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    WÜRZBURG

    Der Klang, der aus der Kälte kommt: Kühlung durch Klassik

    Groß, blau, behäbig – dieser Eisberg erfüllt optisch alle Kriterien, die auch in der Musik gelten, will ein Komponist kl... Foto: Carlos Duarte, dpa

    Um es gleich vorwegzunehmen: Es funktioniert nicht immer. Wenn im Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses über 40 Grad Celsius herrschen, dann kann es auf der Bühne noch so heftig gewittern, stürmen, regnen oder hageln, der Hitze kann das kaum etwas anhaben. Dabei hat Richard Wagner zu Beginn der „Walküre“ bitterkalte Musik geschrieben– bevor sich der Held Siegmund aus Sturm und Kampf in eine Hütte rettet, peitschen die eisigen Schauer nur so aus dem Graben hoch. Und wenn dann der böse Hunding auftritt, sinkt die Temperatur gleich um weitere Grade. Aber die dann vielleicht gefühlten 34 statt der realen 40 Grad sind eben immer noch ziemlich warm.

    Klassische Musik zur Abkühlung während der Hundstage? Könnte dennoch funktionieren. Immer wieder haben Komponisten Kühle oder gar Kälte komponiert. Bis heute bedienen sich Film- und Werbemusiker aus diesem Fundus. Berühmtestes Beispiel in der Kunstmusik sind wohl Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – vier Violinkonzerte, jedes stellt eine Jahreszeit dar. Vom „Sommer“ ist dieser Tage dringend abzuraten, die bleierne Lethargie, die hier vertont ist, würde dem hitzegeplagten Hörer auch noch den letzten Antrieb rauben.

    Es ist kein Zufall, dass wir Kälte als „klirrend“ bezeichnen

    Aber der „Winter“ ist wunderbar klirrend kalt. „Es ist kein Zufall, dass wir das Wort ,klirrend' in Verbindung mit Kälte bringen“, sagt Andreas Lehmann, Professor für systematische Musikwissenschaft, für Musikpsychologie und Vizepräsident der Würzburger Hochschule für Musik. Wir beschreiben also mit dem Begriff für ein Geräusch einen Temperaturzustand. Und umgekehrt: Wenn man es auf der Bühne klirren lässt – was nur eine von vielen kompositorischen Möglichkeiten ist –, empfindet der Zuhörer Kälte.

    Man kann es auch flirren lassen, wie das die Filmmusik gerne im Western tut, wenn zwei Kontrahenten im harten Mittagslicht mit zusammengekniffenen Augen zum Duell antreten. Auch dies allerdings Musik, die dieser Tage eher kontraproduktiv wäre.

    Der Schnee, der unter den Stiefeln knirscht

    Wenn hingegen Vivaldi zu Beginn des „Winter“ die Geigen kleine, schrille Triller aneinanderreihen lässt, die Musiker dabei ganz nah am Steg streichen und das Cembalo silbrige Arpeggien beisteuert, dann fühlt man förmlich den Schnee unter den Stiefeln knirschen. Und während der Schlittenfahrt (die Geigen zupfen das gedämpfte Trappeln der Pferdehufe) möchte man, behaglich eingepackt in dicke Decken, am liebsten nach den von weichem Schnee bedeckten Tannenzweigen greifen, an denen man gerade vorbeigleitet.

    Es gibt so viele Darstellungen von Kühle, Kälte, Schnee, Eis oder Wasser, wie es Komponisten gibt. „Das wird jeder anders machen“, sagt Klaus Hinrich Stahmer, selbst Komponist und emeritierter Professor für Musikwissenschaft der Musikhochschule. Er hat etwa ein Stück mit dem Titel „Ning Shi“ (Gefrorene Zeit) geschrieben. Meist sei eine gewisse Langsamkeit im Spiel, und die Abwesenheit persönlicher Gefühle. Heiße Rhythmen schlössen sich auf jeden Fall aus, sagt Stahmer. „Ich zum Beispiel verbinde mit Kälte eine kristalline Härte. Ein hellblaues Licht ohne Schatten. Kälte kann aber durchaus auch etwas Wohliges haben, das müssen nicht immer nur harte, neutrale Klänge sein.“

    Der Mensch kann Sinneserfahrungen von einem Kanal auf den anderen übertragen

    Das alles funktioniert dank eines Phänomens, das der Psychologe intermodale Analogie nennt. Es bedeutet, dass Menschen Erfahrungen und Eindrücke von einem Sinneskanal auf einen anderen übertragen können, also etwa aus dem visuellen oder dem haptischen Bereich in den akustischen. „Ein Klang kann – physikalisch gesehen – nicht rau oder hell sein. Aber wir empfinden es so“, sagt Andreas Lehmann, „interessanterweise ist das bei fast allen Menschen gleich.“

    In seinen Vorlesungen macht er gerne folgenden Test: Er schlägt am Klavier einen Cluster aus Tönen im oberen Bereich an – „das wird immer als gelb oder orange empfunden, niemals als blau“. Die Farbe Blau hingegen bewegt sich weiter unten auf der Klaviatur.

