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    Würzburg

    "Der Goldene Drache": Wie man eine moderne Oper für alle macht

    Der Komponist Péter Eötvös schreibt anders als viele Kollegen Musiktheater, das den Zuhörer direkt erreichen will. Wie, sagt er vor der Premiere im Mainfranken Theater.
    Der Komponist und Dirigent Peter Eötvös  Foto: Kálmán Garas

    Zeitgenössische Oper am Mainfranken Theater: An diesem Samstag, 25. Januar, hat "Der Goldene Drache" von Péter Eötvös Premiere. Der ungarische Komponist und Dirigent zählt zu den meistgespielten Musikdramatikern der Gegenwart, seine Tschechow-Oper „Die drei Schwestern“ oder „Angels in America“ sind Repertoire-Stücke.

    Der 76-Jährige ist viel unterwegs, vor der Würzburger Premiere standen Berlin, Bielefeld und Braunschweig auf seinem Reiseplan. „Der Goldene Drache“ basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Roland Schimmelpfennig. Die Handlung ist temporeich und vielschichtig, die fünf Darsteller – Sopran, Mezzosopran, zwei Tenöre, Bariton – übernehmen jeweils mehrere Charaktere: Ein junger Chinese, „panisch vor Zahnschmerzen“, arbeitet illegal im Asia-Restaurant „Der goldene Drache“. Seine Kollegen reißen den Zahn mit einer Rohrzange heraus, er landet in einer Thai-Suppe. Klar, dass das ungeahnte Folgen hat. 

    Frage: Es gibt eine Stelle im "Goldenen Drachen", da musste ich mir unwillkürlich an die Backe fassen. Wissen Sie welche?

    Péter Eötvös: (lacht) Nein.

    Als es heißt, der Küchenjunge hat Zahnweh. In diesem Moment kommt ein so fieser Klang, dass das Zahnweh auch mir direkt in die Zähne gefahren ist. Absicht?

    Eötvös: Wahrscheinlich – ja. Das war für die Zahnärzte gedacht (lacht). Nein... Meine Opern sind meistens eher Theaterstücke mit Musik. Als junger Mann – mit 17, 18 – habe ich in Sprechtheatern in Budapest als Komponist gearbeitet. Meine ganze Theatererfahrung kommt aus dieser Zeit, wo ich für sehr viele verschiedene Produktionen – Dramen, Lustspiele, alles mögliche – Begleitmusik geschrieben habe. Später auch Kinderopern. Ich kam also sehr früh in Berührung mit dem Theater. Für mich ist der Kontakt zwischen Bühne und Publikum eine sehr natürliche Verbindung. Ich bin musikalisch ausgebildet, als Komponist und Dirigent, aber meine kreative Begabung kommt auf der Bühne zur Geltung. 

    Achtung, Zahnschmerzen! Szene aus der Oper "Der goldene Drache" von Peter Eötvös im Mainfranken Theater. Das Bild entstand bei der Hauptprobe. Foto: Thomas Obermeier

    Das gilt, glaube ich, nicht nur für die Oper, oder?

    Eötvös: Auch meine sinfonischen Werke sind immer irgendwo literaturbelastet. Die haben eine Geschichte. Wenn ich instrumentale Solokonzerte schreibe, etwa für Violine oder Cello, dann haben sie immer Porträtcharakter und sind immer sehr charakteristisch. Wenn also eine Stelle kommt, wo Sie sagen, das klingt wie Zahnweh, dann kommt das daher, dass ich will, dass das Publikum vom ersten Moment mit dabei ist. Dass es nicht nur zuschaut, sondern teilnimmt. Das ist mir das Wichtigste.

    Welche Rolle spielt dabei der Klang. Ist er Metapher, oder ist er die Emotion als solche?

    Eötvös: Beides. Den Umgang mit der Emotion kenne ich auch aus meinen Arbeiten für die Filmmusik. Die emotionale Vorbereitung finde ich sehr wichtig. Es geht darum, das Publikum so zu führen, dass es das, was es sieht, auch erlebt. Damals in den 60er Jahren saß ich bei den Proben am Klavier neben der Bühne. Und dann hieß es, "Péter, spiel mal was zu dieser Stelle! - Mach mal so! - Nein, noch etwas mehr Melodie! Mehr Ausdruck!" Und so habe ich während der Proben improvisiert, und das wurde dann später für das Stück zugelassen. Ich bin deshalb auch als Komponist von der Einstellung her immer selbst mit auf der Bühne.

