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    Würzburg

    Ausstellung im Kulturspeicher: Sonne muss draußen bleiben

    14 Jahre Arbeit investierte Künstler Martin Willing in einen schlangenförmigen Hohlstab. Seine Arbeiten und die des Malers Helmut Dirnaichner sind in Würzburg zu sehen.
    "Farbe im Stein - Schwingung im Metall" heißt die Ausstellung, die bis Ende Juli im Würzburger Kulturspeicher zu sehen ist. Bei einer ersten Führung versprach Museumsleiterin Marlene Lauter, dass Aufseher einen Teil der Exponate regelmäßig in Bewegung versetzen werden.  Foto: Dita Vollmond

    Künstler sind widersprüchliche Wesen. Wie immer man sie definiert, haben sie einen wackligen Bezug zur Gesellschaft. Daneben gewinnt jede kreative Persönlichkeit durch individuelle Unvereinbarkeiten. Der Maler Helmut Dirnaichner zum Beispiel schwärmt davon, dass sich seine Farben im Lauf eines Tags bei wanderndem Sonnenlicht „unentwegt ändern“. Nur: Seine typischen Bildwerke vertragen gar keine Sonne. Er selbst stellt das raue Papier her und schöpft bei diesem handwerklichen Vorgang die – ebenfalls eigenhändig aus Stein gestoßenen – Farbpigmente auf die Zellulose. Die Ergebnisse sind trotz ihres urtümlichen Entstehungsprozesses so lichtempfindlich wie Aquarelle.

    Doppelschau: Maler und Metallbildner stellen gemeinsam aus

    Das Sonnenlicht muss im Würzburger Kulturspeicher also draußen bleiben, wo Dirnaichner 44 Arbeiten bis zum 28. Juli ausstellt: „Farbe im Stein, Schwingung im Metall“ heißt die Doppelschau mit dem Metallbildner Martin Willing. Von dem stammt die beliebteste Plastik in der Sammlung Konkrete Kunst, eine flache Metallschale aus drei Titanstreifen, die, einmal angestoßen, ruhig und leicht unvorhersehbar auf und nieder pulsieren. 32 solcher Bewegungsspiele stehen nun in den zwei Sälen. Schon die Hälfte davon würde einen Besuch lohnen. Museumsleiterin Dr. Marlene Lauter versprach bei der ersten Ausstellungsführung am Mittwoch, die Aufseher würden die Willing-Werke regelmäßig in ihre faszinierenden Bewegungen versetzen.

    Helmut Dirnaichner Foto: Dita Vollmond

    Die beiden Künstler stellten beim Anordnen ihrer Ausstellungsstücke fest, dass es viele Parallelen zwischen ihnen gibt. Manches liegt freilich nicht auf der Hand. So lassen sich die ungleichen Kollegen tief auf die Materialgesetze ihrer Stoffe ein. Bei Dirnaichner verläuft dies mehr kunstgeschichtlich. Seine Pigment-Präsentationen können den Betrachter für die historische Freskomalerei sensibilisieren. Einige Exponate sind senkrechte Pinselstriche auf Kalkputz, deren flüchtige innere Vielfalt ehrfürchtig an Renaissance-Genies denken lässt: In so einem anspruchsvollen Medium haben diese Meister Sixtinische Kapellen ausgemalt! Welch ein Vorausdenken war dazu nötig!

    Metallskulpturen schwingen und schwanken vor sich hin

    Von einem ähnlich weiten Kalkulieren sieht man Martin Willings Metallskulpturen gar nichts an. Die schwingen und schwanken lustig friedlich vor sich hin. Aber: Damit sie nicht müde zu Boden hängen, hat der Physiker und Künstler Willing sich penibel mit Metalleigenschaften und Schwerkraft auseinandergesetzt. Damit die Spirale „Röhre, horizontal, verjüngt“ im Ruhezustand waagerecht ragen kann, darf man sie nicht einfach gerade in den Raum hinein wickeln.

    Martin Willing Foto: Dita Vollmond

    Willing fertigte 1989 einen Federstahlwendel an, der, auf einer Fläche liegend, gekrümmt ist wie ein Ausschnitt aus einem Notenschlüssel. Montiert man ihn jedoch an eine Wand, nimmt das komplexe geometrische Gebilde dank der Schwerkraft seine simpelstmögliche gestreckte Form an. Und lässt sich in kreisende Nickbewegungen versetzen. Sein „Hohlstab, schlangenförmig, verdreht zum Kubus geschichtet“ von 2001 ist, abgewickelt, 60 Meter lang und war 14 Jahre in Arbeit. Zum Glück gab es während der Schaffensperiode technologische Neuerungen, die dem Künstler die Weiterarbeit erleichterten.

    "In dem Moment, wo ich es hinhänge, ist es ein Bild"
    Helmut Dirnaichner, Maler

    Martin Willing, der in einer Fahrradwerkstatt aufwuchs, kann viel aus dem Innenleben seiner Werke erzählen. Helmut Dirnaichners Geschichten beziehen sich häufig auf Orte, an denen er Steine, aber auch Bäume für seine Bilder fand. Er bildet den subjektiven Gegenpol zu Willings kühler Kunst. Für den stämmigen, bärtigen Oberbayern geht sein persönliches Erleben während des – ebenfalls oft langwierigen – Schaffensprozesses in die Bildwerke ein. Die bestehen häufig aus gekurvten, gespitzten Einzelelementen, die in Ensembles direkt an der Wand hängen. Sie haben keine für immer festgelegte Struktur. Dirnaichner hängt sie zwar mit Hilfe von Schablonen, aber die verändert er ab und an. Oder er improvisiert: „In dem Moment, wo ich es hinhänge, ist es ein Bild“, erklärte er während der Künstlerführung. Die Ausstrahlung entstehe „aus der Idee heraus. Ich male sie nicht, ich empfinde sie.“ Da fiel Martin Willing lächelnd ein: „Bei mir entsteht die Bewegung aus dem Metall heraus.“

    Vernissage am 31. Juni, 18.30 Uhr. Künstlergespräch mit Martin Willing und Helmut Dirnaichner am 3. Juli, 18.30 Uhr. Öffnungszeiten: Di. 13-18 Uhr, Mi.-So. 11-18 Uhr

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