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    Würzburg

    Fortsetzungsroman, Folge 5: "Für immer Elisa" wird dramatisch

    "Für immer Elisa" - Folge 5 Foto: Ivana Biscan

    Er war erst ein paar Schritte gegangen, an diesem Samstagmorgen des 10. August 2019, als der leichte Schwindel zurückkehrte, den er vorhin verspürt hatte. Werner blieb stehen und versuchte dagegen anzuatmen. Regelmäßige Atemzüge, wie er es auf der Sporthochschule gelernt hatte. Das Ausatmen etwas länger als das Einatmen. Atem ist Leben . . .

    Aber es schien nicht zu helfen. Der Schwindel wurde stärker, viel stärker. Die Welt um ihn herum begann sich zu drehen. Er stakste zurück zur Bank am Main, merkte, dass er das Gleichgewicht kaum noch halten konnte.

    Plötzlich meinte er, auf einem Hochseil zu stehen, eine wild schwankende Balancierstange in den Händen, unter ihm kein Netz, über ihm die Zirkuskuppel. Verwirrung, Panik, Angst. Wieso war er auf ein Hochseil gegangen? Warum hatte er den sicheren Boden verlassen? Dann spürte er die Hände. Sie hielten ihn fest, brachten ihn ins Gleichgewicht. Sie halfen ihm, sich auf die Bank zu setzen, auf sein Bänkchen neben dem alten Bildstock.

    „Geht es wieder?“

    „Ja . . . danke.“

    Die Morgensonne hatte den letzten Dunst über dem Main verscheucht. Werner blinzelte, der Schwindel hatte nachgelassen. Nur mit seinen Augen war etwas. Erst sah er verschwommen, dann sah er merkwürdige Doppelbilder, dann sah er sie. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Groß, sehr braune Haut. Viel braune Haut, weil sie ein ärmelloses Kleid trug, das auch ihre Schultern freiließ. Ein dunkelblaues Kleid. Lange, schwarze Haare. Was hatte sie da in der Hand? War das eine Eiswaffel? Erdbeereis, Zitroneneis? So wie damals?

    „Elisa?“, sagte er. „Bist du es?“

    Sie lachte. Nicht jugendlich hell, sondern dunkelgefärbt. So wie damals. „Woher wissen Sie meinen Namen?“

    „Warum bist du nicht alt?“, fragte er.

    Dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. Eine dumme Frage. Für die es aber eine Erklärung gab. Er hatte sich in den langen Jahren des Lebens mit ihr immer vorgestellt, dass auch sie gealtert wäre. Vom Mädchen zur jungen Frau, deren Schönheit noch einmal unwiderstehlich aufblühte. Bis sie zur reifen Frau wurde, bei der schließlich die Metamorphose begann, die auch er durchlebt hatte. Die Verwandlung, die aus einem bunten Schmetterling wieder eine graue Larve machte. „Ich bin siebzehn“, sagte sie.

    Siebzehn. Natürlich. Er begann zu rechnen. Ihr Kind wäre jetzt 62 Jahre alt. Ein Sohn. Eine Tochter. Er hatte es nie erfahren. Der Schwindel nahm wieder zu. Er begann zu schwitzen. Elisas Bild verschwamm vor seinen Augen.

    „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, hörte er sie fragen.

    Nein, keinen Krankenwagen. Seit dem schrecklichen Tag hasste er Krankenwagen. Weil sie so schnell zu einem Leichenwagen werden konnten. Es war das Letzte gewesen, was er von ihr gesehen hatte. Wie sie auf einer Bahre lag und in den Krankenwagen geschoben wurde. Es war damals noch ein schmaler VW-Bus des Roten Kreuzes gewesen. Ohne nennenswerte medizintechnische Ausstattung. Und es hatte auch keinen Notarzt gegeben. Nur zwei überforderte Sanitäter. Damals, im August 1959.

