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    WÜRZBURG

    Als Teufel fühlte Rainer Binz sich pudelwohl

    Sie waren einst angetreten, mit Theater die Welt zu verändern. Oder zumindest die Stadt. Wie sich herausstellte, war das nicht ganz so einfach. Erfolgreich war und ist das Chambinzky dennoch seit vielen Jahren. Nun hat der Gründer Rainer Binz sich zurückgezogen.

    Frage: Sie machen ein, zwei Jahre früher Schluss als vor drei Jahren geplant. Was ist passiert?

    Rainer Binz: Man muss die Gelegenheit beim Schopf fassen, wenn ein Nachfolger erscheint, der ideal sein könnte. Es gibt wenige, die einen solchen Wahnsinnsjob für sehr wenig Geld übernehmen wollen. Csaba Béke kenne ich seit 25 Jahren, seit 20 Jahren ist er im Trägerverein des Theaters. Ich glaube, er wollte schon immer eine Leitungsfunktion übernehmen, war aber bis jetzt anderweitig beruflich beschäftigt. Auch sollte man nach 48 Berufsjahren den Jüngeren Platz machen und sich nicht einbilden, man lebe noch immer am Puls der Zeit.

    Die jüngsten drei Produktionen:

     

    Bildet Ihr eine Doppelspitze?

    Binz: Nein, ich bin seit dem Ende der Spielzeit kein Chef mehr. Ich bleibe zwar noch ein Jahr Mitarbeiter des Hauses, lasse es aber langsam auslaufen. Ich bestimme nicht mehr selbst, welche Aufgaben ich dabei erfülle. Arbeit gibt es bei uns immer in Hülle und Fülle. Ich will dass, dieser Laden, in den so viel Herzblut geflossen ist, weiter existiert. Auch wurde ich in den Ältestenrat gewählt, der allerdings nicht Mitglied der Vorstandschaft ist, sondern eine rein beratende Funktion hat.

    Was ist der größte Unterschied zu den Anfangszeiten vor – im September – 35 Jahren?

    Binz: Dazwischen liegen Welten! Sollen wir über die künstlerischen, betriebsorganisatorischen oder bühnentechnischen Unterschiede reden?

    Über die künstlerischen.

    Binz: Vor 35 Jahren war man überzeugt, dass man mit einer freien Bühne irgendeine Art Revolution lostreten kann. Wir wollten eine neue Kultur, ein echte Alternative zum Standard-Stadttheater. Ich persönlich wollte ein neues Publikum, das in kleinen Bühnen ja mitten im Geschehen sitzen darf, mit Hilfe von Workshops, Ausstellungen und nicht zuletzt der Gastronomie an Kultur heranführen.

    Ist das gelungen?

    Binz: Ja, aber das hat lange gedauert. So wie in Würzburg jede Idee sieben Jahre braucht, bis sich zeigt, ob sie in Realität aufblüht oder eingeht. Das Theater Chambinzky hat sich dabei auch gewandelt. Anfangs haben wir Stücke nach ihrem Inhalt, auch nach ihren kritischen Aussagen ausgewählt. Da zeigte sich bald: Bei politisch schwierigen Stücken bleibt das Haus leer. In den ersten Jahren kamen konservativere Leute sowieso überhaupt nicht zu uns. Den Durchbruch brachte 1988 „Die Feuerzangenbowle“.

    Wenn Sie eine Zeitreise wie Hans Pfeiffer in der „Feuerzangenbowle“ machen könnten: Wohin würde die Sie zurückführen?

    Binz: Zu unserer wichtigsten Produktion, zu der umwerfenden Koproduktion von Chambinzky, Hochschule für Musik mit Professor Günther Wich und Orchester und Theaterwerkstatt, zu Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. Ich habe unter Wolfgang Schulz? Regie den Teufel gespielt und mich pudelwohl dabei gefühlt. Das war das Theater, das ich eigentlich machen wollte. Leider sind meist mehr Kompromisse nötig und man muss den Spielplan stärker nach dem Publikum ausrichten. Aber das ist eben unserer Funktion und auch den hohen Raumkosten geschuldet.

    Welche Funktion haben andere Häuser?

    Binz: Das Mainfranken Theater zum Beispiel sollte zeitgenössische und vergangene Autoren aufarbeiten und dem Publikum zugänglich machen. Generell sollten die großen Häuser sich nicht erhaben gegenüber den Autoren, den Stücken und vor allem nicht dem Publikum fühlen, sollten Geschichtliches nicht mit Gewalt in die Gegenwart zerren und pseudo-intellektuell verbrämen. Goethe in der U-Bahn, sogenanntes Regietheater ist Quatsch und hat nach meiner Auffassung nichts mit Kunst zu tun.

