• aktualisiert:

    Würzburg

    Exklusiver Fortsetzungsroman, Folge 3: "Für immer Elisa" geht weiter

    "Für immer Elisa" - Ulrike Schäfer setzt mit Kapitel 3 den Sommerroman fort.  Foto: Ivana Biscan

    Werner stand am Ufer, erschöpft und unsicher. Mitfahren oder bleiben?

    Der Schiffsführer sah ihn erwartungsvoll an.

    Eine Frau trat mit einem Eimer aus der Schifferwohnung und schüttete Spülwasser über die Reling. „Der neue Decksmann?“, fragte sie und musterte Werner. „Ganz schön groß. Wird sich die Birne abschleifen an der Kajütentür.“ „Fahren Sie Richtung Marktheidenfeld?“ Plötzlich war es ihm aufgegangen, als wäre er aus einer Trance erwacht: Marktheidenfeld! Es war der einzige Hinweis, der ihm noch blieb. Die letzte Chance.

    Der Schiffer nickte.

    Und so ging er an Bord, mit zittrigen Beinen, schwindlig von seiner atemlosen Fahrt und vom Hunger, mit leeren Händen und voller Hoffnung. Der alte Mann auf dem verlassenen Zirkusplatz hatte zuerst Marktheidenfeld genannt und sich dann erst verbessert: Nein, von Wertheim hätten die Zirkusleute gesprochen. Der Alte musste es verwechselt haben, es musste einfach so sein.

    Doch als sie Marktheidenfeld erreichten, lag die Martinswiese leer. Er hatte ihre Spur verloren. Was ihm jetzt noch blieb, war das Glück des Zufalls.

    Sie fuhren nach Würzburg und luden Briketts aus. Hier, in einer Wolke aus Staub und nach allem, was hinter ihm lag, war sein Blick auf die Stadt, in der er aufgewachsen war, schon ein anderer. Er musste das Schiff gründlich reinigen. Er schrubbte und schrubbte, seine Augen brannten vom Kohlestaub, von Trauer und Wut. Seinen ganzen Zorn auf den Vater legte er in dieses Schrubben. Als er fertig war, hatte er Blasen an den Händen von der ungewohnten Arbeit, und der Zorn war immer noch da. Am nächsten Morgen luden sie Getreide, und dann verließen sie endlich die Stadt.

    Sie fuhren wieder zu Tal, wie der Schiffer sagte, zum Rhein und weiter nach Rotterdam, das sie dreizehn Tagen später erreichten. Von dort ging es mit Futtermitteln zurück an den Main, und als sie in Würzburg Station machten und die Hälfte der Ladung löschten, bevor es nach Bamberg weiterging, war seine Heimatstadt ein Hafen, den sie anfuhren, einer von vielen. Über einen Monat war er schon auf der Columbus. Sein Zuhause war die Matrosenwohnung. Seine Habseligkeiten passten in eine schmale Tasche. Das Nötigste hatte er unterwegs gekauft vom ersten Lohn, den ihm der Schiffsführer vorgeschossen hatte.

    Er lernte den Palstek. Er lernte, beim Anlegen mit der Schlupp des Taus den Poller zu treffen. Er schrubbte und schrubbte. Putzte Petroleumlampen und säuberte die Zylinder, wechselte das Stroh in den Säcken, schleppte Eimer, schälte Kartoffeln, schrubbte wieder. Er schrubbte den Bürojungen aus sich heraus, den Sohn seines Vaters, Porzellanwaren Brauer in vierter Generation, eines Mannes mit Einfluss und Brieftasche, die gezückt wurde, wenn Geschäfte zu machen oder Probleme aus der Welt zu schaffen waren. Abends, wenn sie angelegt hatten, fiel er erschöpft in sein Kajütenbett. Am nächsten Tag ging es weiter.

    Der Rhythmus des Lebens auf dem Wasser ging in ihn ein, eines Lebens, das sich nach Hell und Dunkel richtete, nach dem Wetter und den Ordern, die sie in den Häfen, an den Schleusen und an den Order-Stationen am Rhein erhielten. Morgens um sechs stand er auf, schürte den Ofen an, setzte Kaffeewasser für das Schifferpaar auf und stellte ihnen einen Kübel Holz vor die Tür. Zog Wassereimer aus dem Fluss und schwenkte den vom Tau gelösten Dreck von den Dächern der Schiffsführer- und der Matrosenwohnung. Fror sich durch seinen ersten Winter, schleppte jetzt Kohle statt Holz, klopfte Eis von der Gangbord, schlug die angefrorenen Taue von den Pollern, wenn sie ablegten, und erwartete sehnsüchtig das Frühjahr.

