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    Würzburg

    Die hemmungslosen Plünderungen der Nazis

    Exponat der Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Jüdischen Museum München; ab Juni 2019 im Museum für Franken in Würzburg: Tora-Schild (Ausschnitt) aus der Synagoge Gochsheim; Nürnberg 1781-1785; Silber, vergoldet. Foto: Klaus Bauer, Hahn Media, Würzburg / Museum für Franken

    Christine Bach hat schon viele Objekte in Museumsdepots gesehen, deren Herkunft unklar war oder bis heute noch ist.  Die Kunsthistorikerin hat sich auf die Erforschung von Sammlungen und der Provenienz spezialisiert. Was ist vorhanden? Wer waren die Vorbesitzer? Wie kam es in die Sammlung?

    Seit 2016 ist Bach wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Münchner Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern. In dieser Funktion gelang ihr zusammen mit ihrer Kollegin Carolin Lange ein spektakulärer Fund - in Würzburg. Damals suchten sie nach Objekten, die zwischen 1933 und 1945 ins Mainfränkische Museum (heute Museum für Franken) gekommen sind. Bei diesem "Provenienz-Erstcheck" entdeckten Bach und Lange im Depot mehrere Kisten. In ihnen lagerten Judaica - jüdische Ritualobjekte. Sie waren verstaubt und teilweise bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

    Ab Juni ist die Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" in Würzburg zu sehen

    Rund 150 Stück tauchten aus den Tiefen einer unheilvollen Zeit auf. Etwa ein Drittel der Judaica  wurde während des Novemberpogroms 1938 aus unterfränkischen Synagogen beschlagnahmt. Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München, hat die Stücke näher erforscht. Deshalb werden sie derzeit in seinem Haus präsentiert. Ab Juni ist die Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material"im Museum für Franken zu sehen. 

    Es gibt mehrere Wege, sich auf die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern, kurz NS-Raubkunst, zu machen: Entweder direkt mit dem "Erstcheck" in den 220 bayerischen Museen, die vor 1945 gegründet worden sind. Dazu gehört auch das einstige Mainfränkische Museum. Christine Bach beschreibt diese Vorgehensweise als "eine Art Biopsie", als "stichprobenartige Sichtung der Bestände".

    Hinweis aus dem Staatsarchiv Würzburg war Auslöser für das Projekt

    Die Kulturwissenschaftlerin hat noch eine andere ,eine "deduktive" Recherche-Methode, um Rückschlüsse auf den Verbleib von Objekten aus jüdischem Besitz zu ziehen, die von den Nazis beschlagnahmt und auf verschlungenen Wegen in die Museen kamen. Sie nähert sich der Biografie einzelner Sammlungsstücke vom Archiv aus. Dieses Projekt läuft gerade aus; es heißt "Beschlagnahmt, verkauft, versteigert - Jüdisches Kulturgut in den nichtstaatlichen Museen in Franken".

    Dokument aus den Würzburger Gestapo-Akten im Würzburger Staatsarchiv: Bestätigung des Gründungsdirektors der Städtischen Sammlung Heiner Dikreiter über eine Schenkung. Foto: Staatsarchiv Würzburg, Gestapostelle Würzburg, 7618, Blatt 127

    Dafür sucht Bach in fast 80 Jahre alten Schriftstücken, in den Würzburger Akten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Der riesige Bestand im Würzburger Staatsarchiv umfasst rund 25000 Akten, rund 2250 sind für ihre Forschungen relevant. "Ingrid Heeg-Engelhart vom Staatsarchiv hat uns 2016 auf diese Akten aufmerksam gemacht", so Bach. Das sei der Auslöser für dieses Projekt gewesen, in dem die Vorgehensweise der Gestapo gegen rassische Verfolgte im Fokus steht.

    Heiner Dikreiter "bestätigt bestens und dankend und mit Heil Hitler" ein Geschenk der Gestapo

    Erst wenn sie auf einen Hinweis gestoßen ist, fragt die Kunsthistorikerin bei den betreffenden Museen nach. So auch im Würzburger Museum im Kulturspeicher.  Die dort beheimatete Städtische Sammlung wurde ab 1941 unter Gründungsdirektor Heiner Dikreiter aufgebaut. Er dokumentierte mit seiner Unterschrift auf einem Schriftstück vom 24. Mai 1943: "Von der Geheimen Staatspolizei Würzburg schenkungsweise ein Bildnis von Mirwald-Dachau erhalten zu haben bestätigt bestens und dankend und mit Heil Hitler!" In einem Zusatz steht, dass das Bildnis "den Juden Dr. Oskar Israel Meyer" darstellt.

