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    Bayreuth

    Festspiele: Statischer "Lohengrin", rasante "Meistersinger"

    In-Treff Haus Wahnfried (von links): Johannes Martin Kränzle (Sixtus Beckmesser), Michael Volle (Hans Sachs, dahinter), Günther Groissböck (Veit Pogner) und die restlichen Meistersinger. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

    Werkstatt Bayreuth: In der Regel laufen Inszenierungen bei den Richard-Wagner-Festspielen fünf Jahre, und es ist Brauch, dass die Regisseure von Jahr zu Jahr weiter an ihnen arbeiten. Details schärfen, Überflüssiges streichen, Aussagen konkretisieren. Das wird schon dadurch nötig, dass Besetzungen wechseln und Solisten Rollen übernehmen, die ursprünglich auf andere zugeschnitten waren.

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    Entsprechend hoch waren die Erwartungen bei der ersten Wiederaufnahme des "Lohengrin" von Yuval Sharon in der Ausstattung von Neo Rauch und Rosa Loy. Sharon war im Vorjahr kurzfristig für Alvis Hermanis eingesprungen und hatte ein nahezu abgeschlossenes Bühnen- und Kostüm-Konzept vorgefunden. So war wenig Regie erkennbar gewesen, die Optik der gemalten Märchenwelt dominierte alles.

    Unerfreuliche Auseinandersetzung im Brautgemach: Lohengrin (Klaus Florian Vogt) und Elsa (Camilla Nylund). Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

    Doch leider: Allzu viel hat sich nicht getan. Yuval Sharon, der inzwischen in Berlin eine radikal dekonstruierte und entsprechend umstrittene "Zauberflöte" abgeliefert hat, ist zum "Lohengrin" kaum etwas eingefallen. Im ersten Aufzug wird praktisch nur herumgestanden, im zweiten im Buschwerk Versteck gespielt. Den Chor scheucht Sharon von links nach rechts und wieder zurück, meist teil er ihn aber gerecht zwischen beiden Bühnenhälften auf und nutzt ihn als tumbe Visualisierung eines tumben Volks (von Brabant), das in den Ruinen einer verschwundenen, technisch höher entwickelten Vorgängergesellschaft lebt.

    Lohengrin als freundlicher aber unerbittlicher Despot

    Es wird zwar eine Art Grundmotiv erkennbar: Lohengrin als freundlicher aber unerbittlicher Despot, der Elsa mit typisch männlicher Dominanz in einen Knebel-(Ehe-)Vertrag zwingt und scheitert, weil Liebe eben so nicht funktioniert. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, brauchte es freilich keine dreieinhalbstündige Oper – glücklicherweise ist der "Lohengrin" eines der kürzeren Musikdramen Wagners. 

    Hier wird die böse Ortrud (Elena Pankratova) endgültig dingfest gemacht. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

    Ein verlorener Abend (und das nicht nur im Vergleich zum überwältigenden "Tannhäuser" von Tobias Kratzer am Vorabend), wäre da nicht die unglaubliche Qualität auf der Bühne und im Graben. Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund sind als Lohengrin und Elsa mit ihren lyrischen und dennoch weit tragenden Stimmen ein Traumpaar. Den idealen heldisch-dunklen Gegenpart bilden (mit Abstrichen in der Textverständlichkeit) Elena Pankratova (Ortrud) und Tomasz Konieczny (Telramund). Dazu Georg Zeppenfeld als König Heinrich, dessen Bass von Jahr zu Jahr sämiger wird.

    Dirigent Christian Thielemann legt in Sachen Griffigkeit und Kontur noch ein wenig nach, was im ersten Aufzug den ein oder anderen Sänger kurz zu überraschend scheint. Dabei gelingt ihm ein unwahrscheinliches Kunststück: intensivste zauberische Aura bei im Grunde Bayreuth-untypischer Klangtransparenz. Nachvollziehbarerweise gilt zum Schluss der größte Jubel Vogt, Nylund und ihm.

    Wie ideale Regie funktioniert, das zeigen Barrie Koskys "Meistersinger"

    Wie ideale Personen- und Chor-Regie funktioniert, das zeigen einen Tag später Barrie Koskys "Meistersinger", die in ihrem dritten Jahr noch frischer, noch spontaner, noch rasanter, noch authentischer wirken. Das liegt zu großen Teilen daran, dass Michael Volle die Rolle des Hans Sachs immer mehr zur zweiten Natur zu werden scheint. Und gesanglich spielt er, obwohl umgeben ausschließlich von Spitzenkräften, mittlerweile in seiner eigenen Liga. Feinste dynamische Differenzierung, absolute Textverständlichkeit bis ins Pianissimo, grenzenloser Farbenreichtum bis ist Fortissimo, eine schauspielerische Präsenz, die fast schon beängstigend ist. Mehr Echtheit geht nicht.

    Camilla Nylund (Eva) und Michael Volle (Hans Sachs) in "Die Meistersinger von Nürnberg" Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

    Interessanterweise ist – über die im Text definierte Grundhaltung hinaus ("Wahn! Wahn! Überall Wahn!") – deutlich weniger von der Bitterkeit der ersten beiden Jahre zu spüren. Vielleicht, weil alle Personen noch zugewandter miteinander umgehen; weil hier echter Austausch bis in die kleinste Geste stattfindet.

    Vielleicht auch, weil sich immer mehr eine Vitalität Bahn bricht, die im Stück wie im Ensemble angelegt ist. Barrie Kosky nimmt die fiebrige Grundstimmung aus dem ersten Aufzug im dritten wieder auf, die Sprengkraft der Massenszenen, anfangs noch gebremst durch die Enge von Haus Wahnfried (Bühne: Rebecca Ringst), erreicht zum Finale auf der Festwiese – hier: der Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse – ihre volle Entfaltung.

    Kosky packt so viel in diese "Meistersinger", dass es schwer ist, eine Grundthese herauszudestillieren. Und doch wirkt diese Inszenierung vollkommen organisch und durchaus nicht überladen. Da ist die traurige Komik der Anmaßung (wie immer ein großartiger Beckmesser: Johannes Martin Kränzle), die Macht der Liebe (wieder Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt, diesmal als Eva und Stolzing), die Selbstgerechtigkeit der Arrivierten (herrlich aufgedreht: die Meister) und die Resignation des ehemals Progressiven, den allmählich die Zeit überholt (Sachs).

    All das durchwirkt mit Anspielungen auf die (nicht nur) jüngere deutsche Geschichte, vom Pogrom gegen Beckmesser bis hin zu den Nürnberger Prozessen. Und verwoben mit dem eleganten Dirigat von Philippe Jordan, das diese "Meistersinger" zu den sanglichsten weit und breit macht.  Hier funktioniert sie, die Werkstatt Bayreuth.

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