    „Ach, Elisa“, flüsterte er. Er nahm undeutlich wahr, dass sie sich neben ihn auf die Bank gesetzt hatte. Sie schien seinen Arm zu halten. Er spürte, wie ihre Finger suchend über das Handgelenk glitten. So wie er es damals bei ihr getan hatte. Jedesmal, wenn die Erinnerung diese letzten Bilder heraufbeschwor, überwältigte ihn der Schmerz. Auch jetzt. Er stöhnte leise auf. „Es geht Ihnen nicht gut“, sagte sie. „Ich hole Hilfe.“ „Nein. Lassen Sie nur. Es ist gleich vorbei.“

    Nach den Bildern war bisher immer die große Leere gekommen. Sechzig Jahre lang. Jetzt nicht.

    Denn sie war ja wieder da. Elisa war wieder bei ihm und hielt seine Hand. Zufrieden schloss er die Augen.

    Andere Bilder tauchten auf. Dieser große Platz in Schweinfurt. Er hatte davonschleichen wollen wie ein geprügelter Hund, als diese resolute Stimme seinen Namen gerufen hatte. Balboa eilte auf ihn zu, die Lehrerin der Zirkuskinder. Sie zog ihn hinter einen der bunten Wagen und sprudelte innerhalb einer Minute die ganze Geschichte heraus. Von der verzweifelten Elisa, die wochenlang geweint hatte und danach sterbenskrank geworden war. Von den unzähligen Streitereien mit ihrem Vater und ihren Fluchtversuchen. Janko hatte sie immer wieder ausfindig gemacht und zurückgeschleppt. Er hatte sie zu einer Art Gefangenen gemacht. „Sie hat dich nie vergessen, Werner“, sagte Balboa. „Und wo ist sie jetzt?“, hatte er bang gefragt. „In Amerika. Sie ist mit einem Soldaten mitgegangen. Es war für sie der Weg in die Freiheit.“ „Weißt du, wo sie wohnt?“

    Die Frage platzte nur so aus ihm heraus. Balboa lächelte vielsagend. „Sie ist wieder beim Zirkus gelandet. Weil sie eben ein Zirkuskind ist. Und sie ist ein Star geworden. Elisa, das Wunder auf dem Hochseil. Sie arbeitet immer ohne Netz. Hast du schon mal vom Circus Barnum gehört? Er reist durch ganz Amerika. Ich denke, du wirst sie finden.“

    Werner kaufte von dem Geld, das er in den drei Jahren auf der Columbus verdient hatte, eine Bahnkarte nach Bremerhaven. Dort heuerte er als Hilfsmatrose auf einem Frachter an, der nach New York ging. Gelassen ließ er sich als Süßwassermatrose verspotten und zählte die Tage, bis endlich die Freiheitsstatue in Sicht kam. Nach dem Festmachen rannte er wie ein Irrer über die Stelling und wusste eine Stunde später, wo der Circus Barnum gerade gastierte.

    Noch am gleichen Tag saß er im Zug nach Rochester am Ufer des Ontariosees. Zum ersten Mal sah er dort, was ein Zirkus wirklich war. Das war keine Klitsche, wie sie Janko mit seinen dressierten Ziegen befehligte. Das war eine kleine Stadt mit Dutzenden von Wagen, einer ganzen Herde Elefanten, mit Löwen, Tigern und Panthern und einem riesigen Zelt, so groß wie eine Kathedrale. Als er ankam, probte eine uniformierte Musikkapelle einen Marsch, und er deutete das als gutes Zeichen.

    Und dann sah er sie. Am Zaun hing ein großes, sehr farbiges Plakat, und aus der Mitte dieses Plakats heraus lächelte sie ihn an: Elisa, das Wunder auf dem Hochseil. So hatte er sie in den letzten drei Jahren an allen Tagen und in allen Nächten vor sich gesehen, und so sah er sie jetzt. Sein Herz schlug wild, und ihn erfasste ein leichter Schwindel. Ein Schwindel des Glücks.

