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    WÜRZBURG

    Africa Festival: Geburtstagsfeier mit Alten und Bekanntem

    Es gab ihn, diesen einen Gänsehautmoment, wenigstens ganz kurz. Als am zweiten Abend Angélique Kidjo innehielt und zwei Kollegen auf die Bühne rief. Eben hatte die Sängerin aus Benin – 57 Jahre alt inzwischen und stimmgewaltig wie eh – bei ihrem siebten Auftritt Jacques Brels „Ne me quitte pas“ gesungen. Da erinnerte sie an ihr großes Vorbild, an Miriam Makeba, und holte Lokua Kanza und Manu Dibango zu sich. Und dann: Malaika!

    Malaika im Trio – und mit dem Publikum

    Jenes Lied auf Swahili, der ostafrikanischen Bantusprache, das Miriam Makeba, die „Mama Africa“ in den 1970er Jahren in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Malaika! Engel und guter Geist. Es ist auch einer der Hits von Angélique Kidjo geworden. Und am Freitagabend beim 30. Africa Festival sang sie ihn, flankiert von Lokua Kanza, dem Kongolesen mit der besonderen, klagenden Stimme, und Saxofonist Manu Dibango. Ein Schauer ging durch's heiße, ausverkaufte Zirkuszelt. Und dann sangen alle mit.

    Und schon waren die Überraschungsgäste wieder weg . . .

    Aber, es war ein kurzer Moment. Schon war Lokua Kanza wieder von der Bühne, der den Freitagabend selbst mit einem feinen Konzert eröffnet hatte. Der Liedermacher und Gitarrist hatte seine Tochter Maleika Lokua und seinen jüngeren Bruder Didi – ein virtuoser Querflötist, Gitarrist, Sänger – dabei. Und wie Angélique Kidjo war der 60-Jährige durch das Online-Voting, zu dem die Veranstalter Anfang des Jahres aufgerufen hatten, ins „Publikums-Wunschprogramm“ des 30. Festivals gekommen.

    „Hass ist Energieverschwendung“

    Und auch der andere Zuschauerliebling, Manu Dibango, war nach dem kurzen ergreifenden Malaika-Moment gleich wieder weg und Angélique Kidjo, die kleine Sängerin, machte routiniert kraftvolle Show. „Hallo, wie geht Würzburg? Alles super?“, rief Kidjo, nicht mehr ganz so wild und wirbelnd wie bei ihren allerersten Auftritten auf dem Africa Festival in den vergangenen Jahrzehnten. Und nach Chansons und Covern von den „Talking Heads“ – ihr neues Album! – beschwor sie die Kraft des afrikanischen Kontinents. Und die Liebe: „Hass ist Energieverschwendung!“ Schon spielte ihre Band das „Shay mama shay mama africa“ an, Angélique Kidjo holte aus dem Zuschauerrund Tänzer auf die Bühne und stieg dann selbst hinunter, um in Solo-Polonaise durch die Menge zu tanzen.

    Der Saxofonist, der zeit- und alterslos gut spielt

    Manu Dibango, der hatte am Eröffnungsabend, mit seiner besonderen Verschmelzung von Jazz mit Makossa, den traditionellen kamerunischen Tanzrhythmen, bewegt. Unglaubliche 84 Jahre alt soll der Saxofonist und Vibrafonist sein. Seine Nummern wie „Bolingo City“ spielt er – sanft beginnend, dann Fahrt gewinnend und im furiosen Tosen endend – mit zeitloser Qualität. Im vergangenen Jahr erst hat Dibango zusammen mit dem Saxofonisten Moreira Chonguica aus Mosambik ein neues Album mit alten Jazzstandards mit afrikanischem Twist herausgebracht. Nach Würzburg hatte er Moreira als Gast mitgebracht – das gemeinsame Saxofonduett sollte einer der starken Momente dieses Festivals werden.

    Starker Auftakt mit starker Stimme

    Es hatte ja auch stark begonnen, gleich am Donnerstagabend, mit der malischen Sängerin und Gitarristin Fatoumata Diawara. Im vergangenen Jahr erst war sie in Würzburg auf den Mainwiesen aufgetreten. Wer also gedacht haben mochte „schon wieder“, wurde belehrt. Von einem bemerkenswerten Auftritt einer Frau, die ihre eigenen musikalischen Wege geht und weiterentwickelt. Die für die Rechte der Frauen und Kinder auf dem afrikanischen Kontinent kämpft, die Faust reckt und die traditionellen Rhythmen aus Mali mit E-Gitarre und mächtigem Groove vorantreibt. Starke Frau, starke Musikerin, starke Stimme – toll, ihren Weg seit acht Jahren beim Africa Festival mitverfolgen zu können.

    Dann wurde es . . . langweilig

    Tja, und dann kam nach dem kraftvollen Donnerstag und dem schönen, aber trotz des Gänsehaut-Moments nicht ergreifenden Freitag der Samstag. Was sich dazu sagen lässt: Habib Koité, der Sänger und Gitarrist aus Mali, trat mit seiner Band Bamada auf. Sagte oft „Danke, danke, danke“. Erzählte von seinen Konzerten in aller Welt und besang in harmloser Belanglosigkeit den Tequila. Die „Hot Water“ Band aus Südafrika trat auch auf und machte wie vor zwei Jahren schon Gute-Laune-Musik. Frontmann Donovan Copley schrammelte wieder auf der Blechkanistergitarre und sprang auf der Bühne herum. Weitere Anmerkung nicht nötig.

    Der Abschlussabend . . .

    Es schien eine Konzertreihe der „Ganz-Okays“ zu werden, dieses 30. Africa Festival. Eher langweilig als inspirierend, bewegend oder elektrisierend. Doch dann kam der Sonntag – und besser hätte der Abschluss kaum werden können. Erst bewies Sona Jobarteh, die das Festival im Dialog mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet hatte, ihr Ausnahmekönnen an der Kora, der westafrikanischen 21-saitigen Stegharfe. Ein Instrument, das ganz harfenzart und sanft klingen kann – und dann wieder packend dynamisch, laut, hart und fast metallisch. Und so variabel wie ihr Instrument, ist als Virtuosin auch die 35-jährige Sona Jobarteh. Für einen Song rief sie lächelnd wie stolz ihren achtjährigen Sohn Sidiki auf die Bühne – schon jetzt ein Virtuose auf dem Balafon.

    Und wie Tage zuvor Fatoumata Diawara nutzte die Musikerin aus Gambia die Bühne für mehr als musikalische Botschaften: Und sang für alle, über den Klang der deutschen Sprache schmunzelnd, „Frrrrrrrau'n“ dieser Welt.

    . . . war dann das Best-of!

    Mehr Botschaften? Gab es bei einem krachenden, gewaltigen Finale: mit dem 65-jährigen Alpha Blondy und seiner Band „Solar Systems“. Friedensappelle statt bloß nette Liedchen – diesem Musiker von der Elfenbeinküste geht es um so viel mehr. Zornig verwehrt er sich gegen Religionskriege und Töten in Gottes Namen. Und appelliert als Prediger im Nahostkonflikt an die Politiker in der ganzen Welt: „Sie müssen eine Lösung finden. Jetzt. Jetzt! Jetzt!!“.

    Am Ende gibt's Alpha Blondys wunderbares Pink-Floyd-Cover von „Wish You Were Here“ – und das 30. Africa Festival, die als „Best of“ angekündigte musikalische Geburtstagsfeier, ist mit rockigem Ende und tollem Bläserduo vorbei. Ohne Gänsehaut. Dafür aufgeladen und mit schmerzenden Ohren.

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