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    Würzburg

    Clevere Kniffe für eine "Götterdämmerung" ohne Mammut-Orchester

    Blick in den Graben des Mainfranken Theaters bei einer Probe für Puccinis "La Bohème". bei der "Götterdämmerung" wird es hier noch ein wenig enger werden. Foto: Thomas Obermeier

    Die Aufgabe klingt knifflig, und sie ist es auch: Wie reduziert man ein 115-Mann-Orchester auf knapp die Hälfte, ohne dass das Stück hinterher entsprechend reduziert klingt? Sie stellt sich immer dann, wenn ein kleineres Haus ein Musikdrama von Wagner inszeniert, vor allem eines aus dem monumentalen "Ring"-Zyklus. Denn in Sachen Zeit-, Platz- und Personalaufwand kann es in der Welt der Oper niemand mit dem Bayreuther Meister aufnehmen. Hinzu kommen ein Bestiarium spezieller Instrumente und extreme Anforderungen an Stimmkraft und Ausdauer der Sänger. 

    Die Aufgabe der Reduktion hat sich nun auch dem Mainfranken Theater Würzburg gestellt, wo am 26. Mai "Götterdämmerung" Premiere hat, vierter Teil der "Ring"-Tetralogie. Natürlich hätte man das Mindener Modell wählen können, wo in einem vergleichsweise kleinen Theater das Orchester komplett auf der Bühne sitzt und die Sänger davor agieren. "Aber wir wollten eine echte szenische Aufführung, mit Bühne und Graben", sagt Enrico Calesso, Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters.

    Generalmusikdirektor Enrico Calesso am Pult des Philharmonischen Orchesters: "Wir haben für die ,Götterdämmerung' 23 Orchesterproben angesetzt – mehr als jemals zuvor für irgendein Stück." Foto: Thomas Obermeier

    Also musste eine Bearbeitung her. Zwei gab es bereits, die sogenannte Coburger Fassung von Anfang des 20. Jahrhunderts und eine aus den 1940er Jahren. Die aber verkleinern einfach das Orchester und/oder lassen die wagnertypischen Instrumente und die Bühnenmusik weg. "Das bedeutet einen Verlust von Farben, den wir nicht wollten", sagt Calesso.

    Es wird deshalb eine Würzburger Uraufführung geben. Die der Transkription des Dirigenten und Komponisten Eberhard Kloke, Jahrgang 1948. Kloke war von 1988 bis 1994 Generalmusikdirektor in Bochum. Von 1993 bis 1998 leitete er Oper und Staatsphilharmonie Nürnberg. Vor allem aber ist er spezialisiert auf Neufassungen, Bearbeitungen und Transkriptionen. Die Herausforderung bei Wagner habe darin bestanden, "eine Art neuer Klangsynthese" zu schaffen, schreibt Kloke in der Einleitung zu seiner Neufassung. 

    Für das kleinere Theater muss auch ein abgespeckter Klang her

    Das Festspielhaus Bayreuth hat akustisch gesehen völlig eigene Regeln. Das Orchester sitzt tief unter dem Boden, eine riesige Muschel trennt Saal und Graben und lenkt den Klang zunächst auf die Bühne. Im Publikum kommen die oft von mehreren Instrumentengruppen gleichzeitig erzeugten Klänge – man nennt das Verdopplungen – gleichsam gefiltert, gemildert an. In anderen Häusern wirken sie dagegen ungleich wuchtiger, dröhnender. Kloke spricht deshalb davon, Wagner klanglich zu "entkernen", den "üppig-fetten" Sound aufzubrechen, "um das Klangbild zu verschlanken und differenziertere Klangschärfung zu erreichen".

    Übrigens ganz im Sinne Wagners, dessen ausdrückliches Ziel es ist, das "Sprachorgan des Orchesters" so zu vervollkommnen, dass "es jeden Augenblick das in der dramatischen Situation liegende Unaussprechliche dem Gefühle deutlich kundgeben könne". Klokes Fassung der "Götterdämmerung" sei also weit mehr als nur eine Verkleinerung des Orchesters, sagt Enrico Calesso. "Er behält alle Wagner-Instrumente wie Wagnertuben, Stierhörner, Kontrabassposaune oder Basstrompete bei. Das ist wichtig für den Klang. Gleichzeitig verschlankt Kloke viele Verdopplungen."

