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    WÜRZBURG

    Der Pianist, der Waldkauz und Rätselhaftes von Mozart

    Pierre-Laurent Aimard Foto: Marco Borggreve

    Der Kaisersaal der Würzburger Residenz ist für ein Solokonzert auf dem Klavier eigentlich denkbar ungeeignet. Bei mittelgroßen Kammerorchestern mit zwei Dutzend Musikern funktioniert die Akustik am besten. Doch schon bei kleineren Ensembles wird?s schwierig. Nun ist aber Pierre-Laurent Aimard durchaus ein Pianist, dessen Name so bekannt ist, dass er große Säle zu füllen mag. So war es jetzt auch bei seinem bestens besuchten Mozartfest-Konzert. Und immerhin hatte er dank des tollen, nagelneu renovierten Steinways ein Instrument, das klanglich genügend Durchschlagskraft und Brillanz besitzt, um auch in der letzten Reihe bestens anzukommen. Das ändert freilich nichts daran, dass die Töne eines Klaviers im Kaisersaal mal mehr, mal weniger verschwimmen.

    Umso mutiger war es, dass Aimard sich von den Tücken der Akustik nicht beeindrucken ließ. Im optisch prachtvollen Ambiente brachte er ohne Sentimentalität, aber mit viel Empathie zwei der rätselhaftesten Werke von Mozart zu Gehör: das h-Moll-Adagio und das F-Dur-Andante für eine Orgelwalze. Vor allem wie Aimard im h-Moll-Adagio den Weg vom schwermütigen Beginn zu den trostvolleren Passagen beschritt, war phänomenal.

    Den Mozart-Stücken stellte der 60-jährige Franzose zwei musikalische Vogelporträts seines Landsmanns Olivier Messiaen gegenüber. Für seinen „Vogelkatalog“ übertrug Messiaen Vogelgesang möglichst authentisch in Noten und setzte sie klanglich in ihr natürliches Habitat. So ließ Aimard beim Waldkauz-Porträt das Bild tiefster nächtlicher Waldeinsamkeit entstehen. Der Gegensatz zum flirrenden Gesang und drolligen Charakter des Trauersteinschmätzers konnte größer nicht sein.

    Das einsame Genie?

    Mozart hätte diese pianistische Darstellung des lebenslustigen gefiederten Kerlchens sicher gefallen. Schließlich besaß er selbst einen Kanarienvogel, dessen Gesang ihn nicht beim Komponieren störte. Der Mensch Mozart entspricht nun mal so gar nicht dem Bild des in Isolation schöpferischen Menschen.

    Das gilt schon eher für Beethoven, wenn man Schilderungen des 19. Jahrhunderts glauben darf, die bis heute das Bild von ihm prägen. Von Beethoven spielte Aimard die berühmte Hammerklaviersonate. Der Solist meisterte das irrwitzig schwere Stück, als wäre es ein Leichtes. Mit atemberaubender Virtuosität präsentierte er insbesondere den letzten Satz, dessen Stimmführungsakrobatik er trotz der problematischen Akustik mit Akkuratesse vor Ohren führte. Dass der Pianist das Publikum gar nicht wahrzunehmen schien und so sehr in der Musik aufging, dass er immer mal wieder beim Spielen mitsummte oder mitbrummte, wirkte mitunter etwas seltsam, aber es störte nicht wirklich.

    Nach dem letzten satten Beethoven-Akkord brach das Publikum in geradezu frenetischen Applaus und in laute Bravorufe aus. Der scheu und sensibel wirkende Pianist spielte als Zugabe zwei Miniaturen des wohl bedeutendsten lebenden ungarischen Komponisten, György Kurtág, die klanglich und strukturell an die Messiaen-Werke anknüpften.

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