• aktualisiert:

    Würzburg

    Belehrung? Nein danke! Was Menschen sich im Museum wünschen

    "Die Leute gehen nicht ins Museum, um in der Schule zu stehen", sagt Guido Fackler, Professor für Museologie an der Universität Würzburg. Foto: Johannes Kiefer

    Was wollen Menschen, wenn sie in ein Museum gehen? Eines wollen sie nicht: "Sie gehen nicht ins Museum, um in der Schule zu stehen." Sagt Guido Fackler, Professor für Museologie an der Universität Würzburg. Heißt: Sie kommen nicht, um belehrt zu werden, sich durch komplizierte wissenschaftliche Texte zu wühlen, möglicherweise ihr Unwissen schmerzhaft vorgeführt zu bekommen. "Es kommen etwa fünf Prozent, die ein wissenschaftliches Interesse an den Objekten haben", sagt Fackler, "aber was ist mit den restlichen 95 Prozent?"

    "Was mit Kindern funktioniert, funktioniert auch mit Erwachsenen"

    Was Menschen wollen, die ins Museum gehen, und wie man sie für das interessieren kann, was man ihnen zeigen möchte, damit beschäftigt sich die verhältnismäßig junge Disziplin der Museologie. Im Masterstudiengang bekommen die Studierenden in Würzburg seit 2014 ein Semester lang eine praktische Aufgabe gestellt: Sie sollen für einige tatsächlich existierende Ausstellungsstücke neue Vermittlungskonzepte erarbeiten. Titel des Seminars: "Museumsobjekte in neuem Licht". In diesem Sommersemester haben sich nun vier Gruppen mit vier Objekten befasst und ihre Ergebnisse in der Kelterhalle des Museums für Franken präsentiert. 

    Neugier wecken: So stellen sich die jungen Museologinnen die Präsentation des "Streichholzaltars" von Robert Höfling vor. Foto: Johannes Kiefer

    An Anfang stehen immer Bestandsaufnahme und Besucherforschung: Die Studierenden beobachten die Besucher im Museum und befragen sie. Wie ist das Objekt derzeit ausgestellt, wie reagieren die Besucher? Was würden sie sich wünschen, was fehlt ihnen, was hätten sie gerne näher erklärt? Hier decken sich die in "Affinity Diagrammen" visualisierten Ergebnisse aller Gruppen: Museumsbesucher wollen sich wohl und willkommen fühlen. Sie schätzen einen gewissen Komfort, etwa Sitzgelegenheiten nicht irgendwo in einer Ecke, sondern direkt vor den Objekten. Sie wollen Dinge entdecken können und Geschichten erzählt bekommen. Oder, wie es eine Studentin formuliert: "Was mit Kindern funktioniert, funktioniert auch mit Erwachsenen."

    Alle Objekte sind derzeit nicht übermäßig effektvoll präsentiert

    Interessanterweise haben alle Gruppen festgestellt, dass ihre Objekte – allesamt prominente Ausstellungsstücke – nicht übermäßig gut ankommen. Zumindest nicht so, wie sich die Kuratoren das vermutlich wünschen. Am Altar "Perit mundus – Fiat iustitia" von Robert Höfling im Museum am Dom etwa gehen die meisten Besucher einfach vorbei, obwohl das große Werk, von den Studierenden liebevoll "Streichholzaltar" genannt, mit seinen Flächen aus feuergeschwärzten Streichholzschachteln und seiner schieren Größe kaum zu übersehen ist. Michael Koller, kommissarischer Leiter des Museums, gibt denn auch freimütig zu, dass das Objekt derzeit eher unter Wert präsentiert in einer Ecke steht.

