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    WÜRZBURG

    Ein neuer Blick auf die Geschehnisse im Stall

    Der MonteverdiChor feierte sein 25-jähriges Bestehen mit einem ungewöhnlichen Projekt. Foto: MVC

    Zwei Menschen ziehen von Haus zu Haus. Jede Tür wird vor diesen Fremden zugeschlagen. So muss die hochschwangere Maria das Kindlein in einem Stall zur Welt bringen. Diese Szene, millionenfach in Weihnachtskrippen dargestellt, in Geschichten, Gemälden und Liedern festgehalten, wird zu einem der vielen eindrucksvollen Höhepunkte des Oratoriums „Puer natus est“, das als Auftragsarbeit des MonteverdiChors anlässlich seines 25-jährigen Bestehens in der voll besetzten Neubaukirche uraufgeführt wurde.

    Komponist Michael Ostrzyga, Unversitätsmusikdirektor in Köln, erzählt sie anders. Wort-, aber nicht tonlos. In der „Zur halben Nacht“ überschriebenen siebten von zehn Szenen sind Kommentare überflüssig. Nachdem der Chor (um die 90 Sängerinnen und Sänger) mit „Und das Wort ist Fleisch geworden“ das Wunder der Geburt angekündigt hat, malen die Musiker der Jenaer Philharmonie ein vielfarbiges, unter die Haut gehendes Bild der Geschehnisse im Stall. Ohne Umwege über Kopf und Intellekt gehen die Töne direkt in die Seele. Ein Sog, der hineinzieht in das Wunder der Geburt: Herzschlag des Kindes, Atemgeräusche der im Schmerz der Wehen versunkenen Mutter, schneidender Wind, der um den Stall in Bethlehem tobt.

    Josefs Selbstvorwürfe

    Dirigent Matthias Beckert entlockt den einzelnen Instrumentengruppen hochdramatische, dann wieder melodiöse Momente, dem Chor Wind- und Pfeifgeräusche. Erst mit Josefs „Es ist vollbracht“, von Tenor Benedikt Nawrath eindrucksvoll zitiert, schließt sich der Kreis, deutet sich eine erlösende Verheißung an.

    Nawrath ist vielseitig, kann auch Kopfstimme. Kann wüten, sich empören oder in Selbstvorwürfen mit sich hadern. Für jede seiner Gefühlsregungen gibt die ungewöhnliche Schwangerschaft seiner Verlobten Anlass.

    „Herodes“ ist die fünfte Szene betitelt, in der Bass Thomas Bonni eindrucksvoll brüllen, prahlen und grausam drohen kann. Im neunten Bild, „Maria“ überschrieben, reflektiert Barbara Buffy mit warmer, gut geführter Altstimme das Leben der alternden Maria, während gleichzeitig Sopranistin Maximiliane Schweda mit reiner Stimme das Warten und Hoffen der jungen Myriam ausdrückt, im sechsten Bild „Verkündigung“ ihre Sprachlosigkeit, ihr Vertrauen in höchsten Tönen beinahe beschwört.

    Die Texte von Librettist Winfried Böhm, emeritierter Professor der Universität Würzburg, korrespondieren in vollkommener Harmonie mit den sich teilweise in Mystik, in unergründliche Tiefe verströmenden musikalischen Sequenzen.

    Das große Orchester mit Streichern, Blech, Harfe, Klavier, einer Pauke und vier Schlagzeugen mit Tamtams und Crotales (antiken Zimbeln) spielt spannend, dissonant, harmonisch oder auch traditionellen Kompositionsschemen angepasst. Da sind die Geigen nicht nur Streichinstrumente, sondern werden auch mal wie Gitarren geschlagen; da spielt das Blech mit und ohne Dämpfer, da tupft der eine oder andere Harfenton dazwischen.

    Zeitlose Stille

    Die Musiker begleiten die einzelnen Bilder, beginnend mit einem Bild der „Ewigkeit“. Minutenlange Pianotöne, zeitlose Stille, sphärisch, zauberhaft.

    Noch fehlt der Mensch, bis Chor und Orchester den Konzertsaal mit „Irrsal und Wirrsal“ füllen und den Bogen über das Weihnachtsgeschehen bis hin zum mit einem Paukenschlag beginnenden Jubel („Jauchze“) spannen, der die Geschichte Gottes mit den Menschen lobpreist und zu „Glaube! Hoffe! Liebe“ animiert. Freudiger, heftiger Applaus für diese ganz andere und doch vertraute Art eines Weihnachtskonzerts.

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