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    Würzburg

    Beklemmung pur beim Wendestück am  Mainfranken Theater Würzburg

    Eingeengt, eingezwängt in der Wohnung des Vaters und in traumatischer Erinnerung: Martin Liema als Sohn in "Kein Schiff wird kommen" in der Kammer des Mainfranken Theaters. Foto: Gabriela Knoch

    Was will der Sohn eigentlich? Weshalb kommt er zurück nach Föhr, hält dem Vater das Mikro unter die Nase und stöhnt dann doch nur, weil ihm nicht passt, was der Alte erzählt? Junger Autor ist er, lebt in Berlin – und hat den Auftrag, ein Stück über die Wende zu schreiben. Nur, neun Jahre alt war er selbst, als die Mauer fiel. Und aufgewachsen auf der Nordseesinsel, hat er null Bezug zur Wendezeit. Aber er muss liefern, der Literatur- und Theaterbetrieb verlangt im Jubiläumsjahr halt was Gehaltvolles zur Wiedervereinigung. Also zwingt sich der Sohn zur Recherche nach Föhr. Soll der Vater erzählen, wie er den Mauerfall erlebte und sah.

    Und dann regt sich dieser Sohn doch nur auf über Vaters Mundgeruch und immergleiche Pizza- und Bier-Fürsorglichkeit. Der Zuschauer, der jetzt in der engen Kammer des Würzburger Mainfranken Theaters sitzt, fragt sich bald, was will dieses Stück eigentlich? „Kein Schiff wird kommen“ des Dramatikers Nis-Momme Stockmann, selbst 1981 auf Föhr geboren, steht, inszeniert vom neuen Hausregisseur Kevin Barz, natürlich nicht ohne Grund in der Spielzeit 2019/2020 auf dem Plan. Lässt sich der Herbst 1989 doch so passend zum 30-Jährigen...      

    Die beigen Wohnzimmerwände scheinen sich immer weiter in den Raum zu schieben

    Aber ein Stück über die Wende ist es dann genau nicht. Der lamentierende Sohn, von Martin Liema mit nötiger Gereiztheit, Ungeduld und dickem Hals gespielt, findet in der engen 30-Quadratmeter-Wohnung des ergrauten, gebeugten Vaters, dem Georg Zeies liebevolle Verwunderung und Verstocktheit verleiht, keinerlei Ansatz für ein politisches Drama.

    Der Vater: Georg Zeies im Stück von Nis-Momme Stockmann am Mainfranken Theater.  Foto: Gabriela Knoch

    Je größer die Ratlosigkeit, desto enger wird es in der Kammer. Auch dank Catharina Bornemanns Bühne: Die beigen Wohnzimmerwände, an denen leere Bilderrahmen hängen, scheinen sich immer weiter in den Raum zu schieben. Weil klar wird, dass hier auf Föhr, im Wendejahr Schlimmes geschah... Im größten Rahmen an der Wand kulminieren die Erinnerungen als flirrende Projektion.

    Worüber Vater und Sohn nie sprachen, was wie eine Mauer zwischen ihnen steht, wird hier flackernd sichtbar. „Kein Schiff wird kommen“ endet als Familientragödie und als beklemmendes, fesselnd düsteres Stück über Verfolgungswahn, psychische Krankheit und schiere Verzweiflungstat.
    Christina Theresa Motsch, die auf der Projektionsfläche, im schummrigen Raum der Erinnerung, die schreiende, angstgepeinigte Mutter gibt, kommt erst zum Schlussapplaus auf die Bühne. Die Beklemmung und Ratlosigkeit über dieses Stück bleibt.

    Die nächsten Vorstellungen: 2., 9. , 23. und 25. Oktober um 20 Uhr. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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