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    Würzburg

    Fortsetzungsroman, Finale: Wie "Für immer Elisa" endet

    Happy End? Schlusskapitel von "Für immer Elisa".  Foto: Ivana Biscan

    Da saß also eine junge Frau mit Werner auf der Parkbank, die nicht nur wie seine Jugendliebe aussah, sondern auch den gleichen Namen hatte. Zufälle gab es manchmal!

    Die fremde Elisa hielt ihm eine Wasserflasche hin. „Trinken Sie einen Schluck, dann geht es Ihnen besser.“

    Tatsächlich, sein Hals war ganz trocken. Bei der Hitze kein Wunder. Werner dankte und griff zu. Hatte er deshalb die ganze Zeit an seine Jugend und Elisa denken müssen? Weil hier ihr Ebenbild auf ihn wartete wie eine engelsgleiche Erscheinung? Hatte das Schicksal ihn vorbereiten wollen? Was für ein Unsinn. Schicksal, so etwas gab es doch gar nicht. Nur menschengemachtes Unglück. Und er war auch kein seniler alter Mann, der Menschen und Dinge und Zeiten verwechselte, keiner, der nur in der Vergangenheit lebte. So wie Monika am Schluss. Alzheimer. Sie hatte diese Krankheit nicht verdient, sie hatte ihn gerettet, ihm neues Leben geschenkt und wurde so sehr bestraft. Es gab kein Schicksal, das helfend eingriff.

    Er streckte die Hand aus. Zu gerne hätte er die fremde Elisa zart am Arm berührt und sich noch eine Sekunde länger der Illusion hingegeben, seine Elisa würde ihn anlächeln. Mit Grübchen in den Wangen und kleinen Locken, die sich um die Ohrläppchen kringeln. Und er wäre jung und voller Kraft und würde sie an sich drücken und …

    Er seufzte und steckte die Hand in die Jackentasche. Hoffentlich hatte sie nicht gedacht, dass er sie begrapschen wollte. Wie ein seniler Tattergreis.

    Die fremde Elisa schaute derweil flussaufwärts, als wartete sie auf irgendetwas. Dann brummte ihr Telefon und sie senkte ihren Blick auf das schimmernde Display.

    „Ich muss weg. Und ich soll niemanden für Sie anrufen? Vielleicht einen Freund oder Verwandten?“ Er schüttelte den Kopf. Seine Kinder wohnten zu weit weg, und für Otmar war der Weg zu anstrengend. Eva war im Urlaub. Die Seele baumeln lassen, nannte sie es, wenn sie gemeinsam mit ihrem Mann durch die Alpen wanderte. Für Werner eine unfassbar langweilige Vorstellung, so ganz ohne Wasser, Wind und Wellen unterwegs zu sein.

    „Es ist alles in Ordnung“, sagte er. „Gehen Sie nur, leben Sie ihr Leben, kosten Sie jede Minute aus!“ Die Erinnerung an einen Sägespäneboden und einen Tropfen Blut blitzte kurz auf. „Danke, Elisa.“

    Was für ein wunderbares Gefühl, diesen Namen auszusprechen. Er lächelte sie zaghaft an. „Danke, dass Sie sich um mich gekümmert haben.“

    „Ist doch selbstverständlich“, wehrte sie ab. „Vielleicht sehen wir uns ja wieder, ich fange im Herbst an, hier in Würzburg Maschinenbau zu studieren!“

    „Sehr gut! Da wünsche ich viel Glück!“ Dass er auch Ingenieur war, interessierte sie garantiert nicht. Außerdem verlangte ihr Handy schon wieder nach Aufmerksamkeit. Sie erhob sich mit gesenktem Blick, rief kurz „Tschüss!“ und lief mit schnellen Schritten Richtung Stadt.

    • Lesen Sie hier, was bisher geschah: Folge 1 von Corina Kölln

    Da konnte er sowieso nicht mehr mithalten. Als er sich erhob, knackste es in seinen Knien. Für ihn würde es viel gemächlicher zurück nach Würzburg gehen.

    Der Main glitzerte im Sonnenlicht und alles schien so friedlich zu sein. Nur in ihm herrschte Aufruhr. Diese vielen Erinnerungen. Er spürte, wie er da durchmusste, wie er alles zu Ende denken musste, um wieder zur Ruhe zu kommen, und war in Gedanken wieder im Jahr 1959.

    Das Zirkuszelt hoch und dunkel über ihm stand er in der Manege. Seit drei Jahren sah er seine Elisa das erste Mal wieder. Sie tanzte auf dem Seil, sein Herz klopfte und voller Ungeduld rief er ihren Namen. Sie verlor die Balance, ihre Hand verfehlte das Seil, und er war an allem Schuld. Daran, dass sie fiel, dass es knackste, dieses Geräusch, Knochen auf harten Boden, ein Krachen, dass die Sägespäne nicht dämpfen konnten. Er war schuld an ihrem verdrehten Körper. Am Blut, das aus ihrem Ohr tropfte. Daran, dass sie schon nicht mehr atmete, als er sie küsste.

