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    LOHR

    Drei Tage junges Kino in der Provinz

    Richard Winter auf der Treppe zum Kulturkeller Weinhaus Mehling in Lohr, in dem seit zwei Jahren mittwochs „StattKino” l... Foto: Mathias Wiedemann

    Richard Winter hat die großen, runden Augen eines Mannes, dem das Schauen zur zweiten Natur geworden ist. In seinem Fall das Schauen auf eine Kinoleinwand. „Das ist wie beim Zirkus – wenn Sie da hineingeboren werden...“, sagt er. Der Vater betrieb zwei Kinos in Lohr (Lkr. Main-Spessart), Sohn Richard, heute 70, verkaufte schon als Sechsjähriger Süßigkeiten, arbeitete sich zum Platzanweiser hoch („das gab es damals noch“) und schließlich zum Vorführer. Studiert hat er dann eher nebenher, wie er sagt. Volkswirtschaft. Wichtiger waren ihm die Kinos in Lohr, später in Aschaffenburg und dann in Erlenbach (Lkr. Miltenberg), die er mit seiner Frau Renate betrieb. Bis die Kinder kamen: „Da sind wir dann bürgerlich geworden.“ Der Sicherheit wegen. Das Programmkino in Erlenbach lief zwar durchaus erfolgreich, viel Geld ließ sich damit aber nicht verdienen.

    Eine Pleite schon bald nach dem Start hatte Richard Winter mit einem Kredit abwenden können – den er bewilligt bekam, weil er es geschafft hatte, Volker Schlöndorff zur Premiere der „Blechtrommel“ einzuladen. „Das hat die Bank von unseren Erfolgsaussichten überzeugt. Damals galt das noch etwas“, sagt er. Schließlich aber wechselte Richard Winter in die Wirtschaft, verbrachte unter anderem vier Jahre in den USA und arbeitete zuletzt im IT-Controlling bei Indramat beziehungsweise Bosch Rexroth. Renate wurde Lehrerin, inzwischen ist auch sie im Ruhestand. Dem Kino blieben die beiden treu: Wo immer sie sind, oft ist das Berlin, schauen sie Filme, fast täglich. Und seit 2016 zeigen sie auch wieder welche: immer mittwochs im Gewölbekeller des Lohrer Weinhauses Mehling unter dem Titel „StattKino“. Und vom 21. bis 23. September ganztägig: 16 Filme in drei Tagen beim Lohrer Filmwochenende. Erwartet werden zehn Regisseure und Drehbuchautoren.

    Frage: Herr Winter, was macht einen guten Film aus?

    Richard Winter: Da sage ich mal ganz frech – das ist ein Film, der uns gefällt! Es kommen bei uns nur Filme ins Programm, die wir selbst großartig finden. Wir sind Cineasten und lieben zum Beispiel Arthouse-Filme, vor allem die von deutschen und europäischen Regisseuren. Aber es gibt auch Filme, die hochgelobt wurden, wo wir sagen: Nein!

    (Anmerkung: Als Arthouse-Filme werden Filme bezeichnet, die nicht für das Mainstream-Kino gemacht werden.)

    Gefallen ist ja etwas Subjektives. Die Blockbuster gefallen vielen Leuten, sind aber vermutlich nicht immer gute Filme.

    Winter: Das stimmt. Wir gehen unheimlich viel ins Kino und schauen uns auch das an. Gerade haben wir „Mission impossible – Fallout“ gesehen. Ich finde ihn sehr gut, aber den würden wir nie im Keller zeigen. Unser Publikum ist etwa so alt wie wir und überwiegend bürgerlich konservativ. Ich glaube zudem, um solche Filme genießen zu können, muss man ein Vielkinogänger sein. Leider sind fantastisch gute Genrefilme immer wieder Flops bei uns. „Arrival“ zum Beispiel – ein Wahnsinnsfilm! Da kamen vielleicht 30 Leute.

    Das heißt, Ihr Publikum ist richtig anspruchsvoll in Richtung Autorenfilm, Independent-Kino und so weiter.

    Winter: Ja. Und sie lieben französische Komödien – Lebensart, Landschaft, verrückte Charaktere. Inzwischen fangen wir jede Staffel – das sind immer acht Filme – mit einer französischen Komödie an. Wobei es natürlich auch hier klischeehafte 08/15-Filme gibt, die wir nicht im Keller zeigen würden. Aber zum Beinspiel „Birnenkuchen und Lavendel“ und „Nur fliegen ist schöner“ sind wunderbare Komödien, die wir aussuchen und die dann unsere Leute begeistern.