    Doch die Hiobsbotschaft kam wenige Minuten später. Er hatte sich in kläglichem Englisch durchgefragt und schließlich erfahren, dass Elisa vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt sei. Sie bereite sich in München auf eine Tournee mit dem Zirkus Krone vor, danach wolle sie aber wieder in Amerika auftreten. Werner beklagte in krassem Deutsch sein Schicksal, rannte zum Bahnhof und fuhr zurück nach New York. Dort war es nicht leicht, eine Heuer zu bekommen, er verbrachte lähmende Tage am Hafen und armselige Nächte im deutschen Seemannsheim, bis er schließlich doch Arbeit für eine Überfahrt nach Hamburg fand. Dort ging er an Land und schnurstracks zum Hauptbahnhof. Die Bahnfahrt nach München kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Er fragte sich zum Zirkus Krone durch, den in München anscheinend jeder kannte.

    Es war ein heißer Nachmittag, als er dort ankam. Die Eingänge zum großen Zelt standen weit offen, um frische Luft hineinzulassen. Niemand beachtete ihn, als er das Zelt betrat.

    Werner öffnete die Augen. Er war schweißgebadet. Der Schwindel war vorüber. Er konnte wieder besser sehen. Elisa saß immer noch auf der Bank. Sie tippte in ihrem Handy herum. Er wollte etwas sagen, aber er brachte kein Wort heraus. Damals war es ein einziges Wort gewesen. Er hatte sich sein Leben lang dafür verflucht. „Elisa!“ Sie hatte auf dem Hochseil geprobt, in einem einfachen schwarzen Trikot. Sie war in der Mitte gewesen, konzentriert auf eine schwierige Schrittfolge. Sie hatte innegehalten, den Kopf gedreht, nach unten geschaut. Für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie sich in die Augen. Die Ewigkeit einer Sekunde. Eine Sekunde für die Ewigkeit. Dann verlor sie die Balance. Sie fiel, bekam das Seil nicht zu fassen. Es gab ein hässliches Geräusch, als sie in die Manege stürzte.

    „Ach, Elisa.“

    Sie sah von ihrem Handy auf.

    „Geht es Ihnen besser? Ich glaube, Sie haben ein bisschen geschlafen. Ich bin vorsichtshalber mal hiergeblieben.“

    „Ja“, sagte er.

    „Woher kennen Sie denn meinen Namen? Ich habe Sie das vorhin schon gefragt.“

    „Ich kenne deinen Namen schon lange“, sagte Werner. „Wie hat das Eis geschmeckt?“

    „Welches Eis?“

    „Das du vorhin in der Hand hattest. Erdbeer und Zitrone. Wie damals.“

    „Ich hatte kein Eis. Hier am Main gibt es doch kein Eis zu kaufen.“

    „Merkwürdig“, sagte Werner. „Wo warst du denn so lange?“

    „Wie meinen Sie das?“

    „Sechzig Jahre. In diesem Sommer sind es sechzig Jahre. Es war im August. An einem sehr heißen Tag.“

    „Was war denn da?“

    „Da bist du gestorben“, flüsterte Werner.

    „O mein Gott. Sie verwechseln mich mit jemand, oder?“

    „Woher kommst du?“

    „Aus Rumänien“, antwortete sie zögernd.

    „Ich meine, woher kommst du jetzt? Vom Himmel?“

    Sie legte ihm die Hand auf die schweißnasse Stirn. „Sie haben vielleicht Fieber. Soll ich nicht doch Hilfe rufen?“

    „Ich brauche keine Hilfe mehr“, sagte Werner. „Ich bin glücklich.“

    Ende folgt

    Lothar Reichel, bekannt für seine Schweinfurt-Krimis Foto: Josef Lamber

    Lothar Reichel ist Journalist und Schriftsteller aus Oberwerrn. Zahlreiche Reisen führten ihn rund um den Globus. Sein besonderes Interesse gilt den Kulturen und Religionen Asiens. Er hat das preisgekrönte Jugendbuch „Winnetou darf nicht sterben“ veröffentlicht, 2014 erschien der Roman „Insel der Dämonen – eine Geschichte von Liebe und Tod auf Bali“. Seit 2011 schreibt er die Schweinfurt-Krimis, die mittlerweile Kultstatus erreicht haben. Im Herbst erscheint der neunte Band der Reihe: „Rauhnachtgrauen". 2018 hat er den Buchverlag Lothar Reichel gegründet.

    Lothar Reichel

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