    Tot. Von einer Sekunde auf die andere.

    Die Zirkusleute strömten in die Manege, er floh voller Angst und wusste nicht, was er tun sollte. Versteckte sich an der Isar und fand am nächsten Tag ihr Foto in den Zeitungen. Alle berichteten über den Sturz der jungen und wunderschönen Artistin Elisa Janko.

    Polizei und Presse monierten das fehlende Sicherheitsnetz, die Zirkusleitung verteidigte sich damit, dass Elisa darauf bestanden habe, ohne Netz zu arbeiten. Dabei war sie doch erst 20 Jahre gewesen damals, noch nicht einmal volljährig! Er verstand nie, warum sie eine so schwierige Entscheidung hatte alleine fällen dürfen.

    Die Hinweise des Zirkusdirektors auf einen Unbekannten, der Elisa Janko in ihrer Konzentration gestört habe und der eigentlich Schuldige sei, wurden von der Staatsanwaltschaft als Ausreden gewertet. Seine Suche nach ihr war zu Ende, sein Leben war sinnlos geworden. Wieder als Matrose anheuern? Oder doch Sportlehrer werden? Selber zum Zirkus gehen? Unmöglich.

    Er nannte sich fortan Werner F. Brauer, um sich endgültig vom rassistischen Vater abzugrenzen. Das F stand für Frank, seinen zweiten Vornamen. Elisa hatte ihn immer Frank genannt.

    Er wollte es mit Sport probieren, brach das Studium an der Sporthochschule in Köln aber nach einem Semester ab. Mittlerweile wusste er, was seinem Leben Sinn geben konnte: Elisas Unfall verhindern. Für Sicherheit sorgen, im Zirkus, im Sport. Im Leben. Als Ingenieur.

    Sein eigenes Leben war grau. Mit der Familie hatte er gebrochen, Freunde hatte er kaum. Nur das Studium erfüllte die leeren Tage mit Sinn. Seine Diplomarbeit über die Entwicklung von Sicherheitsnormen für das Geräteturnen schloss er mit der Bestnote ab. Er ging in die Produktion, dann wieder an die Universität. Dort wartete die Sekretärin seines Vorgängers auf ihn – Monika. Sie brachte endlich Licht in sein trübes Leben. Sie heirateten, bekamen zwei Kinder, noch mehr Sinn, noch mehr Verantwortung. Auf ihr Betreiben hin söhnte er sich sogar mit den Schwestern aus und kümmerte sich um die demente Mutter. Der Vater war da schon lange tot.

    Die Zeitungsfotos von Elisa waren vom vielen Betrachten ganz brüchig geworden. Er deponierte sie in einer leeren Briefpapierschachtel ganz hinten in einer Schreibtischschublade. Manchmal, an schlechten Tagen, schaute er sie an. Vor allem, als Monika krank wurde und Werner mit ihrem früh verstorbenen Bruder verwechselte.

    Was, wenn er ebenfalls irgendwann seine Erinnerungen verlieren würde?

    Langsam registrierte er wieder die Welt um sich herum. Seine Füße hatten ihn bis zum Ludwigkai getragen. Unter der Löwenbrücke legte gerade ein Flusskreuzfahrtschiff an. Und egal, wie modern diese Schiffe in der Sonne strahlten und wie viel Technik in ihnen steckte: Es standen ein Matrose am Heck und einer am Bug und sie warfen die Leinen über die Poller. Nur, dass diese komfortabler waren als früher, niemand musste mehr den Palstek knoten oder das lose Ende mit zwei Überschlägen auf der Klampe an Bord befestigen. An beiden Enden der Leine waren feste Schlaufen, die perfekt auf die Poller passten und mit rotem Stoff verkleidet waren, wo sie auf dem Boden scheuern könnten. Wenn er da an die Columbus dachte und deren verschlissenes Tauwerk …

    Das Schiff lag passgenau an einem kleinen Steg, eine Schiffstür öffnete sich, ein Mitarbeiter rollte einen roten Teppich aus und stellte zwei Reedereifahnen auf. Eine Frau im marineblauen Kostüm zeigte den Passagieren den Weg zu den wartenden Bussen. Sie war groß, schlank und sehr braun. Ihr volles dunkles Haar umrahmte ein Gesicht voller Falten, die von einem langen Leben erzählten. Sie war wunderschön und voller Kraft. Wie hatte er nur jemals alte Frauen mit grauen Larven vergleichen können?

