• aktualisiert:

    Dieser Ort sieht harmlos aus - ist es aber nicht

    In einer Villa am Rand  Berlins beschlossen die Nationalsozialisten die Ermordung der europäischen Juden. Die neue Ausstellung vor Ort ist beindruckend. nd das hat ründe.
    In der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" wurde die neue Dauerausstellung "Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden" eröffnet.
    Foto: Christoph Soeder, dpa

    Die Einladung für den 20. Januar 1942 klang harmlos: „Besprechung mit anschließendem Frühstück“. Der Tagungsort hätte idyllischer nicht sein können. Eine malerische Villa am Stadtrand von Berlin mit herrlichem Blick auf den Wannsee. Tatsächlich war es eine der schrecklichsten „Besprechungen“ der Menschheitsgeschichte: 15 NS-Funktionäre organisierten die „Endlösung der Judenfrage“ und damit die Ermordung von Millionen Menschen in Europa. Ein halbes Jahrhundert hat es gebraucht, bis der Schauplatz dieser „Wannsee-Konferenz“ im Jahr 1992 überhaupt zu einer Gedenkstätte wurde. Seit kurzer Zeit präsentiert das Haus ein neues Ausstellungskonzept. Durch einfache Sprache und viele Multimedia-Präsentationen sollen vor allem auch junge Menschen einen Zugang zur Geschichte erhalten.

    Die Gedenktafel erinnert an die Wannsee-Konferenz. Foto: Alexandra Immerz

    Und so drängeln sich, als der Pförtner an einem regulären Wochentag morgens das Tor aufschließt, bereits zwei Schulklassen im Eingangsbereich. Die Schüler durchschreiten einen vornehmen Park, bis sie die feudalen Räume der ehemaligen Millionärsvilla erreichen. Sie bemerken schnell den Kontrast der freundlichen Atmosphäre zur Ausstellung. Ein Foto zeigt, wie Frauen und Kinder in der Ukraine in eine Grube getrieben werden. Daneben stehen Uniformierte bereit, um sie zu erschießen.

    Klicken durch den Monitor

    Andere Schüler klicken sich am Monitor durch das „Besprechungsprotokoll“ der Wannsee-Konferenz. In einer bürokratischen Tabelle ist dort aufgelistet, wie viele Tausend oder gar Millionen Menschen jeweils in den besetzten Ländern von der „Endlösung“ erfasst werden sollen. Andere hören an einer Audiostation das Interview mit einem Ankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, der die geringen Strafen für die NS-Täter kritisiert.

    Der idyllsiche Ausblick täuscht. In diesem Haus wurde der Mord an den europäischen Juden beschlossen. Foto: Alexandra Immerz, dpa

    Die Ausstellung behandelt auch das vielschichtige Thema, wie die Zivilbevölkerung auf die Verfolgung der jüdischen Menschen reagiert hat. Ein Bild zeigt Menschen aus Lörrach, die sich um die besten Schnäppchen drängeln bei der öffentlichen Versteigerung von „Judensachen“. Auf einem anderen Foto werden jüdische Menschen mit ihren Habseligkeiten durch Eisenach getrieben, während viele Nachbarn zuschauen. In einem Bericht der Kriminalpolizei heißt es über den Ablauf der Deportation: „In der Bevölkerung wurde hierüber weniger diskutiert.“ In der Ausstellung werden aber auch Menschen gezeigt, die ihr Leben riskiert haben, um jüdische Verfolgte zu retten. An einer Wand ist die Ausweis-Kennkarte eines Gewerkschaftsfunktionärs zu sehen, die er einem jüdischen Arzt überlassen hat.

    40 Prozent der jungen Deutschen wissen „fast nichts“ über den Völkermord an den Juden

    Drei Jahre hat die Gedenkstätte an dem neuen Konzept gearbeitet. Karten, Fotos, und Dokumente sind in einfacher Sprache und mit kurzen Hauptsätzen beschriftet. Und durch die Ausstellung führt ein taktiles Bodenleitsystem für sehbehinderte Menschen. Teilnehmer eines Blindenkongresses haben bereits Interesse an der Ausstellung angemeldet, freut sich Elke Gryglewski, die Leiterin der Bildungsabteilung. Bei den Schülern kommt das neue Konzept an: „Die Ausstellung ist gut. Ich verstehe alles.“, sagt ein Teenager aus dem Berliner Umland.

    Damit ist ein wichtigstes Ziel des neuen Konzepts erreicht. Bei der Eröffnung der Ausstellung hatte Staatsministerin Michelle Müntefering sorgenvoll aus einer Studie zitiert, wonach 40 Prozent der jungen Deutschen „fast nichts“ über den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden wissen. Gleichzeitig seien im ersten Halbjahr 2019 in Berlin mehr als zwei antisemitische Vorfälle pro Tag gezählt worden.

    Alexandra Immerz

    Kommentare (2)

      Anmelden