    Blaue Musik von opiatischer, narkotischer Wirkung

    Manchmal können übrigens ganze Opern eine durchgehende Farbe haben. Friedrich Nietzsche etwa schrieb über Wagners „Lohengrin“, diese Musik sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“. Wagner wiederum fand, sein „Parsifal“ habe eine ganz eigentümliche Farbe, es sei darin alles wie violett, wie ein tiefes Lila, soll er 1878 gesagt haben. Kein Zufall also, dass er die ganze Partitur mit violetter Tinte niedergeschrieben hat.

    Die Verknüpfung zwischen Farbe und Temperatur funktioniert auch in der Musik. Grundsätzlich gilt: tiefe, ruhige, also blaue Töne werden eher als kühl empfunden. Und die Abwesenheit von großen Terzen, die das warme Dur herstellen – es sei denn, der Komponist will die Wohligkeit eines Winter Wonderland heraufbeschwören.

    Die Stimmung bei Einbruch der Dunkelheit

    Beim Bass-Rezitativ „Am Abend, da es kühle war“ in Bachs „Matthäuspassion“ etwa wird es spürbar dunkler und kälter. Leider wird das große Oratorium kaum je im Hochsommer aufgeführt, sondern in den ohnehin noch winterkalten Kirchen der Zeit vor Ostern. Auch hier: ruhiger, tiefer Gesang und dazu dunkle, sich wiederholende Töne der Streicher. Der Hörer kann gar nicht anders als sich die Stimmung bei Einbruch der Dunkelheit vorzustellen.

    Das Gegenteil dazu wäre der Abschnitt „Auf dem Gletscher“ aus der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss. Jähe Spalten und gleißendes Eis suggerieren eine lebensfeindliche, unzugängliche Umgebung. Besinnlicher dagegen geht es in Frédéric Chopins „Regentropfen-Prélude“ mit seinen langsam tropfenden Tönen unterhalb der Melodie zu. Wem das nicht nass genug ist, der hört sich Debussys „Jardins sous la pluie“ (Gärten im Regen) an. Da prasselt es richtig runter. Die Assoziation mit Wasser eignet sich ausgezeichnet für akustische Kühlungsabsichten, sagt Musikpsychologe Andreas Lehmann.

    Wenn Phänomene der Natur in der Musik abgebildet werden

    Die direkte Übertragung von Geräuschen oder Phänomenen aus Natur und Physik in die Musik, nennt der Wissenschaftler Mimese. Oft bildet dabei der Text die Brücke zur Musik. Paradebeispiel: Wenn in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ der beinahe ertappte Cherubino aus dem Fenster springt, macht die Musik einen großen Plumps. Und wenn in der Puccini-Oper „La Boheme“ der mittellose, frierende Dichter Rodolfo „Che gelida manina“ (Wie eiskalt ist dies Händchen) singt, dann hört man via Harfe und Geigen die Eisblumen unerbittlich das Fenster entlang kriechen.

    Übrigens: Man kann sich mit Musik sogar erkälten. Der kleine Musiker Schroeder bei den „Peanuts“ jedenfalls kann das – in Beethovens dritter Sinfonie gibt es eine Passage, die ist so schön, dass er immer eine Gänsehaut bekommt. Und einmal hat Schroeder sich dabei tatsächlich einen Schnupfen geholt.

    Playlist: Diese Werke der klassischen Musik können kühlen

    Antonio Vivaldi: „Winter“ aus „Die vier Jahreszeiten“– knirschender Schnee unter den Stiefeln und eine Kutschfahrt durch malerische verschneite Landschaft.

    Johann Sebastian Bach: „Am Abend, da es kühle war“– Bass-Rezitativ aus der „Matthäuspassion“. Musikalisch verblüffend dargestellte abendliche Abkühlung nach dem Sonnenuntergang.

    Richard Strauss: „Auf dem Gletscher“– aus der „Alpensinfonie“. Zerklüftete Spalten, gleißendes Eis. Nichts für schwache Nerven.

    Frédéric Chopin: Regentropfen-Prélude– Wasser tut bei Hitze immer gut. In diesem Falle rauscht es nicht, sondern tropft besinnlich vor sich hin.

    Claude Debussy: „Jardins sous la pluie“– „sehr flüssige Musik“, wie Daniel Barenboim einmal gesagt hat.

    Giacomo Puccini: „Che gelida manina“ (Wie eiskalt ist dies Händchen) aus der Oper „La Boheme“ – klangliche Eisblumen am Fenster. maw

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