeder Kostümwechsel gleich bleibt, bietet möglicherweise einen unterhaltsamen Abend, aber er schafft keine Kunst.

    Dylan riskiert jeden Abend etwas. Er spielt andere Songs als am Abend zuvor, und wenn er gleiche Songs spielt, spielt er sie anders, singt er sie anders. Aus dieser Spontaneität heraus gewinnen die Stücke neue Facetten, neue Bedeutung.

    Allerdings, klar, manches geht auch daneben. Nicht jede Neu-Version ist eine Verbesserung gegenüber dem Original. Im Konzert stehen berückend schöne Momente und solche, die Anlass geben, sich am Kopf zu kratzen, nebeneinander. 

    Einen Musiker, der tatsächlich noch Musik auf der Bühne erschafft, im und für diesen einen Moment, mit einer fantastischen Band - das sollte man sich nicht entgehen lassen.

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