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    Würzburg

    Als man am Bahnhof noch richtig speisen konnte

    Wolle jemand saftige Grobheiten erleben, dann brauche er nur auf den Bahnhof und in die dortige Restauration zu gehen. Der anonyme Schreiber, der da mit ernstem Augenzwinkern die Unverschämtheiten mancher Kellner und Untaten der Wirte beklagt, liefert im Satireblatt „Würzburger Stechäpfel“ gleich exemplarisch „einige gelungene Pröbchen“ mit.

    Wie dieses: Setzt sich „ein hiesiger bejahrter Bürger“ im Wartesaal an einen gedeckten Tisch, bestellt Kaffee und erhält von dem Kellner die Antwort: ‚An dem Tisch wird kein Kaffee getrunken!!‘“. Oder jenem: Begleitet ein Würzburger einen Angehörigen nachts an die Bahn, lässt sich im Wartesaal ein Bier geben und wird von einem Bahnbediensteten angefahren: „Wollen Sie mit dem nächsten Zug fort?! Nein? Dann machen’s, dass `naus kommen, Sie Pfaffenhund.“ Und noch ein Exempel: Trinkt einer im Wartesaal ein Bier – und wird gehörig eingestaubt vom Kellner, der sich damit beschäftigt, „direkt daneben ein halbdutzend gepolsteter Stühle tüchtig auszuklopfen“. Dem Gast im Bahnhofsrestaurant wird es zu bunt, und der Schreiber im Würzburger Satireblatt von anno 1865 räsoniert: „Höflichkeit über Alles?“

    Ort der Begegnungen und Begebenheiten, Vorfälle und Empfindungen  

    Ja, die Bahnhofsgaststätte – immer für eine kleine Begebenheit oder ein Vorkommnis gut, und sei es auf eher ungemütliche Weise. Was man einst - als noch nichts „to go“ war und an weiß gedeckten Tischen noch Kellner im Frack bedienten - in den Lokalen beim Warten auf den Anschlusszug erleben konnte – Guido Fuchs hat es gesammelt und zusammengetragen in einem unterhaltsamen Band.

    Der Theologe, der in Hildesheim lebt und an der Uni Würzburg am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft lehrt, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Alltagskultur und kulinarischen Themen. Und kam, so erzählt er, von einigen Jahren im Gespräch mit dem befreundeten Bad Kissinger Journalisten Wolfgang Kretschmer auf die Idee: ein Buch über Bahnhofsgaststätten. Denn frappierend oft ist jene Thema und Schauplatz in der Literatur. Fuchs, nicht nur Kulturwissenschaftler, sondern seit früher Jugend auch (gerne) Bahnreisender, las, recherchierte und suchte sechs Jahre lang. Und fand.

    Vom Genuss beim Umsteigen - und falschen Versprechen

    Zum Beispiel den Zibebenstrudel, über den Alexander Roda Roda 1932 in einer Geschichte über den Grenzbahnhof von Powdolotschyska schrieb. Verlockend das große Menü dort, denn wegen unterschiedlicher Spurweiten musste der Reisende zwischen Russland und Österreich immer Zwangsrast machen. Suppe, Rindfleisch, Gansbraten, Zibebenstrudel. Und Tag für Tag fuhr just nach dem Rindfeisch-Gang der Zug nach Kiew weiter . . . Bis auf jenen Tag, an dem drei Reisende einfach sitzenblieben und weiteressen wollten. Und sich herausstellte, dass Zibebenstrudel keine feine Nachspeise war . . . sondern die Unterschrift des Bahnhofswirts, der eben so hieß.

    Blütenlese - mit 160 Texten

    Neben Roda Roda, den österreichischen Schriftsteller, lässt Fuchs rund 160 bekannte und unbekannte Autoren in seiner Blütenlese zu Wort kommen lässt. Ihre Gemeinsamkeit: Immer geht es um das Speisen auf Reisen, um legendäre Speisekathedralen, Bahnhofsbüffets oder Schankstüberl am Gleis – um die Schwellensituationen in den „Zwischen-Räumen“. Der Kulturwissenschaftler will dabei nicht die Geschichte der Bahnhofsrestauration erzählen, die Mitte des 19. Jahrhunderts bald nach den ersten Zügen in Europa an den Haltestellen aufkamen. Sondern „die vielen unterschiedlichen Aspekte ihrer Wahrnehmung und ihres Erlebens“ aufzeigen und „wie sich diese in der Literatur niederschlug“.

