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    Würzburg

    Denkmaltag widmet sich revolutionären Ideen in der Baukunst

    Schrotturm, Rathaus und Museum Georg Schäfer in Schweinfurt aus ungewöhnlicher Perspektive. Das preisgekrönte Foto illustriert das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals optimal: Umbrüche in Kunst und Architektur. Foto: Vladimir Budin

    Jedes Jahr machen sich am Tag des offenen Denkmals Millionen von Menschen auf den Weg, um Gebäude zu besichtigen, von denen viele sonst verschlossen sind. Oftmals werden nicht nur Türen geöffnet, sondern auch Führungen angeboten. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

    Laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die Aktionen seit 1993 bundesweit koordiniert, ist der Denkmaltag hierzulande eine der größten Kulturveranstaltungen. Bei der 26. Auflage an diesem Sonntag, 8. September, steht ein runder Geburtstag im Mittelpunkt. Anlässlich des 100. Geburtstags des Bauhauses lädt die Denkmalstiftung ein, "den Blick auf alle revolutionären Ideen oder technischen Fortschritte über die Jahrhunderte zu richten". Das Motto des diesjährigen Aktionstags lautet dementsprechend "Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur".

    Das Bauhaus als Paradebeispiel für einen Umbruch in der Architektur

    Wie haben diese Umbrüche neue Kunst- und Baustile herbeigeführt, fragen die Koordinatoren. Die Umbrüche seien "Zeitzeugnisse der jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten". Und das Bauhaus mit seiner ideellen und ästhetischen Ausrichtung ein Paradebeispiel für das "Moderne" und vor allem für den Umbruch.

    Das Bauhaus, gegründet vom Architekten Walter Gropius, gab es nur 14 Jahre: von 1919 bis 1933. Die Nationalsozialisten befahlen die Schließung. Den Erfolg konnten sie nicht aufhalten. Der Architekt Mies van der Rohe bezeichnete das Bauhaus als eine Idee und die Baukunst als "Ausdruck dafür, wie sich der Mensch gegenüber der Umwelt behauptet und wie er sie zu meistern versteht". Baukunst sei immer der räumliche Ausdruck geistiger Entscheidung.

    Bauhaus in Würzburg: In der Keesburgstraße (Bild) und im Lerchenhain stehen vier Häuser des Architekten Peter Feile im Bauhaus-Stil. Foto: Thomas Obermeier

    Das Bauhaus beschäftigte sich jedoch nicht nur mit Baukunst, sondern mit allen Formen der Kunst, mit Design, mit Handwerk. Stühle wurden entworfen, weitere Möbel, Teppichmuster, Schachspiele, Lampen, Teeservice. Die Werkstätten beschäftigten sich mit Typografie, Wandgestaltung, Bühnenbildern oder Fotografie. Die  "Idee" war nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs eine menschenwürdigere Welt, die Überwindung gesellschaftlicher Unterschiede, die laut Gropius "organische Gestaltung der Dinge" – ohne "romantische Beschönigungen".

    Gropius ging es um die "Einfachheit im Verspielten, knappe Ausnutzung von Raum, Stoff, Zeit und Geld", um "die Schaffung von Typen für die nützlichen Gegenstände des Gebrauchs". Im Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar forderte er "eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte".  Und ans Utopische grenzte sein Schlusssatz, in dem er vom Bau der Zukunft schreibt, der alles in einer Gestalt sein werde: Architektur, Plastik und Malerei. Und der als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens einst gen Himmel steigen würde.

    Romanik in Würzburg: Die frisch sanierte Marienkirche auf der Festung, erbaut im 10./11. Jahrhundert und in der Gotik verändert. Foto: Thomas Obermeier

    Umbrüche, neue Ideen, Abgrenzungen verbunden mit Weiterentwicklungen gab es schon weit früher. Etwa im 12. Jahrhundert von der Romanik zur Gotik. Die gedrungenen massiven Quaderbauten, in denen das Runde bestimmendes Element war, wurden abgelöst durch spitz in die Höhe ragende Fenster, die Licht und Leichtigkeit in den Raum brachten.

    Die Gotik war nicht nur architektonisch gesehen eine Zeit des Fortschritts

    Die Gotik veränderte jedoch nicht nur die Architektur und Kunst grundlegend, sondern auch die Welt der Menschen durch die Neuerungen auf wirtschaftlichem, geistigem und technischem Gebiet. Städte blühten auf. Die Bauern hatten höhere Ernteerträge. Die ersten Universitäten wurden gegründet. Werkmeister zeichneten nicht mehr die Pläne in den Boden, sondern auf Pergament. Es organisierten sich die Bauhütten, die ihre Hüttengeheimnisse hüteten. Die Skelettbauweise wurde erfunden, mit der überhaupt so hoch gebaut werden konnte, ohne dass alles gleich zusammenstürzte, weil der Schub der Gewölbe über Strebepfeiler nach außen abgeleitet wurde.