    Das heißt, Sie haben  sehr früh gelernt, mit welchen Klängen Sie die Menschen erreichen. Also schon immer ein direkter Kontakt in die Emotionen des Publikums.

    Eötvös: Richtig, so ist es.

    Sie sind Ungar, haben bei Zoltán Kodály studiert. Macht es für Sie einen Unterschied, dass in Würzburg mit Gábor Hontvári ein Ungar Ihre Oper dirigiert, oder ist das egal?

    Eötvös: Das ist nicht egal. Ich kenne Herrn Hontvári sehr gut. Ich habe ihn auf einem Dirigierkurs meiner Stiftung kennengelernt. Ich glaube, da wo man aufwächst und die Kultur nicht nur lernt, sondern inhaliert, das bestimmt das ganze Leben. Ich habe als Musiker in Westeuropa sehr viel Erfahrung gesammelt. Ich habe lange in Deutschland gelebt, dann 15 Jahre in Paris, zehn Jahre in Holland. Ich kenne die westliche Kultur, aber meine Grundkultur ist doch die ungarische. Das schlägt überall durch. Das spüre ich jetzt am besten. Ich bin gerade 76 geworden, seit 15 Jahren lebe ich wieder mit meiner Frau in Budapest, und da merken wir, Mensch, das ist unglaublich, wie stark sich die Kultur durchsetzt, die man als Kind und als junger Mann mitbekommen hat. Ich kenne das andere, dieses aber bin ich.

    Sie befassen sich viel mit Physik und mit Politik. Sehen Sie sich als Künstler in der Verantwortung, die Welt und die Politik zu erklären oder zu kommentieren? 

    Eötvös: Bei Politik bin ich sehr vorsichtig. Ein konkretes Beispiel: Meine Oper "Angels in America" basiert auf dem Schauspiel von Tony Kushner. Es ist ein großes Epos, das in den 1980er Jahren spielt, ein politisch sehr belastetes Stück über die Reagan-Ära. Meine Frau, die mit mir alle meine Opern-Libretti macht, hat auch das für "Angels in America" gemacht Als das Libretto fertig war, haben wir es Tony Kushner geschickt. Er hat geantwortet, es ist alles prima, aber es ist ein bisschen zu wenig Politik drin. Da habe ich ihm geschrieben,  Herr Kushner, das ist eine Oper.

    Was bedeutet das?

    Eötvös: Oper in meiner Konzeption heißt, dass das Stück möglichst noch in 100, 150 Jahren gespielt werden soll. Meine Oper "Drei Schwestern" hatte in den letzten 20 Jahren über 150 Aufführungen. Das Stück ist Repertoire geworden. Oper muss eine Thematik haben, die auch später noch relevant ist – emotional, gesellschaftlich. Ich beschäftige mich sehr aktiv mit gesellschaftlichen Problemen, aber das sind nicht unbedingt politische Probleme. Die aktuelle Politik möchte ich ausschalten. Mir ist sehr bewusst, dass ich aus der Tradition komme und die Tradition weiterführe. Ich arbeite mit Sängern, die an einem Tag "Traviata" singen und am nächsten Tag meine Oper – die haben stimmlich und stilistisch kein Problem damit.

    Worum geht es im "Goldenen Drachen"?

    Eötvös: "Der Goldene Drache" hat nicht die Migranten zum Thema, wie das in letzter Zeit etwas missinterpretiert wird. Es geht um einen chinesischen Junge, der illegal nach Deutschland kommt, um seine verlorene Schwester zu suchen. Er bekommt Zahnweh, aber ohne Papiere kann er nicht zum Zahnarzt gehen. Die asiatische Köche des Restaurants versuchen ihm ungeschickt den Zahn zu ziehen, woran er verblutet und stirbt. Der Text von Roland Schimmelpfennig ist unglaublich schön geschrieben – gleichzeitig lyrisch und dramatisch.

    Wenn Sie sagen, Sie machen eher Musiktheater als Oper, denkt man unwillkürlich an Wagner. Wie stehen Sie denn zu Wagner?

    Eötvös: Wie sagt man? Sehr positiv! Fantastisch!

    Der Goldene Drache: Oper von Péter Eötvös, Mainfranken Theater Würzburg. Premiere am 25. Januar, 19.30 Uhr. In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln, eine Stunde, 40 Minuten, keine Pause. Weitere Vorstellungen 1., 8., 14. Februar, 1., 5., 17. März, 1., 17., April, 27. Mai. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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