    Eberhard Kloke organisiert das Orchester komplett um

     Aus 64 Streichern im Original werden 33; zehn erste, acht zweite Geigen, sechs Bratschen, fünf Celli und vier Kontrabässe. In Würzburg fallen noch je ein Cello und ein Kontrabass weg – sie passen schlicht nicht in den Graben. "Wir sind absolut am Limit", sagt Calesso. Holz- und Blechbläser sind ebenfalls entsprechend weniger. Kloke belässt es allerdings nicht bei Streichungen. Er organisiert das Orchester komplett um. Arbeitsverdichtung, würde man das in der Wirtschaft nennen.

    So helfen die zweiten Geigen aus, wenn die ersten eine Stelle spielen, die besonders mächtig rüberkommen soll. So haben drei der sechs Hornisten die Verpflichtung zur Wagnertuba, das heißt, sie müssen unterwegs vom Waldhorn auf das dunkler klingende Instrument wechseln. Das müssen die Hornisten im großen Wagner-Orchester auch, nur teilen sich dort acht Bläser die Arbeit und nicht nur sechs. "Im Durchschnitt muss bei uns jeder ein Drittel mehr blasen", sagt Enrico Calesso, "das ist eine enorme Anstrengung."

    "Wagner nutzte alles, was er zu seiner Zeit hatte", sagt Calesso. So hat er im "Parsifal", seinem letzten Musikdrama, das neu von der Firma Heckel entwickelte Kontrafagott eingesetzt, das es noch nicht gegeben hatte, als er den "Ring" komponierte. In Klokes "Götterdämmerung" kommen deshalb einige Instrumente zum Einsatz, die Wagner noch nicht kannte, vermutlich aber eingesetzt hätte, hätten sie ihm zur Verfügung gestanden:  Altflöte, Kontrabassklarinette, Celesta und Xylorimba, eine Art Xylofon mit größerer Reichweite. Sie alle erzeugen im Verein mit den anderen Instrumenten hybride, also Mischklänge, die das Klangspektrum des Orchesters erweitern und so wiederum Wagners Anspruch größtmöglicher Differenzierung erfüllen sollen. Enrico Calesso: "Das ist im Sinne von Wagner weitergedacht."

    Die Celesta kommt zum Einsatz, wenn sphärische, ätherische Stimmungen gefragt sind

    Die Celesta wird dabei zum Alleskönner: Den glockenhellen Klang dieses Tasteninstruments kennen die meisten Opernbesucher aus der "Zauberflöte", wo sie heute meist das Glockenspiel ersetzt. In der "Götterdämmerung" kommt sie zum Einsatz, wann immer sphärische, ätherische Stimmungen gefragt sind. Und: Sie ersetzt mal eben fünf Harfen – sechs sind bei Wagner vorgeschrieben, hier erledigt eine plus Celesta die Arbeit. Immer wieder eilen die Instrumente einander zu Hilfe, um drohende Löcher zu stopfen. So spielen bei Kloke nur drei Klarinetten (eine mit Verpflichtung zur Bassklarinette). Wo Wagner vier fordert, hilft die klanglich verwandte Altflöte aus. "Das ist sehr clever gemacht", sagt Enrico Calesso. 

    Der dritte große Eingriff: Kloke greift auf archaische beziehungsweise moderne Spieltechniken zurück, etwa das Bogenvibrato, bei dem der Bogen ruckartig über die Saite gezogen wird, was eine Art Wummern oder eben Vibrato erzeugt. Das passt zu den vielen Passagen bei Wagner, die im Grunde an die Rezitative im Barock erinnern. Oder das Bartók-Pizzicato, bei dem die Streicher die Saite so zupfen, dass sie aufs Griffbrett schnalzt, was einen perkussiven Effekt erzeugt.

    Viermal schon haben die Bühnenleute des Mainfranken Theaters Stühle und Pulte testweise im Graben aufgebaut, am 8. Mai ist die von allen mit Spannung erwartete erste Sitzprobe, bei der sich herausstellt, ob tatsächlich alle reinpassen. "Und dann müssen wir schauen, dass alles in unserem Graben auch klingt", sagt der Generalmusikdirektor. An der Vorbereitung soll es nicht scheitern. Calesso: "Wir haben 23 Orchesterproben angesetzt – mehr als jemals zuvor für irgendein Stück." 

    Richard Wagner: "Götterdämmerung". Mainfranken Theater Würzburg, Premiere am Sonntag, 26. Mai, 16 Uhr. Karten: Tel. (0931) 3908-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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