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    SCHWEINFURT

    Ein Blick ins optimierte Internet

    Die „Netzwelt“ ist das Internet der Zukunft, in der nicht allein Bild und Sound in eine virtuelle Welt entführen, sondern auch unmittelbare Nähe, Berührungen möglich sind. Sims ist der Erschaffer des „Refugiums“, in dem Menschen anonym ihre pädophilen und brutalen Phantasien ausleben können, ohne sich rechtlich oder gar moralisch verantworten zu müssen. In Jennifer Haleys Erfolgsstück „Die Netzwelt“ muss sich Sims einem strengen Verhör der Netzpolizei unterziehen, die ihn in Gestalt der äußerst coolen Detektivin Morris zwingen will, den Standort seines Servers zu verraten.

    Das heimelige Refugium und der kalte Verhör-Raum

    Für die Inszenierung der Hamburger Kammerspiele (Ralph Bridle), die jetzt im Schweinfurter Theater zu sehen war, hat Mascha Deneke eine Glaswand quer auf die Bühne gestellt. Dahinter liegt das virtuelle heimelige „Refugium“: ein Bett übersät von einem riesigen Haufen Stofftiere, ein Klavier, ein Grammophon. Davor: der Raum des Verhörs. Es gibt nur einen Stuhl, sonst nichts, außer kahlem, kaltem Licht.

    Hier setzt Morris (Kathrin Ost) dem Domänenbetreiber Sims („Bergdoktor“ Christian Kohlund) mächtig zu. Es geht um Ethik und Verantwortung. In der Netzwelt mischen sich die beiden Sphären. Was darf in der virtuellen Welt sein, was in der analogen verboten ist? Welche Welt ist tatsächlich real – die, in der wir leben, oder die, die wir uns selbst gebaut haben?

    Im Refugium wird begrapscht, vergewaltigt, erschlagen

    Morris hat ihr Alter Ego Woodnut (Björn Ahrens) ins „Refugium“ entsandt, wo begrapscht, vergewaltigt, erschlagen wird. Dort verliebt er sich in die ewig neunjährige Iris (Marie Dollenberg), die es in gleich dreifacher Ausführung gibt, und verstößt damit gegen Sims‘ Gesetz. Morris bedient sich auch des alternden, pädophilen Lehrers Doyle (Herbert Trattnigg), um Sims zur Strecke zu bringen. Doyle jedoch trägt sich völlig desillusioniert mit dem Gedanken, ganz in das „Refugium“ zu wechseln.

    Sims selbst pendelt zwischen den Welten. Im „Refugium“ ist er der nette Papa, ein Lebemann im Kimono. In der realen Welt ist er ein gebrochener Alter, der sich ins Netz geflüchtet hat, um sich vor den eigenen pädophilen Neigungen zu schützen. Das Mädchen, bei dem diese erstmals spürbar wurden, war Iris, die in der virtuellen Welt immer die Neunjährige bleiben muss. Kohlund gibt diese gespaltene Figur Sims virtuos.

    Ihn umgibt ein gutes Ensemble, das den Science-Fiction-Thriller spannend, wenngleich auch mit einigen Längen, spielt. Die Zuschauer verfolgen diesen Blick in die Zukunft, die längst begonnen hat, völlig gebannt. Erlösender Beifall zum Schluss.

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