    Haben Sie einen Lieblingsfilm?

    Winter: Ich habe deren viele. Mein Lieblingsfilm dieses Jahr ist „Lucky“, der letzte Film mit Harry Dean Stanton.

    Und von allen Filmen, die Sie je gesehen haben?

    Winter: Ich liebe Lubitsch. Ich liebe die alten Howard-Hawks-Komödien und John-Ford-Western. Und Billy Wilder natürlich. Aber den einen Lieblingsfilm, den gibt es nicht. Hängt ja auch immer ein wenig von der Stimmung ab.

    Für die Zusammenstellung des Filmwochenendes haben Sie einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Wie sind Sie vorgegangen?

    Winter: Das ist aus der Not geboren. Bei normalen Filmfestivals muss man Filme einreichen, die gesichtet und dann genommen werden oder auch nicht. Jede Filmhochschule hat Leute, die beauftragt sind, Filmfestivals zu beschicken. Für so etwas haben wir nicht den Apparat. Deshalb haben wir gesagt, wir machen es andersrum, gehen an eine Filmuni und machen ein Angebot: „Wir haben ein schönes kleines Städtchen, wir zahlen euch Fahrt und Unterkunft, ihr bringt Filme mit, zeigt diese und erklärt sie dem Publikum.“ Das war der erste Ansatz. Mein Sohn, der an der Filmuniversität Babelsberg studiert hat, hat dort vorgesprochen und unser ungewöhnliches Konzept vorgestellt. Fanden sie alle toll, aber machen wollten sie nichts, die Professoren. Da wäre die Idee des Filmwochenendes dann fast gestorben. Plötzlich hat sich das Projekt aber dann doch unter den Filmemachern herumgesprochen, und wir haben jetzt zehn Teilnehmer. Und damit es nicht zu einseitig wird, werden die jungen Filmemacher noch Filme von den Regisseuren, die sie stark beeinflusst haben, mitbringen und sie dem Publikum vorstellen. So haben wir „Three Monkeys“ von Nuri Bilge Ceylan, „Punch-Drunk Love“ von Paul Thomas Anderson, „Days of Being Wild“ von Wong Kar-wei („In the Mood for Love“) und „Sein und Haben“ von Nicolas Philibert dabei.

    Wie relevant ist Kino heute überhaupt noch?

    Winter: Kino war als Medium immer wichtig. So kann man etwa Platons Höhlengleichnis als eine Vision des Kinos interpretieren oder auch die Träume der Menschen als Kino im Kopf. Um auf ihre Frage zurückzukommen: Es gab schon so viele Kinokrisen – aber Kino steht immer wieder auf und erfindet sich neu. Es ist immer noch der wichtigste Ort, wo Filme so gezeigt werden, wie sie gemacht wurden. Und im Moment gibt es ja einen heftigen Streit, weil auf dem Festival in Venedig Netflix-Filme im großen Stil gezeigt wurden. Auch große Regisseure wie die Coen-Brüder produzieren ihre Filme mit Netflix, die streamen diese, sobald sie fertiggestellt sind. Während etwa Amazon seine Eigenproduktionen zuerst ins Kino bringt. Ich denke, Filme im Kino zu sehen ist vergleichbar mit einem Theater- oder Konzertbesuch: ein Originalerlebnis. Wir haben früher immer gesagt: In Kleinstädten bekommt man vielleicht nur mittelmäßiges Theater zu sehen, aber die Filme laufen eins zu eins, wie sie gemacht wurden.

    Trotzdem kommt anscheinend jede Woche der gleiche Film ins Kino – ein Superheld aus dem Comic, ein Animationsfilm und Action bis zum Abwinken. Aber dann gibt es ein paar Verrückte, die fahren nach Lohr...

    Winter: Oder nach Würzburg ins Central – die machen auch ein ganz tolles Programm. In Berlin haben wieder viele neue Kinos aufgemacht, die Arthouse-Filme spielen.

    Es gibt also diese anderen Filme, und es will die auch jemand sehen?