    Seine Anthologie beginnt mit den „Memorabilien aus meiner Reisetasche“ von Hofschauspieler Franz Carl Weidmann, der 1837 schon über die erste öffentliche europäische (Pferde-)Eisenbahn von Linz nach Budweis schreibt. Und den Lesern der „Allgemeinen Theaterzeitung“ neben dem neuen Beförderungsmittel auch die Gastronomie schildert. Dem aufgetischten Mahl soll „weidlich zugesprochen“ worden sein. Nur der Wildschweinbraten sei „gänzlich ungenießbar“ gewesen und „verbreitete einen entsetzlichen Gestank im ganzen Zimmer“, so dass er „auf allgemeines Verlangen sogleich hinausgeschafft ward“.

    Mit Schwung ins Bahnhofslokal gerauscht

    Da ist Robert Walser, der in Wartezimmern und den Lokalen am Bahnhof die Menschen studierte, 1932 „vom Sinnreichsten und Zweckmäßigsten, was die neue Zeit in technischer Hinsicht hervorbrachte“ schrieb und die Geräusche dort als „denkbar angenehm“ und „belebend und erfreulich“ beschrieb. Da ist die Geschichte vom Orientexpress, der 1901 mit so viel Schwung aus Ostende in Frankfurt ankam, dass er den Prellbock überfuhr und in der Bahnhofsgaststätte zum Stehen kam. Wo, frühmorgens um Fünf, zum Glück noch keiner saß.

    Da ist Joseph von Westphalen, der 1996 noch elegisch über das Bahnhofsrestaurant in Nürnberg schwärmt – das sei „eine Heimstätte“, „eine Oase der Geräumigkeit“ in der eng gewordenen, vollgestopften Welt. Von Westphalens Kurzformel: „Wer hier sitzt, hat Würde.“

    Vier Sülzkotelett ohne Beilage, aber mit Chemie

    Und bei Günter Grass in „Der Butt“? Da geht Lena Stubbe manchmal spät, wenn schon die Mitternachtszüge ausgerufen werden, in der Bahnhofsgaststätte Sülzkotelett essen. Sülzkotelett ohne Kartoffelsalat oder Brot, dafür mit „chemischer Frische“ und „in Gelatine zitternd“. Eines, zwei, drei . . . und wenn die Bahnhofsgaststätte irgendwann doch mal schließen muss, „wird sie ein viertes Sülzkotelett ohne alles, in eine Papierserviette gewickelt, mitnehmen wollen: wohin?“.

    Der Kulturwissenschaftler hat – ohne streng wissenschaftlichen Anspruch, dafür zum Schmökern mit hohem Unterhaltungswert – die Hälfte seiner Fundstücke in ein „literarisches Menü in zwölf Gängen“ gereiht. Es geht in den Gängen um Begegnungen, um Architektur, um das Warten, um Pendler, Penner und Pennäler, um die Speisen, traurige Abschiede oder das Personal.

    Apropos Speisen. Günter Herburger strafversetzte 1975 den Gastronomie-Kritiker Wolfram Siebeck in der linken Vorzeige-Zeitschrift „Konkret“ im kleinen Gedicht „Zur Verbesserung des Feuilletons“ „mit Heftpflaster über dem Mund“ in die Bahnhofsgaststätte von Würzburg. Verärgert fuhr Siebeck tatsächlich hin, setzte sich in die „Bürgerstuben“ – und verriss hernach mit gewohnt spitzer Feder das bestellte „Kalbsragout fin“. 

     

    Schnelligkeit statt Gemütlichkeit, Backshop statt Speisesaal

    Und heute? Findet man an der Stelle der Bahnhofsgaststätte, in der sich früher nicht nur Reisende aufhielten, sondern die auch wegen ihrer Küche besucht wurde und zum (klein-)städtischen Leben gehörte: einen Backshop und den Fastfood-Imbiss. Die Gastronomie am Gleis, sagt der 65-jährige Autor, „hat sich dem veränderten Reiseverhalten, neuen Bahnstrecken und auch dem kulinarischen Zeitgeist“ angepasst. Es gilt: Schnelligkeit statt Gemütlichkeit.

    Er selbst sei übrigens im Jahr 2001 zum letzten Mal in einem Bahnhofsrestaurant gesessen, erzählt Fuchs. In Würzburg: Weil samstags der frühe Zug, den er nehmen wollte, nicht fuhr, musste er anderthalb Stunden auf den nächsten warten. Also trank er in den „Bürgerstuben“ einen Kaffee und las – „wie es denn damals noch so üblich war“.

    Buchtipp: „In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen“: zusammengestellt von Guido Fuchs, Verlag Monika Fuchs 2018, 260 Seiten, mit Abbildungen, 15 Euro

    Lesungen: Am Freitag, 8. Februar, liest Guido Fuchs um 19 Uhr im Würzburger Kunsthaus Michel, Semmelstraße 42, aus seiner Anthologie. Und noch einmal am Mittwoch, 13. Februar, um 19 Uhr in der "Bücherei im Bahnhof" in Veitshöchheim (Eintritt frei). 

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