    Beatrix Piezonka, seit 2014 Provenienzforscherin im Kulturspeicher, hat dieses Bild nicht im Bestand gefunden. "Ich gehe davon aus, dass es am 16. März 1945 im Rathaus verbrannt ist", sagt die Historikerin auf Nachfrage. Damals befand sich dort eines der insgesamt zwölf Depots beziehungsweise einer der Auslagerungsorte der Städtischen Galerie. Im Rathaus seien mehrere Kunstwerke bei der Bombardierung Würzburgs zerstört worden, so Piezonka.

    Sie weiß nicht, wie Dikreiter von dem Bild des Malers und Holzschneiders Ferdinand Mirwald, der ab 1909 in Dachau lebte, erfahren hat. Auch nicht, wie Dikreiters Kontakte zur Gestapo waren. Beatrix Piezonka vermutet, dass sich Dikreiter wohl gedacht hat: "Wenn ich etwas umsonst bekommen kann, dann nehme ich das an." Laut ihren Angaben lebte Oskar Meyer, ein Würzburger Nervenarzt, von 1880 bis 1941. Noch sinddie Nachforschungen nicht abgeschlossen.

    Versteigerung "im geehrten Auftrag der Geheimen Staatspolizei"

    Ein anderes Dokument aus den Gestapo-Akten gibt ebenfalls Zeugnis davon, wie sich die fränkischen Nationalsozialisten am jüdischen Besitz skrupellos und hemmungslos bereichert hatten. Es ist ein Versteigerungsprotokoll eines Würzburger Auktionators: "Heute, Vormittag, den 18. August 1942, habe ich, Paul Baumeister, ... im geehrten Auftrag der Geheimen Staatspolizei Hauptpolizeistelle Nürnberg-Fürth, Außendienststelle Würzburg in Sachen: Karl Israel Lonnerstädter zur anberaumten Versteigerung ausgeboten." Unter den Gegenständen finden sich zum Beispiel Stühle, eine Matratze mit Füßen, mehrere Bücherschränke. Auch die Käufer sind auf diesem Protokoll vermerkt, ebenso die Summen. Insgesamt wurden 2549 Reichsmark erzielt. "Der Auktionator bekam davon in der Regel zehn Prozent Provision", informiert Christine Bach. Ein lohnendes Geschäft.

    Versteigerungs-Protokoll (Ausschnitt) aus den Gestapo-Akten im Würzburger Staatsarchiv; Auktionator Paul Baumeister, Würzburg, einst Franziskanerplatz. Foto: Staatsarchiv Würzburg, Gestapostelle Würzburg, 6477, Blatt 35

    Diese Auktionen, auch "Judenauktionen" genannt, untersucht die Mitarbeiterin der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern auch für ihre Doktorarbeit. Ebenso für ein weiteres Projekt, das ebenfalls vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird:  "Jüdisches Eigentum in nichtjüdischen Haushalten - Herausforderung für die deutsche (nichtstaatlichen) Museen". Es beginnt im Juni. "Man lernt sehr viel aus den Gestapo-Akten über Entziehung und Verwertung von Objekten jeglicher Art - von Kunstwerken bis hin zu Alltags-Gebrauchsgegenständen", sagt Bach.

    Am Donnerstag, 14. Februar, informiert Christine Bach im Museum Kulturspeicher in Würzburg ab 19 Uhr über ihre Forschungen: "Öffentliche Einrichtungen und der Kunsthandel beteiligt am NS-Kunstraub in Würzburg und Unterfranken? Neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Würzburger Gestapo-Akten". Ihr Vortag gehört zum Begleitprogramm von "Herkunft & Verdacht", einer wegweisenden Ausstellung über Provenienzforschung und die Herkunftsgeschichte von Objekten (verlängert bis 14. April).  Info im Internet: www.kulturspeicher.de

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