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    Die auf dem Wacken Open Air mit Klischees bricht

    Nicht alltäglich im Heavy Metal: Die Sängerin Mina Caputo ist Transfrau. Mit ihrer Band Life of Agony rockte sie in diesem Jahr auf dem Wacken Open Air. Foto: Michael Bauer

    Das Wacken Open Air (WOA) ist 30 geworden und feiert seinen Geburtstag mit Superlativen. Auf inzwischen neun Bühnen wird gerockt, die Metal Church im Ort noch nicht mal mitgerechnet. Die kleinen Bühnen sind größer, die großen noch krasser ausgeleuchtet. 220 Bands können sich vor 85000 Menschen in Szene setzen, die Fans in einem riesigen Supermarkt einkaufen. Pop-Sternchen wie Lena Meyer Landrut meinen, vorbeischauen zu müssen. Das WOA ist gesellschaftliche Mitte.

    Da können Slayer, Sabaton oder Parkyway Drive auf den Hauptbühnen noch so sehr rumpeln - auf dem heiligen Acker der Metaller, auf dem mit Judas Priest für 2020 auch schon ein Headliner steht, steigt der Altersschnitt und mit ihm das Verlangen nach Annehmlichkeiten. Wo die Komfortzone sich weitet, wo feste Rituale die Szenerie kennzeichnen, wo Männer die Macher sind, ist der Raum für Buntes, Fremdes, Außergewöhnliches oft limitiert.

    Einer 45-jährigen Frau aus New York ist das egal. Mina Caputo ist Sängerin der Alternative-Metal-Band Life of Agony. Das war sie schon, als sie noch Keith hieß und widerwillig die Rolle des Mannes spielte, als der sie im Dezember 1973 geboren wurde. Auf der Bühne ist das langhaarige zierliche Persönchen taff, eine Stunde später, nach der offiziellen Pressekonferenz,  im Zwiegespräch bei einer Tasse Tee scheu und reflektierend. Ihre Augen sind blau, die Flecken, die ihr das Leben verpasst hat, auch.

    Feminine Pose: Mina Caputo versteckt ihre Gefühle längst nicht mehr. Foto: Michael Bauer

    Frage: Mina, als biologische Frau ist es schon nicht leicht im Männer-Business Metal. Aber als Transgender?

    Mina Caputo: Ich bin seit zwölf Jahren geoutet und an einem Punkt, wo ich sage: scheiß drauf. Ich bin es satt, dass ich mich klein machen muss, nur um es anderen Menschen angenehm zu machen. Wir müssen uns nicht vor anderen Menschen dafür rechtfertigen, was wir sind.

    Klingt nach Selbstbewusstsein.

    Caputo: Die Welt ist grausam. Ich kann jedem Transmenschen nur raten, seinem Herzen zu folgen, sich nicht schuldig zu fühlen. Wenn ein anderer Mensch ein Problem mit mir hat, dann ist das seines, nicht meines. Denn er ist so dumm, dass er nicht versteht, dass Leben vielfältig und bunt ist. Dabei sind gerade diese Menschen oft unglücklich. Nur haben sie nicht den Mut, ihrem Herzen zu folgen. Stattdessen spielen sie Rollen, die andere von ihnen erwarten. Auch ich war lange unglücklich, ich habe geweint und geweint, habe mich nicht aus dem Haus getraut. Ich habe viel durchgemacht.

    Klingt nach Lebensweisheit.

    Caputo: Ich habe viel über das Leben gelernt, es gibt aber viele Menschen, die nichts über ihr Leben lernen. Auch wenn du nicht Transgender bist, keine Hormone nimmst: Das Leben ist ein ewiger Wandel. Jeder Mensch durchläuft Veränderungen.

    Hat Deine Entwicklung Deine Musik, die Art wie Du auch alte Songs interpretierst, verändert?

    Caputo: Auf alle Fälle, ich war früher bei weitem nicht so feinfühlig und sensibel wie heute. Es ist schön, Songs, die ich früher als Keith gesungen habe, nun femininer zu interpretieren.

    Sehen das auch alle Fans so?

    Caputo: Nun, ich sage so. Die Fans hören unsere Musik. Was mich betrifft, weiß ich nicht, ob alle Fans sich Gedanken über meine Transsexualität machen. Aber ich sage es mal so: Allgemein gibt es viele Menschen, die erregt werden durch Transpersonen, sie geben es nur nicht zu. Gehen dann aber heim und befriedigen sich. Warum sonst sollte das Internet voll sein von Trans-Pornos?

    "Ich bin ein Mensch. Ich bin Bewusstsein, ich bin Seele. Menschen wie ich können sich nur entfalten, wenn wir nicht auf wissenschaftliche Termini reduziert werden."
    Life-of-Agony-Sängerin Mina Caputo zu ihrem Leben als Transfrau

    Wenn Du auf Tour bist, machst Du in den einzelnen Ländern Unterschiede in der Akzeptanz aus?

    Caputo: Definitiv. Bestes Beispiel ist Großbritannien. Dort gibt es kaum Toleranz gegenüber Transmenschen. Dort muss ich auf der Bühne zurückhaltender sein. Auch wegen der Verantwortung der Band gegenüber. Ich bin nicht in Jedermanns Kopf, aber ich fühle, wer mich nicht mag. Auch in Deutschland gibt es einige davon. Deutschland ist diesbezüglich kein Engel. Das Volk ist zwar frei, aber nicht so tolerant.

    Einige Freunde dürftest Du auf Deinem Weg verloren haben.

    Caputo: Ja, sogenannte Freunde. Sogenannte Familie. Ich habe seit zehn Jahren keinen Partner mehr. Ich mag Männer und Frauen. Ich überlege oft, ob eine andere Transfrau das richtige für mich wäre. Aber die wollen ja überwiegend einen Mann. Ja, ich bin einsam. Aber umso mehr Liebe erfährt mein Hündchen. Ich habe es bekommen mit sechs Monaten, jetzt ist es sechs Jahre alt und so bezaubernd. Es ist das Baby, das ich nie werde haben können. Es liebt mich und zeigt mir, wie wertvoll das Leben ist, das ich mir oft nehmen wollte.

    Ein offenes Gespräch über das Leben einer Transfrau im Heavy-Metal-Business: Life-of-Agony-Sängerin Mina Caputo (rechts) und Mainpost-Redakteur Michael Bauer. Michael Bauer Foto: Mona Miluski

    Wie fühlst du dich auf der Bühne: als Frau, als Transgender?

    Caputo: Als einen wunderbaren Menschen. Titel bedeuten mir nichts. Ich bin ein Mensch. Ich bin Bewusstsein, ich bin ein Teil des Universums. Ich bin Seele. Ich versuche ein Leben zu leben, in dem ich mich selbst liebe. Nur dann kann man auch von Anderen geliebt werden. Menschen wie ich können sich nur entfalten, wenn wir nicht auf wissenschaftliche Termini reduziert werden.

    Wollt Ihr mit Eurer Musik Denkanstöße geben?

    Caputo: Ja. Was wir machen, ist auch ein Stück weit Musik für Außenseiter. Nimm den Song "Empty Hole": Es geht darin um das Loch im missverstandenen Menschen, das gefüllt werden will. Wir wollen echte Musik für echte Menschen machen. Und ja, ich sehe mich auch als Kämpferin für meinesgleichen.

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