    Erich Schneider, Direktor des Museums für Franken Foto: Johannes Kiefer

    Die Gruppe holt den Altar also aus seiner Ecke, umgibt ihn mit einem Vorhang, vielleicht auch einem Schleier und gibt der Präsentation den Titel "Curiosity Killed The Cat". Interne Übersetzung: "Neugierige Katzen verbrennen sich die Tatzen". Der Vorhang soll neugierig machen. Hinzu kommen Angebote für alle Sinne: Musik, Geräusche (etwa eines anbrennenden Streichholzes) und sogar Düfte. Angestrebt ist dabei vor allem eines: Die Inszenierung der verstörenden, irritierenden, beunruhigenden Aspekte des Kunstwerks, ganz im Sinne seines Hammelburger Schöpfers Robert Höfling (1919-1997), den Erich Schneider, Direktor des Museums für Franken, "mit allem Respekt" einen "verrückten  Hund" nennt.

    Die Menschen wollen Zusammenhänge erkennen

    Ein weiterer Ansatz moderner Museumspräsentation ist die Kontextualisierung. Die Menschen wollen Zusammenhänge erkennen. So ist das Kiliansbanner aus dem Museum für Franken ja nicht nur ein ziemlich großes, sehr, sehr altes Stück Stoff mit einem Heiligen drauf, sondern eines der bedeutendsten Objekte der Würzburger Geschichte überhaupt. Unter dem Schutz dieses Banners, mitgeführt auf einem Ochsenkarren, zogen die Würzburger im Jahr 1266 in die Schlacht gegen die Grafen von Henneberg und Castell – und siegten.

    Die Modelle mit den Ideen für neue Präsentationen Foto: Johannes Kiefer

    Die Gruppe hat einiges erdacht und wieder verworfen. Etwa eine Sitzgelegenheit in Form des Ochsenkarrens. "Wir wollten keine historische Wirklichkeit vorspielen", sagt eine Studentin bei der Präsentation. Stattdessen eine große Bank gegenüber dem Objekt, Projektionen mit einer stilisierten Dramatisierung der Ereignisse, Informationen zur Bedeutung von Farben im Mittelalter und eine Medienstation, an der Besucher die ursprünglichen (inzwischen verblassten) Farben des Banners rekonstruieren und das Ergebnis sich selbst (oder einem anderen) als E-Mail schicken können. 

    Manchmal macht schon ein anders gestaltetes Podest den Unterschied

    Zentraler Ansatz des Museums am Dom ist die direkte Konfrontation von alter und neuer Kunst. Die Beziehung zwischen Tilman Riemenschneiders steinernem Jakobus, Schutzpatron der Pilger,  und der modernen Skulptur "Pilger" von Antonius Höckelmann (1937-2000) erschloss sich der Gruppe dennoch nicht. Sie wählt deshalb das Thema Pilgern als Leitmotiv und stellt mit interaktiven Vitrinen zu Judentum, Christentum, Islam einen Zusammenhang her. Manchmal machen auch kleine Elemente den großen Unterschied: Der Pilger bekommt ein rundes Podest statt seines derzeitigen Eckigen. Das macht ihn zugänglicher und ermuntert, ihn zu umrunden.

    Dass sich wissenschaftliche Korrektheit und lebendige Präsentation nicht immer ganz einfach kombinieren lassen, zeigt das Ergebnis der Gruppe, die sich mit dem Höchberger Hortfund aus dem 5. Jahrhundert befasst hat.  2015 war nahe der Festung Marienberg ein vor 1500 Jahren vergrabener Schatz hauptsächlich aus römischem Trinkgeschirr gefunden worden. Die Gruppe lässt vor dem Hintergrund einer Landkarte mit dem Limes den fiktiven Römer Iunius und die fiktive Germanin Lenya aus ihrem Leben erzählen. Schönheitsfehler: Den Limes gab es im 5. Jahrhundert bereits nicht mehr, und dass eine Frau im Zusammenhang mit dem Hort eine Rolle gespielt haben soll, glaubt Margarete Klein-Pfeuffer auch nicht. Klein-Pfeuffer ist Archäologin am Museum für Franken: "Es gibt so vieles, was man nicht genau sagen kann. Das ist inhaltlich sehr, sehr schwierig."

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!