    Wenn sie durch Städte fuhren und an Ortschaften vorbei, hielt er Ausschau nach dem rot-weißen Zirkuszelt, ein wiederkehrendes Auf und Ab von Erwartung und Enttäuschung, das sich in den Rhythmus seines Schiffslebens fügte. An einem späten Maitag entdeckte er von Weitem ein Zeltdach in Breisach am Rhein, rot und weiß, sein Herz schlug bis zum Hals, doch es war nicht Zirkus Janko. Nicht Janko.

    Sein erster Sommer auf der Columbus brach an, und wenn sie abends anlegten, nach der letzten Schleuse oder an einer Anlegestelle am Rhein, zwei, drei Schiffe hintereinander, gesellte er sich zu den anderen Decksmännern und Matrosen am Ufer. Die Kinder der Schiffer, die die Ferien bei ihren Eltern verbrachten, wuselten um ihn herum. Er brachte ihnen den Handstand bei, und sein früherer Wunsch, Sportlehrer zu werden, stieg auf wie aus einem anderen Leben, einem Leben an Land. Wenn es dunkel wurde, verschwanden die Kinder eins nach dem anderen zu ihren Familien auf die Schiffe, und die Älteren blieben noch eine Weile unter sich. Sie hockten auf den Pollern, einer spielte Mundharmonika, sie tranken und redeten. Denen, zu denen er Vertrauen fasste, erzählte Werner von Elisa, vom verschollenen Zirkus, und gab ihnen den Namen mit auf den Weg: Janko. Sie versprachen, Ausschau zu halten.

    Vor dem Einschlafen, auf seinem Strohsack liegend mit geschlossenen Augen, stellte er sich das Netz der Flüsse auf der Landkarte vor, über die seine Beobachtungsposten wie leuchtende Punkte wanderten: Wo ist Janko? Die Hoffnung nahm er mit in seine Träume.

    Doch der Sommer verging ohne Nachricht. Sein zweiter Herbst auf der Columbus brach an, dann der Winter. Wieder schippte er Schnee von der Gangbord, schleppte die aufgeschossenen Taue unter Deck, damit sie nicht festfroren, und mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Löschen und Laden sank seine Hoffnung. Noch immer suchte er das Ufer ab, die Festplätze in der Nähe des Wassers, und wenn sie anlegten und er die Schiffersfrau bei ihren Einkäufen begleitete, die schweren Lasten zurück auf die Columbus trug, Brot und Kartoffeln und Zwiebeln, Geräuchertes, Gemüse, Butter und Margarine, dann wanderte sein Blick über die Zäune und Mauern auf der Suche nach Plakaten, die einen Zirkus ankündigten. Doch sein Ausschauhalten war jetzt ein Ritual ohne wirklichen Zweck, eine Gewohnheit, von der er nicht lassen konnte.

    Ob er nicht die Ausbildung zum Matrosen machen wolle, fragte ihn der Schiffsführer eines Tages. Seine Zeit auf der Columbus könne er sich anrechnen lassen. Er zögerte, schob die Entscheidung vor sich her. Er hatte kein Bild von seiner Zukunft. Also beließ er es bei dem, was er gerade tat.

    Im dritten Sommer machten die Schiffsleute zwei Wochen Urlaub in Würzburg. Er selbst verbrachte die Zeit in Miltenberg, in angemessener Entfernung zu seinem früheren Zuhause. Über einer Bäckerei gab es eine Dachkammer, in der er übernachten konnte, die Bleibe eines Schiffsjungen, der unterwegs war. Er sah Karin wieder, die Tochter eines Schleusenmeisters, die er schon flüchtig kannte. Ein paar Mal gingen sie aus. Es war anders als mit Elisa, zögerlicher von beiden Seiten. Auch sie hatte eine Geschichte hinter sich, wie sie es nannte, und als die zwei Wochen vorüber waren, sagten sie sich unverbindlich Adieu. Und dann ging es wieder aufs Schiff.

    Werner ließ die Zeitung sinken. Keine Zeile hatte er gelesen. Die Glieder waren steif vom reglosen Sitzen. Es war schon halb acht. Der Kaffee war kalt.

    Wie es kam, dass diese Zeit deutlicher vor ihm stand als der heutige Tag.

    Wenn er die Augen schloss, war er wieder dort: Der Name des Schiffs, die Farben nicht mehr abgeblättert wie anfangs, sondern leuchtend rot auf weißem Grund: Columbus. Wie selbstverständlich hatte Werner seine kleinen Zeichen gesetzt, rot und weiß, als könne er das Glück locken. Doch geglaubt hatte er da schon nicht mehr daran. Bis zu jenem Tag.