    Die Bezeichnung "gotisch" war allerdings lange Zeit abwertend. Geprägt hat sie ein Italiener, der Architekt, Maler und Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511-1574). Er lebte in der Zeit der Renaissance, der Wiedergeburt der klassischen Antike – also in einer anderen Epoche. "Gotico" war für ihn gleichbedeutend mit barbarisch – ohne Ordnung und ohne Proportion. Ganz Italien wäre mit diesen verfluchten Gebäuden gefüllt worden, und die hätten dazu die ganze Welt verpestet. Das Wort leitete er von den Goten ab, die einst Rom plünderten. Gotisch war der Inbegriff von minderwertig, fremdartig – wie alles, was nach Meinung Vasaris aus dem germanischen Norden kam.

    Gotik in Würzburg: die Marienkapelle am Marktplatz. Foto: Patty Varasano

    Epochenumbrüche sind also immer auch vom Blick der Betrachter und deren geistigem Horizont begleitet. Goethe war 200 Jahre nach Vasari von der Gotik begeistert. 1772 stand er vor dem Straßburger Münster, entdeckte den Baustil neu. Eigentlich hatte der Dichterfürst ein missgeformtes krausborstiges Ungeheuer erwartet und war beeindruckt vom Anblick tausender harmonierender Einzelheiten und "dem Baumeister, der Berge auftürmte in die Wolken".

    Die Gotik entstand aus dem Bedürfnis, die Kirchen mit himmlischem Licht zu erfüllen

    Ob dieses Bild dem Abt der Klosterkirche Saint-Denis, Suger (um 1081-1151) einst vorschwebte? Er gilt als Vater der Gotik und verwandelte die alte romanische Abteikirche nördlich von Paris in ein lichtdurchflutetes Gebäude, indem er den alten Chor abriss und einen neuen bauen ließ, der größer, heller, höher war als alles zuvor. Ein Bauboom begann, der den Rundbogen auf die Spitze trieb. Sugers Ziel war es, für die Reliquien einen prächtigen Raum zu schaffen. In seinen Schriften redet er von dem neuen Licht, das die umgestaltete Kirche durchstrahlt, einem Licht, das über sich selbst hinaus auf das wahre himmlische Licht weisen würde. Diese Lichtsymbolik gab dem Raum etwas Schwebendes, Leichtes.

    Ein ähnliches Phänomen zeigt sich 600 Jahre später, so die Denkmalschutzstiftung. "Die Weiterentwicklung von industriellem Stahl im 19. Jahrhundert schafft neue technische Möglichkeiten." Dank der Materialeigenschaften des Stahls seien mittels Skelettbauweise neue Höhen in der Architektur erreicht worden. Waren die gotischen Kathedralen die Wolkenkratzer des Mittelalters, so sind die ersten Hochhäuser, die in Chicago entstanden, die Kathedralen der Moderne.

    Stiftung Deutscher Denkmalschutz
    1985 gründet Gottfried Kiesow die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit einer Gruppe von Vertretern deutscher Unternehmen. Der damalige Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, übernimmt die Schirmherrschaft. Die Gründung ist eine Reaktion auf den Kahlschlag in der Nachkriegszeit beziehungsweise in den 1970er Jahren. Nach der Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes werden ganze Stadtviertel abgerissen, um sie neu zu bebauen. Ein Umdenken beginnt nach dem europäischen Denkmalschutzjahr 1975.
    1991 ruft der Europarat den European Heritage Day, den Europäischen Denkmaltag aus. Die Idee eines solchen Tags hatte 1984 der französische Politiker Jack Lang  gehabt.
    Seit 1993 koordiniert die Stiftung den Tag des offenen Denkmals bundesweit. Sie gibt das jährliche Motto aus und stellt kostenfreie Werbe- und Infomaterialien zur Verfügung.
    2018 fand der 25. Tag des offenen Denkmals statt. Rund 8000 Denkmale waren geöffnet und 3,5 Millionen Besucher kamen zur Besichtigung.
    Die Stiftung tritt ein, wo staatliche Mittel nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Sie verfolgt zwei Ziele: bedrohte Kulturdenkmäler bewahren und das Bewusstsein für den Denkmalschutz stärken. Mehr als 520 Millionen Euro hat die Stiftung seit ihrer Gründung eingesetzt, um damit über 5000 Denkmale retten zu helfen. (cj)

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