    Winter: Ja! Es war zwar ein harter Sommer für die Kinos, aber der neue Spike Lee, „BlacKkKlansman“, ist sehr gut angelaufen. Und ich freue mich sehr darauf, hier „Gundermann“ von Andreas Dresen zu spielen – ein in jeder Hinsicht sehenswerter und mitreißender Film!

    Die Geschichte des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann – ein Orchideenthema hier, könnte man meinen.

    Winter: Aber Andreas Dresen schafft es, diesen Menschen so lebendig in seiner Verzweiflung, in all seinen Konflikten und Widersprüchen darzustellen. Und außerdem ist es ein richtiger Musikfilm. Man kommt da raus und sagt: „Den muss ich bald noch einmal sehen!“

    Mit der Digitalisierung haben sich die visuellen Möglichkeiten des Films potenziert. Hat die Kunstform Film damit Schritt gehalten – gibt es Filmemacher, die auch auf neue Art erzählen?

    Winter: Die Serien sind vielleicht ein Beispiel – die ganz großen Geschichten mit vielen, vielen Folgen. Wobei da auch viel Spreu unter dem Weizen zu finden ist. Aber das eigentliche Kino, wie wir es lieben, hat sich durch die Digitalisierung nicht verändert. Es ist in vielfacher Hinsicht sogar einfacher geworden, Filme zu drehen. Aber im Gegenzug sind auch die Ansprüche gestiegen. Es wurde zudem sehr gejammert über die Ablösung des 35-Millimeter-Films. Dafür kommen jetzt aber sehr viel mehr Filme sehr viel schneller in sehr viel mehr Kinos. Früher mussten die kleineren Kinos wochenlang warten, bis sie einen erfolgreichen Film zeigen konnten. Das hat sich durch die digitalen Kopien geändert und zudem ist die Qualität der Projektion immer wie am ersten Tag. Früher haben bei Kopien oft ganze Meter gefehlt, sie waren verregnet und Filmrisse waren nichts ungewöhnliches.

    Das Lohrer Filmwochenende vom 21. bis 23. September

    16 Filme in neun Vorstellungen an drei Tagen zeigt das Lohrer Filmwochenende. Bewusst sind nicht nur Regisseurinnen und Regisseure eingeladen, sondern auch Drehbuchautorinnen und -autoren. Sie zeigen Dokumentarfilme, Spielfilme und teilweise auch Mischformen und stellen sich anschließend dem Gespräch. Neben eigenen Werken bringen sie Filme mit, die ihnen viel bedeuten, und erklären sie.

    Drei Filmschaffende aus der Region sind dabei: Nicole Scherg aus Partenstein zeigt ihre erste Regiearbeit „Großeltern“ (Samstag, 22. September, 14 Uhr) und stellt „Sein und Haben“ vor, einen Dokumentarfilm über eine Zwergschule in Frankreich. Jakob Schmidt aus Würzburg zeigt seinen Film „Zwischen den Stühlen“, der drei Menschen durch das Lehrer-Referendariat begleitet (Samstag, 22. September, 17 Uhr). Die Lohrerin Sonja Henrici hat „Donkeyote“ produziert, die Geschichte eines alten Mannes, der mit seinem Esel Amerika durchwandert (Sonntag, 23. September, 11.30 Uhr). Das ganze Programm unter www.stattkino-lohr.de

    Der Kulturkeller Weinhaus Mehling ist ein Gewölbekeller mit Leinwand und Beamer im Herzen der Altstadt von Lohr, den die Filmenthusiasten um Richard und Renate Winter kostenlos nutzen dürfen. Mittwochs gibt es hier seit 2016 „StattKino“ – eine Vorstellung um 16 Uhr (Originalfassung mit Untertiteln) und um eine 20 oder 20.30 Uhr.

    Das StattKino-Programm ist eine Mischung aus europäischen und amerikanischen Produktionen, in der derzeit laufenden Staffel etwa „Jahrhundertfrauen“ (12. September), „Wind River“ (19. September) oder „I, Tonya“ (26. September). Einmal im Monat ist English Filmclub, präsentiert vom Franz-Ludwig-von-Erthal-Gymnasium, mit dem Lehrerpaar Kathi und Rainer Emrich und Schülerinnen und Schülern, die die Filme vorstellen und analysieren.

    Dauerkarten für alle Vorstellungen im Weinhaus Mehling und an der StattKino-Kasse (20 Euro). Einzelvorstellungen kosten 5 Euro.

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