    Sie waren von Köln gekommen und hatten sich Remagen genähert. Er sah den Glaskasten der Order-Station über dem Café vor sich. Die Signallichter, die von dort ausgesandt wurden, und die anderen Schiffe vor ihnen. Er hörte die durchs Mikrofon geschrienen Order und Nachrichten. Schließlich hatten sie die Station erreicht, in Erwartung eines neuen Auftrags. Und ja, auch für sie gab es ein Lichtsignal.

    Sie liefen wie immer auf dem Lukendach nach vorne, weg vom Lärm der Antriebsmaschine im Heck. Der Mann in der Station hatte etwas für sie, doch das erste, was er durchs Mikrofon plärrte, war keine Order, sondern eine Nachricht. Eine Nachricht für ihn, Werner, die über den Rhein schallte.

    Der Schiffsführer sah ihn an. Dann wechselte er einen langen Blick mit seiner Frau. Sie kannte Werners Geschichte, er hatte sich ihr anvertraut, und an der Art, wie ihr Mann sie ansah, erkannte Werner, dass auch er Bescheid wusste. Sie nickte langsam. Der Schiffsführer entließ einen tiefen Seufzer.

    „Ich lass dich in Andernach an Land.“

    Und so verließ Werner die Columbus beinahe ebenso unvermittelt, wie er sie damals betreten hatte. Es war wieder Sommer. Fast drei Jahre hatte er auf dem Schiff verbracht. Die Hoffnung war mit einem Schlag zurückgekehrt, doch sie war nicht mehr dieselbe. Es war ein Gemisch aus freudiger Erwartung, Wehmut und Bangigkeit.

    Als er in Andernach an Land ging, fühlte sich der Boden unter seinen Füßen fremd an. Die Columbus zu verlassen – nicht für einen Landgang, sondern endgültig –, hatte etwas Widersinniges. Er drehte sich noch einmal um.

    Die Frau des Schiffers winkte. Er winkte zurück. Der Schiffsführer stand reglos.

    Werner ging weiter. Als er schon nichts mehr erwartete, hörte er es hinter sich: „Ich wünsch dir immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!“

    Er konnte es gebrauchen.

    Es war also wirklich geschehen. Jemand hatte das rot-weiße Zirkusdach entdeckt. Ein Matrose oder Decksmann oder eines der älteren Kinder der Schiffsführer, denen er davon erzählt hatte. Jemand hatte telegraphiert oder angerufen, die Nachricht übermittelt und denjenigen, der sie entgegennahm, überzeugt, dass sie wirklich wichtig war. So wichtig wie der Tod eines Elternteils oder die Geburt eines Kindes, so wichtig wie die Nachrichten, die normalerweise vom Land auf die Schiffe gesandt wurden.

    Die Meldung, die über den Rhein schallte, war kurz gewesen: „Janko ist in Schweinfurt.“

    Fortsetzung folgt

    Ulrike Schäfer Foto: Katrin Heyer
    Die Autorin
    Ulrike Schäfer ist als Autorin und Schreibcoach tätig und lebt in Würzburg. Ihre literarische Arbeit wurde u. a. mit dem Würth-Literaturpreis und dem Kulturförderpreis der Stadt Würzburg ausgezeichnet. 2015 erschien ihr Erzählband „Nachts, weit von hier“ (Klöpfer & Meyer Verlag), 2015/16 wurden ihre Theaterstücke „Die Jünger Jesu“ nach Leonhard Frank und „Ein Widder mit Flügeln“ am Mainfranken Theater Würzburg uraufgeführt. Weitere Infos zur Autorin unter www.ulrike-schaefer.de.
    Sie dankt Gerhard Kuhn und den Mitgliedern des Schiffervereins Mittelmain sehr herzlich für ihre unglaublich schnelle Hilfe. Sachliche Fehler gehen allein auf die Kappe der Autorin.
    Der Sommerroman
    Die Idee: Sechs Autorinnen und Autoren aus der Region schreiben während der Ferien einen Roman. Jeden Samstag eine Folge, jeden Samstag ein anderer Autor – Gattung, Handlung, Ausgang ungewiss. Den Auftakt machte Corina Kölln. An den folgenden Samstagen spinnen Johannes Jung, Ulrike Schäfer, Hanns Peter Zwißler und Lothar Reichel den Handlungsfaden weiter. Ulrike Sosnitza wird am 7. September das Happy End oder das tragische Finale oder den offenen Schluss beisteuern. Viel Vergnügen!

    Ulrike Schäfer

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!