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    Würzburg

    Anton Bruckner - Annäherung an einen eigenwilligen Charakter

    Tief in der Gedankenwelt von Anton Bruckner: der fränkische Dirigent Gerd Schaller Foto: Mile Cindric

    Der Mann war anscheinend nie zufrieden. Er verbesserte, änderte, verwarf, schrieb neu. . . Neun Sinfonien hat Anton Bruckner komponiert, eine opulenter als die andere. Gerd Schaller hat sie alle aufgeführt und eingespielt (hänssler profil). Nun ist der Dirigent dabei, auch noch die Versionen, die sich durch Bruckners Änderungen ergeben, aufzunehmen. Ein Mammutprojekt, das den Franken seit Jahren beschäftigt und noch weitere fünf Jahre beschäftigen wird: Die letzte CD soll 2024 fertig sein, rechtzeitig zum 200. Geburtstag des 1896 gestorbenen österreichischen Komponisten.

    „Es geht um relevante Änderungen“, erzählt Gerd Schaller. „Es geht nicht darum, jede einzelne geänderte Note aufzunehmen. Das interessiert mich nicht.“ Der 54-Jährige ist Künstler und nicht Enzyklopädist. Er liefert keine Dokumentation, sondern Musik. Er ist zwar auch kein Biograf, entwirft aber dennoch ein Bild vom Charakter eines Menschen – indirekt. Denn bei Anton Bruckner spiegeln sich die Eigenwilligkeiten seiner Persönlichkeit stark in seinem Schaffen.

    Bruckner wollte Letztgültiges schreiben

    Gerd Schaller hat sich nicht erst für sein „BRUCKNER2024“ genanntes Projekt mit dem im oberösterreichischen Ansfelden geborenen Komponisten beschäftigt. Er hat Skizzen, Entwürfe und Autografen durchgesehen („Quellenstudium gehört dazu“). Er hat auch Bruckner-Briefe gelesen, die aber nicht so ergiebig gefunden. Der Seele des Komponisten hat sich der Freiberufler mit Wohnsitzen in Berlin und im oberfränkischen Schlüsselfeld durch die Beschäftigung mit der Musik angenähert.

    Wollte er das Ideal einer Sinfonie schreiben? Anton Bruckner auf einem Gemälde von Ferry Bératon (1889) Foto: wikipedia

    „Die verschiedenen Fassungen seiner Sinfonien zeigen, dass Bruckner eine Art gespaltene Persönlichkeit war“, sinniert Schaller in einem Würzburger Kaffeehaus. „Er war auf der einen Seite unsicher. Auf der anderen Seite hat er sich als rechtmäßiger Nachfolger von Beethoven gesehen. Dazu braucht's schon Selbstbewusstsein.“ Schaller blickt nachdenklich über die Tasse mit Grünem Tee hinweg. „Er hat vielleicht auch deswegen immer wieder Änderungen vorgenommen, weil er auf der Suche nach der idealen Sinfonie war. Er wollte Letztgültiges schreiben.“

    Immer wieder Selbstzweifel

    Aber da seien eben auch immer Selbstzweifel gewesen, "was an und für sich für einen Künstler nicht schlecht ist". Bruckner reagierte bisweilen empfindlich auf Kritik. Als der Dirigent Hermann Levi – er leitete auch die Uraufführung von Wagners „Parsifal“ – sich über Bruckners achte Sinfonie entsetzt zeigte, war das ein Schicksalsschlag. "Von da an war Bruckner ein anderer Mensch". Wieder und wieder nahm er sich die Partitur der Achten vor.

    Eignet sich gut für Bruckners ausladende Musik: Die Ebracher Abteikirche Foto: Musiksommer Ebrach

    Ein Bruckner'sches „Sorgenkind“ sei auch die „Dritte“ gewesen. Von der gibt es – inklusive Zwischenversionen – fünf Fassungen. Und seine erste Sinfonie, 1866 geschrieben, hat der Komponist 1890/91 noch mal überarbeitet. Weitgehend unverändert ließ der Österreicher die Sinfonien fünf, sechs und sieben. Dennoch bleibt für Schaller genug zu tun, wenn er sich auf die Spuren der verschiedenen Fassungen und damit auf die Spur eines komplizierten Charakters macht. „Die Vielschichtigkeit, die dahinter steckt, fasziniert mich“, sagt der Echo-Klassik-Preisträger („Operneinspielung des Jahres“ 2010 für Goldmarks „Merlin“).

    Eine Seite Bruckners ist auch seine tiefe Frömmigkeit

    Zur Vielschichtigkeit des Menschen Anton Bruckner, den Zeitgenossen durchaus als Sonderling wahrnahmen, gehört auch seine tiefe Frömmigkeit. Die ist ein Grund, warum immer wieder Aufnahmen in der Ebracher Abteikirche entstanden und noch entstehen werden. Das große Gotteshaus passt sozusagen weltanschaulich. Und hat auch akustische Vorzüge: Die Kirche sei nicht zu breit, zudem helfen das hölzerne Chorgestühl und die Stuckverzierungen („nicht viele glatte Wände“), den üppigen Klang im Zaum zu halten. Die Konzerte, die live aufgenommen werden, sind oft Teil des von Schaller geleiteten Ebracher Musiksommers. Auch den Max-Littmann-Saal des Kissinger Regentenbaus, der etwas wärmer klingt als die Abteikirche, nutzt der gebürtige Bamberger für „BRUCKNER2024“.

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    Bei den Aufführungen und Aufnahmen leitet Schaller die von ihm gegründete Philharmonie Festiva, die sich aus Profis großer Orchester zusammensetzt. Schaller, der in Erlangen Medizin und in Würzburg Musik studiert hat, findet es wichtig, dass alles aus einer Hand kommt. Das erst mache die Aufnahmen vergleichbar. Durch die Veränderungen würden die Sinfonien zwar nicht zu neuen Stücken, sagt Schaller. Das Material bleibe dasselbe. Bruckner gehe aber je anders damit um. Das erkenne auch der „Normalhörer“.

    Bruckners letzte Sinfonie, die offiziell als neunte gilt – die „Studiensinfonie“ und die für „nicht giltig“ erklärte „Nullte“ werden nicht gezählt – wirft ein Problem auf: Ihr vierter Satz blieb unvollendet. Gerd Schaller hat ihn auf der Basis von Skizzen vervollständigt und die komplettierte Sinfonie auf CD eingespielt. Dass er Noten im Sinne Bruckners schreiben kann, zeigt, wie tief er in dessen Gedanken- und Gefühlswelt steckt. Bei Gerd Schaller scheint das so weit zu gehen, dass er inzwischen seinerseits Änderungen an „seinem“ vierten Satz vorgenommen hat. Es gibt schon eine zweite Fassung.

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