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    Würzburg

    Femi Kuti und der Tanz auf der Rasierklinge

    "Wir glauben an Martin Luther King, an Patrice Lumumba, an Malcom X.": Femi Kuti (hier bei einem Auftritt in Abidjan) verbindet Musik und politische Botschaft. Foto: SIA KAMBOU, AFP

    Femi Kuti, 1962 in London geboren, ist der älteste Sohn von Fela Kuti, dem "King of Afrobeat". Er hat das Erbe des 1997 gestorbenen Vaters angetreten – nicht nur musikalisch sondern auch politisch. Am  31. Mai kommt der Nigerianer zum Würzburger Africa Festival. Es ist nicht sein erster Besuch.

    Frage: Sie haben mit angesehen, wie 1000 nigerianische Soldaten am 18. Februar 1977 in Lagos die Künstler-Kommune Ihres Vaters, die Kalakuta Republic, niederbrannten ...

    Femi Kuti: Ja, ich kam gerade von der Schule heim, als die Soldaten aufliefen. Wäre ich ein paar Sekunden eher gekommen, wäre ich da mitten reingeraten. Dieser Tag hat das Leben von uns allen verändert – mein Leben, das meines Vaters, das meiner ganzen Familie. Komplett. Alle hatten ja immer irgendwie mit Ärger gerechnet und Polizei und Verhaftungen gehörten auch damals schon zu unserem Leben. Wir hatten immer Angst um unseren Vater. Aber einen solchen Gewaltausbruch hatte sich keiner vorstellen können. Das war Krieg an diesem Tag. Und danach war Stille, wochenlange Unsicherheit. Der Schock war so groß, dass alle Angst hatten, darüber auch nur zu sprechen.

    "Wir glauben an die Dinge, die mein Vater getan hat."
    Femi Kuti, Konzerthallenbetreiber
    Sie waren damals 15 Jahre alt. Ihre Großmutter wurde an diesem Tag aus dem Fenster geworfen und starb später an ihren Verletzungen. Alles ging in Flammen auf. Um Ihren Vater mussten Sie noch öfter bangen; er musste zu Verhören und ins Gefängnis, wurde schwer misshandelt und machte unter Lebensgefahr trotzdem immer weiter. Wie sind Sie als Jugendlicher mit diesem ständigen Tanz auf der Rasierklinge zurechtgekommen?

    Kuti: Irgendwie fand ich meinen Weg, das alles auszublenden und nicht an mich heranzulassen. Meine Mutter hatte ständig Angst, dass der Geheimdienst uns Kinder benutzen könnte, um an unseren Vater heran zu kommen. Ständig bettelte sie uns an, dieses oder jenes nicht zu tun, aufzupassen, uns umzusehen und vorsichtig zu sein. Unsere Mutter zeigte uns immer die Autos, die vor unserem Haus standen, mit Männern, die uns beobachteten. Aber ich glaube, ich war noch zu jung, um den Ernst der Lage, um das ganze Ausmaß zu erfassen. Die Polizei kam in unser Haus, wann immer sie wollte, zu jeder Tages- und Nachzeit. Je älter ich wurde, um so mehr suchte ich mir Auswege, um all das auszublenden, um ein Leben zu haben: Fußball spielen, mit Freunden zusammen sein. Insgesamt war das keine besonders schöne Kindheit, sehr verängstigend.

    Sie sind zum Hüter des Erbes ihres Vaters geworden. Sein Musikstil, der Afrobeat, ist Ihr Leben. Sie spielen fast jede Woche in Ihrer Konzerthalle, im New Afrika Shrine, in Lagos und jedes Jahr weltweit zahlreiche Konzerte ...

    Kuti: Letztlich war es meine Mutter, die das alles maßgeblich beeinflusste. Sie gab auch das Geld, um den neuen Schrein aufzubauen. Sie erzog uns zu Bescheidenheit, vermittelte uns Werte und lehrte uns, richtige Entscheidungen zu treffen. Meine ältere Schwester steht mir bis heute zur Seite. Ohne sie würde der Schrein nicht laufen. Sie ist die Managerin und ich übernehme das Musikalische. Der Management-Anteil ist riesig. Du musst dich mit der Regierung, mit dem Klempner, mit der Elektrizität und sonstwas rumschlagen, was nicht so einfach ist in Lagos. Jeder versucht Geld abzuzweigen. Aber um all das geht es nicht. Wir glauben an die Dinge, die mein Vater getan hat, wir glauben an Martin Luther King, an Patrice Lumumba, an Malcom X. Wir sind Panafrikanisten und denken sehr global. Es geht nicht darum, vor Verantwortlichkeiten wegzurennen, sondern in diesem Sinne Konfrontationen zu suchen.

    Weitermachen, wo der Vater aufhören musste: New Afrika Shrine von Femi Kuti in Lagos Foto: Lutz Mükke
    Viele andere afrikanische Superstars sind nach New York, London und Paris gegangen. Warum leben Sie in Lagos?

