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    WÜRZBURG

    Ein Hauch von Melancholie

    Der Erste Weltkrieg war vorbei, das Kaiserreich zerbrochen, der Architekturstudent Carl Grossberg kein Soldat mehr. Der 24-Jährige erlebte den Beginn einer neuen politischen Ära.

    Am Nachmittag des 9. November 1918 stand Philipp Scheidmann auf einem Balkon des Reichstags in Berlin und rief die Republik aus. Sie erhielt wenige Monate später den Beinamen „Weimarer“, weil in der Goethe-Stadt ab 6. Februar 1919 die verfassungsgebende Nationalversammlung tagte.

    Ebenfalls in Weimar entstand auf künstlerisch-ästhetischem Gebiet etwas völlig Neues: Im April 1919 wurde das Staatliche Bauhaus ins Leben gerufen. Dort fand Carl Grossberg als Schüler von Lyonel Feininger zu seinem Stil – ohne seinen Lehrer direkt nachzuahmen.

    Wahlheimat Sommerhausen

    Bei Feininger studierte Grossberg Malerei, Dekorationsmalerei und Raumkunst. Sein vor dem Ersten Weltkrieg begonnenes Architekturstudium beendete er nicht.

    Nach Studienreisen durch Süddeutschland und Franken ließ er sich ab 1921 in Sommerhausen nieder – und blieb mit seiner Familie dort im runden mittelalterlichen Wohnturm – obwohl er mehrfach wegziehen wollte, weil er in Würzburg keine Aufträge erhielt.

    Im Gegensatz zum Bauhaus, das mehrere Neuanfänge erlebte, scheiterte die Weimarer Republik. Mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten und Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war sie Geschichte.

    „Glanz und Elend“ dieser kurzen politischen Phase, in der erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland bestand, wird noch bis 25. Februar in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt präsentiert. 190 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von rund 60 bekannten und weniger bekannten Künstlern aus den Jahren 1918 bis 1933 vermitteln ein Bild dieser Zeit beziehungsweise ein laut Ausstellungstext „weiträumiges Panorama der Kunst und Gesellschaft der Weimarer Republik“.

    Neben Glanz und gesellschaftlichen Neuerungen sind auch die Schattenseiten, Krisen und sozialen Spannungen Themen dieser Schau. Die Künstler halten darin der Gesellschaft einen Spiegel vor und spürten, dass die Zukunft nichts Gutes bringen würde. Sie zeigen bettelnde kriegsversehrte Soldaten, soziale Unruhen, bittere Armut, nackte Prostitution, Hakenkreuz-tragende Männer. Aber auch ausgelassenes Nacht- und Liebesleben, Sport, Industrie.

    In der Weimarer Republik wurden bahnbrechende Umwälzungen angedacht wie die Abschaffung der Paragrafen 175 (Homosexualität) und 218 (Abtreibung) – oder sie wurden in die Wege geleitet wie das Wahlrecht für Frauen. Am 19. Januar 1919 konnten sie erstmals ihre Stimmzettel abgeben.

    In altmeisterlicher Weise

    Der Stil der sogenannten Zwischenkriegszeit war die Neue Sachlichkeit, die „die moderne Welt besonders deutlich zu schildern schien: kühl, unbeteiligt, abgeklärt, mit klaren Konturen und in altmeisterlicher Malweise, gleichzeitig mehrdeutig und anspielungsreich“, heißt es in der Ausstellung. Sie drängte mit ihrem geordneten Bildorganismus den Expressionismus zurück.

    Die Neue Sachlichkeit ist kein einheitlicher Stil, sondern kennt in ihrer Gegenständlichkeit verschiedene Ausprägungen. Die Kunstgeschichte unterscheidet hier zwischen der veristisch-sozial- beziehungsweise gesellschaftskritischen und der klassisch-konservativen Neuen Sachlichkeit sowie dem magischen Realismus.

    Carl Grossberg gehört zum zweiten und dritten Flügel. In seinen meist menschenleeren Dorf-, Stadt- und Industrielandschaften ist der ehemalige Architekturstudent erkennbar. Ihn interessierte der Körper im Raum. Zudem war er fasziniert von Fabriken, Werkhallen, technischen Konstruktionen. „Maschinen wurden porträtiert wie Wesen aus einer fernen Zukunft, fremd und geheimnisvoll“, heißt es in der Ausstellung.

    Zugleich umgibt sein Werk ein Hauch von Melancholie. Seine Bilder seien nicht heimelig, sondern von einer nüchternen Gespenstigkeit und Ruhe, schreibt der Kunsthistoriker Justus Bier 1926 Grossbergs Werke. Sie wirkten seltsam fern und zeitlos – ganz im Gegensatz zu seinen lockeren Skizzen, Studien und Aquarellen.

    In der Schirn sind die Bilder „Weiße Tanks (Harburger Ölwerke)“ von 1930 sowie „Ölraffinerie“ und „Der gelbe Kessel“ (beide 1933) ausgestellt. Grossbergs Gemälde lassen eher vermuten, dass er nicht in der ländlichen Idylle in Sommerhausen lebte – eine Region in der „nach den revolutionären Umbrüchen 1918/19 die zeitgenössische Kunst in Würzburg einen schweren Stand“ hatte, schreibt Beate Reese im 2003 erschienenen Katalog „Tradition und Aufbruch. Würzburg und die Kunst der 1920er Jahre“ zur Ausstellung im Museum im Kulturspeicher. Kunstrichtungen wie Expressionismus und Konstruktivismus wären hier ohne Resonanz geblieben. „Einzig die Neue Sachlichkeit erfuhr ab Mitte der 1920er Jahre eine gewisse künstlerische Ausformung und Rezeption.“

    Internationale Plattform

    Bei der ersten als wegweisend geltenden Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit in Mannheim 1925 war Grossberg nicht vertreten. 1929 hatte er in Amsterdam mit dem Bild „Creglingen“ erstmals eine internationale Plattform. In Würzburg war er regelmäßig im „Neuen Graphischen Kabinett“ von Oskar Laredo in der Kaiserstraße vertreten.

    1927 zeigte der Kaufmann zum 50-jährigen Bestehens seines „Kunstgewerblichen Kaufhauses“ eine kleine Schau zur Neuen Sachlichkeit, unter anderen mit Carl Grossberg, Georg Schrimpf, Otto Dix, George Grosz, Franz Radziwill und Georg Scholz – Künstler, die nun auch in der Schirn vertreten sind.

    Grossbergs „Weiße Tanks“ zum Beispiel gehört zu einem Konvolut von fünf Bildern. Eine Auftragsarbeit. Laut Angaben der Galerie Hasenclever wünschte sich Konsul August Brinkman 1932 Bilder von Industrieanlagen in Hamburg-Harburg. Grossberg hatte viel mehr vor: einen „Industrieplan“. Er wollte die wichtigsten Anlagen Deutschlands auf Leinwand bannen. Als er dies nicht realisieren konnte, zog es ihn in die USA. Eine 1939 anvisierte Auswanderung klappte jedoch nicht mit der Begründung, dass er Reserveoffizier sei. Kurz darauf musste er wieder in den Krieg ziehen. Am 19. Oktober 1940 starb er an den Folgen eines Autounfalls im Wald von Compiegne bei Laon nördlich von Paris.

    Die Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt ist noch bis 25. Februar zu sehen: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr.

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