    Die Diskussion über freien Studenteneintritt ins Mainfranken Theater hat die Privattheater heuer noch einmal geeint. Überrascht über die Solidarität?

    Binz: Ja, ich hätte nie gedacht, dass ich eine Einladung schreibe und am nächsten Tag treffen sich alle Privattheater der Stadt und sind sich einig: Die Theater-Flatrate setzt ein falsches Zeichen. Denn künstlerische Arbeit ist etwas wert und sollte honoriert werden. Man muss die jungen Leute mit einem interessanten und spannenden Programm und nicht über Gratis-Eintritt erreichen.

    Genützt hat?s nichts. Enttäuscht?

    Binz: Der Stadtrat hat gar keine Alternativen gesucht. Die wenigsten haben sich überhaupt mit der Materie beschäftigt. Aber sie sind geschickt: Sie beschließen etwas für zwei Jahre und nennen es „Testphase“, damit sie immer sagen können: Wieso? Ist doch nur eine Testphase.

    Auf was blicken Sie mit dem größten Stolz zurück?

    Binz: Wenn ich auf etwas stolz sein kann, dann auf kein einzelnes Ereignis, sondern dass wir immer einen Zusammenhalt herstellen und zeigen konnten, dass solch ein Theater funktioniert – ohne großen Streit und über häufige finanzielle Schwierigkeiten hinweg. Was mich weniger stolz als mürbe gemacht hat: diese Verantwortung, jeden Monat Miete, Fixkosten und Gehälter aufbringen zu müssen bei inzwischen fünf Festangestellten und vielen Minijobbern. Schade, dass diese Verantwortung der Arbeitgeber so wenig gewürdigt wird.

    Wann hat dieser Teil der Theaterarbeit begonnen?

    Binz: Unternehmer war ich schon gut zehn Jahre vor der Theatergründung, mein ganzes Berufsleben lang. Weil mein Vater sehr früh gestorben ist, habe ich mit 17 Jahren den Tuchhandel unserer Familie übernommen, der sich ursprünglich gegenüber dem heutigen Mainfranken Theater befand. Mit nur 17 Lenzen bin ich frühzeitig volljährig erklärt worden und war dann mit Sonderregelung der IHK gleichzeitig Auszubildender in der eigenen Firma und deren Chef. Über viele Workshops in den Bereichen Schauspiel, Stepptanz, Pantomime, Modern- und Turniertanz bin ich innerhalb dieser Kaufmannszeit dann mehr und mehr zu Kultur und Theater gekommen.

    Zum positiven Ende – ein Highlight Ihrer Geschichte mit dem Chambinzky?

    Binz: Eins war sicher das Gastspiel vom Nationaltheater Weimar und vorher die Kontakte zum Kultusministerium der DDR. Die Beamten im Osten haben uns ernster genommen als zunächst der Stadtrat von Würzburg.

    Rainer Binz und das Chambinzky

    Rainer Binz (64), gelernter Kaufmann, war in München Mitarbeiter beim Theater im Künstlerhaus, bevor er 1981 in seiner Heimatstadt Würzburg zunächst das Cafétheater Augustin und zwei Jahre später das Theater Chambinzky eröffnete.

    Der Name „Chambinzky“ wurde in einer Hamburger Cocktailbar geboren, heißt es auf der Homepage des Theaters. Er leitet sich her aus dem französischen „Zimmertheater“ – „Chambre-Théâtre“ –, dem Ideengeber „Binz“ und „ky“ für und Co. Die Namensfindung habe dann 1983 zur Gründung der „Chambinzky Theater & Gastro GmbH“ geführt.

    Der Träger: 1983 wurde auch der Förderverein „Comedia“ gegründet. 1993 benannte dieser sich in „Chambinzky e.V.“ um und übernahm als Träger den Theaterteil der GmbH. Die GmbH betrieb den gastronomischen Teil bis zur Insolvenz 2000, ab 2001 übernahm eine GbR. 2014 beendete die GbR den Betrieb, seither ist der „Chambinzky e.V.“ für Theater und Gastronomie gleichermaßen zuständig.

    Die Eröffnung fand am 27. September 1983 mit „Geliebter Lügner“ von Jerome Kilty statt. Nach anfänglich vielen Gastproduktionen und Kabarettvorstellungen konzentrierte es sich zunehmend auf selbst produzierte Schauspiele und Komödien, bis 2010 die Kellerbühne hinzukam und einen noch breiteren Spielplan erlaubte. In den 1990er Jahren spielte das Chambinzky regelmäßig im Sommer Freilichttheater auf dem Weingut am Stein. Inzwischen bietet es jährlich 14 Eigenproduktionen, über 380 Vorstellungen auf zwei Bühnen vor über 20 000 Zuschauern. jfi/maw

     

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