• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Drei Werke im Kulturspeicher als Nazi-Raubkunst identifiziert

    Seit 2014 untersucht die Historikerin Beatrix Pienzonka die Herkunft der Kunstwerke, die zwischen 1941 und 1945 für die Städtische Sammlung erworben wurden. Am Mittwoch (11. April 2018) erläutert sie im Museum im Kulturspeicher in Würzburg ihren Abschlussbericht. Darin beschreibt sie auch die Ergebnisse zum Bild „Meereswelle” von Karl Heffner. Foto: Patty Varasano

    Der Bericht mit den Ergebnissen der akribischen Suche umfasst über 200 Seiten. Seit November 2014 erforscht Beatrix Piezonka im Museum im Kulturspeicher Würzburg die Provenienz beziehungsweise die Herkunft der Kunstwerke, die seit Gründung der Galerie im Jahr 1941 bis zum Ende des Nazi-Regimes 1945 in die Städtische Sammlung kamen.

    Es geht um die Frage: Befindet sich im Bestand Nazi-Raubkunst? Also Gemälde, die ihren Besitzern NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden? Die Antwort von Beatrix Piezonka lautet: „59 Gemälde konnten als unbedenklich eingestuft werden, jedoch müssen drei als belastet gelten.“ 62 Gemälde seien vollständig abgeklärt, 165 hätten weiterhin eine lückenhafte Provenienz. Das heißt: Der Weg vom Atelier des Künstlers bis zum aktuellen Besitzer ist nicht völlig geklärt.

    Zu den drei Bildern, die als Nazi-Raubkunst gelten, gehören die undatierten „Meereswelle“ und „Sonnenuntergang am Wasser“ von Karl Heffner sowie „Die Hinrichtung der Grafen Egmont und Hoorn“ (um 1835) von Ferdinand von Rayski.

    Von Heiner Dickreiter erworben

    Insgesamt hat die Provenienzforscherin bis 31. Oktober 2017 (bis zu diesem Tag lief das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekt) 227 Gemälde untersucht. Als sie ihre Arbeit im Kulturspeicher begonnen hatte, standen 5178 Werke im Fokus, die Sammlungsleiter Heiner Dikreiter (1893 - 1966) während der Nazizeit erworben hatte.

    Nicht alle waren verdächtig. Bei 1633 Bildern jedoch – eben die 227 Gemälde und dazu 1406 Arbeiten auf Papier – hatte die Herkunftsgeschichte Lücken. Beatrix Piezonka konzentrierte sich bei ihrer Spurensuche auf die Gemälde.

    Werke werden Erben zurückgegeben

    Natürlich steht nun auch die Frage im Raum, ob die drei „belasteten“ Bilder an die Erben der einstigen Besitzer zurückgegeben werden. „Das wurde über den Stadtrat abgeklärt“, sagt Museumsleiterin Marlene Lauter. Das Museum würde die Werke zurückgeben, doch dazu müssten die Erben erst gefunden werden beziehungsweise sich melden.

    Damit dies geschehen kann, wurden die Bilder in die Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eingestellt. Sie kann im Internet eingesehen werden. „Es geht um Transparenz“, sagt Henrike Holsing. Die stellvertretende Museumsleiterin ist die Ansprechpartnerin für potenzielle Erben oder Hinweisgeber.

    Im Internet sind jedoch nicht nur die drei als Raubkunst identifizierten Gemälde aufgelistet, sondern 69. Laut Piezonka muss eigentlich nur als „belastet“ eingestufte Kunst in die Lost Art-Datenbank eingestellt werden. Sie habe aber 66 weitere Werke ausgewählt, weil neben deren lückenhaften Provenienz noch ein weiterer Verdachtsmoment hinzugekommen sei: „Sie stammen alle aus dem Kunsthandel.“

    Für ihre Recherchen studiert die Historikerin nicht nur die Inventarbücher und die Rückseite der Bilder nach Hinweisen. Sie sucht unter anderen auch in Auktionskatalogen und steht mit anderen Provenienzforschern in Kontakt. Sich ein Netzwerk aufzubauen sei wichtig bei der Suche nach der Stecknadel im Heuhafen.

    Aufkleber auf der Bildrückseite

    Ihre Recherchen zu den beiden Heffner-Gemälden ergab – kurz zusammengefasst: Sie wurden im August 1941 bei der Galerie Zinckgraf in München erworben. Der Kaufpreis betrug 1000 und 1200 Reichsmark. Auf der Rückseite der Bilder befinden sich Aufkleber der Galerie Heinemann – eine von zwölf jüdischen Kunsthandlungen in München.

    Verdächtig macht nicht nur das Kaufdatum, sondern auch der Name des Galeristen Zinckgraf, von dem die Bilder 1941 erworben wurden. Er arbeitete, erläutert Piezonka, „lange Jahre als leitender Angestellter der renommierten Galerie Heinemann. 1938/39 habe er die Chance zur ,Arisierung‘ der Kunsthandlung ergriffen. Die Umbenennung auf seinen Namen erfolgte im Mai 1941. „Er führte die Kunsthandlung bis zu seinem Tode 1954 unverändert weiter.“

    Bilder wurden „arisiert“

    Erleichtert hat ihr die Suche, dass es eine Heinemann-Datenbank ergibt. Über sie konnte die Forscherin ermitteln, dass die beiden Heffner-Gemälde 1925 von Heinemann von einer Londoner Galerie angekauft wurden. Und: „Sie gehörten definitiv zum Warenlager und wurden bei der ,Arisierung‘ übernommen – fast umsonst“ – für fünf und zehn Reichsmark. Heiner Dikreiter hat dann 1941 wesentlich mehr dafür ausgegeben, als er sie für die Städtische Sammlung erwarb.

    Beatrix Piezonka geht davon aus, dass Dikreiter die Geschichte der Galerie Heinemann, ihre erzwungene Arisierung bekannt gewesen sein dürfte. Laut Henrike Holsing habe er sich nach 1945 immer als Held dargestellt, der Kunst gerettet beziehungsweise in Sicherheit gebracht hätte. Durch die Provenienzforschung bekommt dieses Selbstbild nun Risse.

    Sie ist noch nicht zu Ende. Der Abschlussbericht, den Beatrix Piezonka dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste übergeben hat, ist, obwohl es der Name suggeriert, nicht abgeschlossen. Sie hat ihn bereits ergänzt. Seit November 2017 arbeitet sie zudem an einem Nachfolgeprojekt, bei dem der Erwerb von 1945 bis 1975 im Fokus stehen: fast 3500 Neuzugänge. Bei 1135 Objekten ist die Herkunft ungeklärt.

    Die erforschten Bilder und die Ergebnisse werden im Museum im Kulturspeicher in einer Ausstellung präsentiert. Eröffnung ist am 15. September.

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!