    Die fremde Elisa wartete ebenfalls am Kai und ging aufs Schiff, sobald es möglich war. Wenn seine Elisa doch damals auch auf sein Schiff gekommen wäre. Wenn sie bei ihm gewesen wäre. Wenn sie hätten heiraten können und eine Familie sein, mit dem Kind. Seinem Kind. Hör auf mit diesem Was-wäre-wenn, schalt er sich. Es war doch alles viel zu lange her und Zeit, nach Hause zu gehen. Vielleicht schaffte er es ja heute, der Maschine einen Espresso zu entlocken. Als Ingenieur an diesem Monster zu scheitern, war doch peinlich.

    Elisa umarmte ihre Großmutter und freute sich darauf, sie in Zukunft häufiger sehen zu können. Die Schiffe, auf denen Oma Franka als Gästebetreuerin arbeitete, hielten immer in Würzburg. „Lass dich anschauen!“, rief Oma. „Ach, du bist so erwachsen geworden. Und ich bin so stolz auf dich! Die Erste aus unserer Familie, die studiert! Obwohl dein nichtsnutziger Vater dich nach Rumänien verpflanzt hatte. Dabei leben die Jankos doch schon seit Generationen nicht mehr dort.“ „Papa hat sich dort versteckt. Er hält es einfach nicht aus, dass er derjenige ist, der den Zirkus schließen musste. Ständig schwärmt er von den alten Zeiten und davon, dass deine Mutter sogar in New York aufgetreten ist!“

    „Wäre sie doch dortgeblieben!“, rief Oma aus. „Dann würde sie vielleicht noch leben.“ Elisa horchte auf. Über den Tod ihrer Uroma Elisa Janko schwiegen alle.

    „Wie ist sie eigentlich gestorben?“, fragte sie vorsichtig. Vielleicht erhielt sie ja heute eine Antwort. Oma seufzte. „Es bringt Unglück, darüber zu reden. Aber jetzt ist es auch egal, die Zirkuszeiten sind lange vorbei.“ Sie schaute Elisa traurig an. „Sie ist beim Training vom Seil gestürzt. Balboa sagte immer, dass sie gestört worden war. Etwas, das man nie machen darf!“ Sie ballte die Fäuste. „Was gäbe ich darum, diesen Idioten zu finden. Zur Rechenschaft zu ziehen. Er hätte sterben sollen wie sie. Wenn ich den in die Finger kriege!“

    „Hat die Polizei ihn nicht gesucht?“

    „Ach, die hielten das für eine Ausrede des Zirkusdirektors.“

    „Unfassbar!“ Kein Wunder, dass Oma sich immer noch so darüber aufregte.

    „Und dann haben mich die Behörden auch noch ins Heim gesteckt. Meinen Vater kannte ja keiner. Opa Janko hat mich da aber schnell wieder rausgeholt. Sechzig Jahre ist das jetzt her!“ Sie seufzte erneut. „Wie kann man nur eine Artistin beim Training stören!“

    Oma fuhr sich mit den Händen durch die Haare, als ob sie die Gedanken an damals abstreifen wollte. Elisa strich ihr sanft über den Rücken. Oma lehnte sich über die Reling und deutete auf den alten Mann, der mit Elisa auf der Parkbank gesessen hatte und ihnen jetzt zuwinkte. „Wer ist das?“, fragte Oma Franka. „Sieht nett aus. Willst du ihn mir vorstellen?“

    Ende

    Ulrike Sosnitza Foto: Thomas Obermeier

    Die Autorin: Ulrike Sosnitza wuchs im Odenwald auf und arbeitete als Bibliothekarin an den Universitäten in Darmstadt, Bayreuth und Bonn. Seit 2003 lebt sie mit ihrer Familie im Würzburger Umland. Ihr Debüt-Roman „Ein Klick zu viel“ erschien 2013 bei Königshausen und Neumann. Überregional bekannt wurde sie 2016 durch den in Würzburg spielenden Roman „Novemberschokolade“ (Heyne-Taschenbuch), der auf Platz 34 der Spiegel-Bestsellerliste stand. Ihm folgten 2018 der Sommerhausen-Roman „Hortensiensommer“ und „Orangenblütenjahr“, die Geschichte einer Witwe, die vom Odenwald nach München zieht und sich zwischen drei Männern entscheiden muss. Ihr nächster Roman „Sternenblütenträume“, die Geschichte der Fotografin Nina, die im Wald einem rätselhaften Mann begegnet, erscheint im Februar 2020 bei Heyne. Ulrike Sosnitza ist Mitglied im Autorenkreis Würzburg und bei DELIA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen. Mehr zur Autorin: www.ulrike-sosnitza.de

    Ulrike Sosnitza

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