    Kuti: In New York zu leben und über Nigerias Probleme zu reden, wäre für mich völlig unakzeptabel. Wenn ich über Probleme in Nigeria spreche, dann weil ich weiß, was hier Sache ist, weil ich hier lebe. Ich gehöre zu Lagos. Ich thematisiere Probleme aber nicht aus einer generellen Gegnerschaft gegen jeden und alles heraus, sondern weil wir diese Welt zum besseren ändern müssen. Und wir sollten viele Dinge sehr schnell angehen.

    Vor dem Tod ihres Vaters 1997 musste sein legendärer Nachtclub, der"Shrine", ein paarmal umziehen. Die exzessiven Afrobeat-Shows, die er in seinem Musik-Tempel veranstaltete, waren legendär, weit über Nigerias Grenzen hinaus. Leute wie Paul McCartney, James Brown und Stevie Wonder besuchten sie. 2000 eröffneten Sie den neuen Schrein.

    Kuti: An diesem Ort halten wir das Erbe meines Vaters wach, aber auch das meiner Großmutter, die eine starke Rolle in der nigerianischen Frauenbewegung spielte. Den Grund und Boden für den neuen Schrein mussten wir übrigens ganz geheim kaufen, über einen Freund. Bevor uns die Regierung stoppen konnte, hatten wir die Halle hochgezogen. Aber nach der Eröffnung gingen die Schikanen sofort los. Die ersten acht Jahre hat uns die Polizei permanent überfallen. Alles war schwierig. Das ging ans Eingemachte. Aber die Leute kamen trotzdem und kommen immer noch. Unser Afrobeat bleibt so erfolgreich, weil er authentisch im Sound ist und seine soziale Message hat. Afrobeat war immer weit mehr als nur Entertainment.

    "Man kann keine Kompromisse mit der Wahrheit machen."
    Femi Kuti, Musiker und Aktivist
    Die Polizei begründete die Razzien mit illegalem Drogenkonsum von Besuchern. Die Weltpresse berichtete von aufgebrochenen Backstage-Räumen, zertrümmerten Instrumenten und abgebrochenen Konzerten. Das alles erinnerte stark an die Zeiten Ihres Vaters. Warum haben Sie sich das trotz ihrer heftigen Jugend angetan?

    Kuti: Es war sehr schwierig, meinen Freunden, meiner Band und meiner Frau zu erklären, dass die Gefahr, der mein Vater ausgesetzt war, sich jetzt gegen uns richtete. Und dass wir damit umgehen müssen, nicht zurückweichen dürfen, unsere Stimmen hörbar bleiben müssen. Einige meiner Musiker hielten dem Druck nicht stand und verließen die Band. Auf Tour zu gehen und zurück zu kommen, war ein massives Problem. Aber man kann keine Kompromisse mit der Wahrheit machen: Gibt es in Nigeria Korruption? - Ja! Haben wir schlechte politische Führer? - Ja! Wird Afrika ausgebeutet? - Ja! Wenn all das wahr ist, werde ich darüber sprechen und singen.

    Ein riesiger Fundus nigerianischen Kulturerbes lagert heute in Museen und Sammlungen Europas und der USA, weggeschleppt und geplündert während der Kolonialzeit. Wie nehmen Sie die derzeitigen Diskussionen über die Rückgabe wahr?

    Kuti: Auch hier haben wir das Problem mit unserer politischen Führung. Viele unsere Politiker verstehen deren enormen Wert und kulturelle und historische Bedeutung überhaupt nicht. Viele Politiker sind pure Marionetten. Wir sind in einer sehr schwierigen Lage und bräuchten eigentlich Führer, die für unsere Interessen in der Weltgemeinschaft hart und klug kämpfen, auch für die Repatriierung unseres Kulturerbes. Aber wo sind diese Führer!? Wo sind die Museen, in denen wir diese Dinge unseren Kindern ansprechend präsentieren können?

    Aber die positiven Entwicklungen sind doch auch nicht zu übersehen. Gerade in Nigeria. Die Militärs, die Ihren Vater malträtiert haben, mussten abdanken. Die Wahlen 2018 verliefen weitgehend friedlich und eine clevere junge Generation von Politikern, Geschäftsleuten und Künstlern wächst heran.

    Kuti: Das bestreite ich gar nicht. Aber die sind selten auf einflussreichen Posten, wo sie Dinge bewegen können. Und die Zeit drängt. Meine Aufgabe bleibt, im Schrein an die Leute zu erinnern, die sich großartig für Afrika eingesetzt haben. Wir müssen uns unserer Geschichte bewusst werden, um uns in eine gute Zukunft zu befördern. Deshalb spiele ich meine Musik mit ganzer Energie.

    Sie spielen im Mai wieder beim Africa Festival in Würzburg. Wie wichtig sind solche Auftritte?

    Kuti: Ich toure jetzt seit über 30 Jahren, und Festivals wie das in Würzburg waren und sind extrem wichtig. Die Auftritte geben uns die Möglichkeit, unsere Message zu verbreiten, unsere Talente und unsere Kultur in der Welt zu zeigen. Das ist wichtig für mich, für die Band, für viele afrikanische Musiker und für Afrika. Das Festival kann dazu beitragen, das Negativimage Afrikas abzubauen

    Lutz Mükke

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