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    GEISELWIND

    Amorphis und Soilwork bringen reichlich Melodie in den Death-Metal

    Amorphis, Soilwork, Jinjer und Nailed to Obscurity: Die Geiselwinder Music-Hall platze am Freitag aus allen Nähten. Foto: Silvia Gralla

    Ist das noch Konzert, oder schon kleines Festival? Amorphis, Soilwork, Jinjer und Nailed to Obscurity – ein ganz schön schwergewichtiges Metal-Quartett. Kein Wunder, dass die Geiselwinder Music-Hall mit über 1000 Fans aus allen Nähten platzt. Knapp fünf Stunden wollen aber auch erst einmal geschafft werden – diese immer beliebtere Praxis mit den Doppel-Headlinern überfordert auch den ein oder anderen: Denn beim „echten“ Headliner des Abends, Amorphis, lichten sich die Reihen schon etwas. Trotzdem: Gerade die Finnen hauen ein echtes Brett raus, nicht oft sieht man die etwas introvertierten Prog-Deather so spielfreudig.

    O.k., das Amorphis-Set ist ein wenig Queen-of-Time-lastig, doch das aktuelle Album will halt immer noch promotet werden. „The Bee“ ist aber auch ein Türöffner mit Bums. „Silver Bride“ und „Bad Blood“ sind genau das richtige, um die Stimmung nach etwas viel neuem Material wieder anzukurbeln: Tomi Joutsens eindrucksvoll tiefe und intensive Growls donnern direkt in die Magengrube. Der Rest der Band, bis auf den Keyboarder, allesamt Gründungsmannschaft von 1990, überzeugt mit Wucht, Präsenz und Gespür fürs Filigrane. Grandios das finale der regulären Spielzeit: „Black Winter Day“ vom legendären Album „Tales form the 1000 Lakes“. Noch eine zweiteilige Verlängerung und fertig ist der bärenstarke Auftritt. Ewig schade, dass diese Finnen es immer noch nicht in die erste Reihe des melodischen Death-Metal geschafft haben.

    Kultstatus haben sie in der Szene aber allemal – und in diesem Punkt stehen ihnen die schwedischen Kollegen von Soilwork in nichts nach. Sänger Björn „Speed“ Strid und die bereits mehrfach durchgewürfelten Co-Piloten ist es anzumerken, dass sie es Amorphis schwer machen wollen, den Star-Status alleine zu tragen.

    „Speed“ ist halt Entertainer durch, da sitzen die Posen – wen wundert’s, mit dem Night Flight Orchestra stemmt er ja noch ein Glam-Projekt, das sich musikalisch recht nahe an ABBA-Gefilde ran traut. ABBA bleiben in Geiselwind natürlich vor der Tür, Soilwork schreddern sich munter durchs Band-Portfolio. Death-Metal mit kleinen Core-Einsprengseln, viel Melodie und leider etwas zuviel Keyboard-Gedöns. Die Schweden müssen aufpassen, es nicht wie die Kollegen von In Flames zu übertreiben und den Stahl zu sehr durch gebürstetes Aluminium zu ersetzen.

    Solche Gedanken brauchen sich die ostfriesischen Death-Doomer Nailed to Obscurity und die ukrainische Metalcore-Groove-Kapelle Jinjer um die so hübsche wie aggressive Grunz-Gazelle Tatiana Shmaylyuk nicht machen: Beide Bands sind zwar auch schon zehn und mehr Jahre im Geschäft, stehen aber längst noch nicht an einem Karriere-Punkt, an dem es gilt, sich neu zu erfinden. Ergo gibt’s das jeweilige Genre recht eindeutig und unverbogen – ein erfrischender Einstieg in einen Abend, der zu Ende hin immer genaueres Hinhören erfordert angesichts der durchaus positiven Reizüberflutung.

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