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    Würzburg

    Comedian Harmonists in Würzburg: Warum man sich beeilen muss

    Die fünf Sänger und ihr kleiner grüner Kaktus: "Comedian Harmonists" am Mainfranken Theater in Würzburg Foto: Thomas Obermeier

    Vorab eine Warnung und ein Tipp. Erst der Tipp: Wer im Mainfranken Theater Würzburg dieses Stück sehen will, das bis April nun noch zwölf Mal auf dem Spielplan steht, sollte rechtzeitig Karten besorgen. Vermutlich wird öfters mal oder vielleicht bald immer das "Ausverkauft"-Schild an der Abendkasse hängen. So wie damals, 1930, als die Comedian Harmonists zum ersten Mal auf Konzerttournee gingen, rasch im ganzen Land bekannt wurden und bald so beliebt waren, dass eine Zeitungsnotiz genügte, um in großen Städten die Säle zu füllen. Im Mainfranken Theater hatte ja offenbar auch schon der Name genügt, um bei der Premiere am Samstag die Reihen bis ganz hinten und oben dicht zu füllen. Wenn jetzt die Runde macht, dass die Comedian Harmonists...

    Achtung, Ohrwurm-Gefahr

    Halt, schnell noch die Warnung. Wer anfällig ist für Würmer im Ohr und nicht den ganzen Nachhauseweg und die halbe Nacht von der schönen Isabella aus Kastilien und von Veronika pfeifen, über den kleinen grünen Kaktus singen und einen Freund, einen guten Freund besummen will, der sollte lieber nicht in dieses Stück. Weil, man wird sich da einige Ohrwürmer holen.

    Wie "Liebling, mein Herz läßt Dich grüßen" aus jenem Durchbruchsjahr des einst so populär gewordenen Berliner Vokalensembles, das schlichte Volkslieder – einzig vom Klavier begleitet – in so vollendeter, inniger Harmonie sang und seine Schlager so flott und gewitzt darbot, dass Zuhörer allüberall enthusiastisch jubelten und sich Kritiker überschlugen.

    Zwischen Brahms und Blues: Auf mühsamem Weg zum Erfolg

    Auf der Bühne im Mainfranken Theater sind sich die fünf Sänger und ihr Pianist eben noch übermüdet, erschöpft, hungrig und deprimiert fast an die Gurgel gegangen. Seit Monaten proben und üben sie jetzt, Nacht für Nacht, stundenlang. Weil sie sich tagsüber beim Chorsingen verdingen oder irgendwelchen Gelegenheitsarbeiten nachgehen müssen. Weil sie gerade mal ein paar wenige Lieder zusammen haben und es immer noch nicht so wie bei den "Revelers", dem berühmten amerikanischen Vorbild klingt. Das deutsche Pendant wollen sie werden, doch noch tun sie sich mit der Musik – irgendwo zwischen Brahms und Blues – schwer.

    Aber als da plötzlich nachts um halb Vier die keifende Wirtin in der Türe steht, mit Kittelschürze, Haube, Pantinen und Waschkorb, da geht es plötzlich wunderbar zusammen. Da stimmen die Töne, da ist alles ein einziger zarter Wohlklang. Küss' die Hand, Madame!

    Zwölf Rollen für den einzigen, der nicht singt

    Ob's an der Wirtin liegt? Alexander Darkow soll zuvorderst erwähnt werden. In der Inszenierung von Andreas Wiedermann ist er der einzige, der nicht singt oder musiziert – und er hat mächtig zu tun. Protestierende Wirtin, gelangweilter Variété-Direktor, geschäftstüchtiger und zigarettenrauchender Musikagent, Conferencier, Platten-Label-Chef, SA-Mann, Arbeitsloser, Telegrammbote, Garderobier, Theaterdirektor ... in zwölf Rollen und ebenso viele Kostüme schlüpft Darkow und mit Pfiff, Komik und Schnodderschnauze verkörpert er quasi mal eben den ganzen Musikbetrieb und die Gesellschaft der ausgehenden Goldenen Zwanziger im Alleingang.

    Auf dem Plattenteller: das Quintett in Aktion Foto: Thomas Obermeier

    Den Rest besorgt das clevere Bühnenbild von Aylin Kaip. Die Comedian Harmonists bewegen sich, choreografiert von Elisabeth Margraf, auf einem kleinen Plattenteller. Erst mit Hosenträgern, Knickebockern und Pullunder. Später mit Frack und lackglänzenden Schuhen. Wann immer nötig, dient der riesige Grammophontrichter dahinter als Projektionsfläche für bewegte Bilder aus der Zeit.

    Und die, die singen? Man mag keinen unter den drei Tenören, dem Bariton, dem Bass herausheben. Cedric von Borries, Martin Pauli, Wolfgang Mirlach, Daniel Fiolka und Jakob Mack verstehen es, angeleitet von ihrem Pianisten André Callegaro, die so oft gehörten, abgenudelten Schlager frisch, stimmig und eben auch in schönster Innigkeit und Harmonie gemeinsam wie neu zu präsentieren – und wie einst unter großem Jubel im Saal.

    Keine Dokumentation – sondern ein Stück über den Glauben an sich und die Freunde

    Autor Gottfried von Greiffenhagen geht es in seinem vor 30 Jahren uraufgeführten "Schauspiel mit Musik" nicht darum, wie es wirklich gewesen sein mag – in der Dachkammer von Harry Frommermann, der die Revelers so liebte und 1927 via Zeitungsannonce Berufssänger für ein eigenes Ensemble suchte. Und beim kometenhaften Aufstieg. Bei den Schallplattenaufnahmen. Oder 1932 beim Auftritt in der nicht gerade für Unterhaltungsmusik gedachten Berliner Philharmonie, bei dem es das konservative Publikum von den Sitzen riss. Wie es war, beim beschämenden Gang vor die Reichskulturkammer 1934...

    Es geht in diesem Stück – frei, lebhaft – um Freundschaft und den Glauben an sich und die Gruppe. Um Zusammenraufen, um den Umgang mit Scheitern und Erfolg. Und schließlich um schleichendes Gift und die Macht, mit der ein Terrorregime alles zerstört.

    Bitteres Ende – und der Grammophontrichter in Trümmer

    Drei Juden, drei Arier – die Comedian Harmomists werden gespalten. Den Zwang, nur noch im Ausland auftreten zu können, hält das Sextett nicht aus. "Nicht die Nazis sind schuld, Ihr seid es", werfen die einen den anderen vor. Auf der Bühne ist es der Schalltrichter, der da donnernd unter Theaterdonner zerbricht.

    Ein trauriges Ende. Das aufgefangen wird durch reichlich Zugaben, den geplanten und den vom Premierenpublikum stehend verlangten. "Wochenend und Sonnenschein" ... Wie gesagt, man hat danach was im Ohr. Und die Karten werden wohl rasch knapp werden.

    Nächste Aufführungen am Mainfranken Theater am 26. Oktober, 7. und 13. November und 1. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Karten unter Tel. (0931) 39 08-124, E-Mail: karten@mainfrankentheater.de

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