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    Würzburg

    Buchpreisträger Saša Stanišic begeistert Würzburger Publikum

    Der Autor las im Stehen theatralisch aus seinem Roman "Herkunft", unterstrich mit dem gesamten Körper die Handlung und löste alles ironisch in befreiendes Lachen auf.
    Saša Stanišic im Oktober bei der Verleihung des deutschen Buchpreises. Foto: Andreas Arnold, dpa

    Restlos ausverkauft war die Lesung mit Saša Stanišic, dem diesjährigen Träger des Deutschen Buchpreises, und das bereits zwei Wochen, bevor dem Autor am Vorabend der diesjährigen Frankfurter Buchmesse der Preis verliehen wurde. Wobei die Veranstaltung in der Würzburger Stadtbücherei mit dem Begriff „Lesung“ nur höchst unzulänglich beschrieben wäre. Stanišic trug seine Texte, neun kürzere Kapitel aus dem preisgekrönten Roman „Herkunft“ im Stehen vor.

    Im Laufe des Abends gewann sein Vortrag zunehmend theatrale Momente, locker, gelöst und humorvoll lebte Stanišic die Passagen wie auf einer Bühne mit, glich Tonlage, Lautstärke und Tempo den jeweiligen Stellen an, unterstrich mit den Händen und dem gesamten Körper die Handlung und löste alles mit einer ironischen Wendung in heiteres und befreiendes Lachen auf.

    Beim Rheingau-Literatur-Preis bekam er 111 Flaschen Riesling

    Und doch überschritt er nie die Grenze zur effektheischenden Show, nahm Worten und Sprache nie den Raum zur Entfaltung. Zu keinem Moment merkte man, dass es die 61. Lesung aus diesem Buch und zugleich die vorletzte in diesem Jahr ist, das „für mich ein sehr aufregendes gewesen ist“, wie er durchaus bescheiden den bisherigen Höhepunkt seiner an Preisen nicht armen schriftstellerischen Karriere bezeichnet.

    „Immerhin ist das Preisgeld inzwischen auf meinem Konto eingegangen“, fügte er hinzu und erinnerte sich, ausgelöst vom bacchantischen Gastgeschenk der Stadtbücherei, fast ein bisschen wehmütig an den Rheingau-Literatur-Preis, der ihm im Jahr 2016 neben dem Preisgeld zusätzlich 111 Flaschen Riesling bescherte.

    Ein autobiografischer Streifzug die Kindheit in Ostbosnien und das Aufwachsen in Heidelberg

    Dem konzentriert lauschenden Publikum bescherte der 1978 in Višegrad in Ostbosnien als Sohn eines serbischen Vaters und einer bosniakischen Mutter geborene Stanišic ein Best-of der Lieblingsstellen aus „Herkunft“, das im Kern ein autobiografischer Streifzug durch Erinnerungen an die Kindheit und das spätere Aufwachsen als Schüler in Heidelberg ist, in das die Eltern vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg im Jahr 1992 geflohen waren.

    Er spannt den Bogen vom Staffellauf beim „Tag der Jugend“ im damaligen Jugoslawien, über das mit dem Vater besuchte Fußballspiel „seines“ Vereins Roter Stern Belgrad gegen Bayern München am 24. April 1991, die Anfänge des „Erwerbs der deutschen Sprache“ an der Internationalen Gesamtschule Heidelberg, seine Teilnahme an einem schulischen Malprojekt, nur um der vergötterten Rieke näher zu kommen, bis hin zu seiner Clique migrantischer Außenseiter, die sich immer an einer Aral-Tankstelle ihre kleinen Fluchten aus dem Alltag nahmen.

    Filigran und in einer poetisch dichten Mischung aus Fiktion und Essay umkreist der Autor ein Leben, das sich seiner Wurzeln bewusst ist und doch jeden falschen Heimat-Diskurs rechts liegenlässt. Ein in jeder Hinsicht herausragender Abend mit einem mehr als sympathischen Geschichte(n)-Erzähler.

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