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    FRANKFURT

    Friedenspreis für verfolgten Chinesen

    Liao Yiwu: „Für einen Schriftsteller bedeuten Rede- und Publikationsfreiheit mehr als das Leben selbst.“ Foto: dpa

    Noch immer wacht Liao Yiwu nachts schweißgebadet aus Albträumen auf. „Ich träume, dass meine Freunde in China wütend auf mich sind, weil ich in den Westen abgehauen bin“, erzählte der in seiner Heimat verfolgte Schriftsteller jüngst dem Evangelischen Pressedienst . Der 53-Jährige floh vor einem Jahr nach Deutschland. Schikanen, Gefängnis und Publikationsverbot bewogen ihn zu einer abenteuerlichen und gefährlichen Reise. In Deutschland wird sein Mut nun gewürdigt: Er erhält in diesem Jahr den mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der zum Ende der Frankfurter Buchmesse am 14. Oktober in der Paulskirche verliehen wird. Liao Yiwu sei ein „unbeirrbarer Chronist“, der Zeugnis ablege „für die Verstoßenen des modernen China“, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zur Begründung mit.

    Vier Jahre lang im Gefängnis

    Liao Yiwus Alpträume sind nicht unbegründet. Nach seiner Flucht wurde sein Freund, der Dichter Li Bifeng, verhaftet. „Die Behörden warfen ihm vor, er habe mir Geld gegeben, damit ich fliehen kann.“ Seitdem sitzt der Dichter im Gefängnis. Liao Yiwu schreibt von Deutschland aus Briefe, sammelt Unterschriften, um etwas zu tun. Denn er könne sich nicht frei fühlen, so lange sein Freund im Gefängnis sei.

    Wie es dort ist, beschreibt Liao in seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“. In drastischer Klarheit schildert er die Brutalität und Erniedrigungen während seiner eigenen vierjährigen Haftzeit von 1991 bis 1994. Er sei „herabgesunken zu einem ,Hund' meines eigenen Staates und in einen Käfig gesperrt worden“, sagte er in seiner Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis, der ihm im November verliehen wurde. „Ich habe den Kopf gegen die Wand geschlagen, um mich umzubringen, ich war blutüberströmt, und meine Mitgefangenen standen um mich herum, inspizierten meine Wunden und spotteten, ich sei ein ,ausgezeichneter Komödiant'.“ Das Buch ist in seiner Heimat verboten, ebenso wie einige seiner früheren Werke. Für eine Publikation im Ausland wäre er wieder im Gefängnis gelandet. Doch er wollte nicht wie sein Freund, der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, noch einmal im Gefängnis für seine Ideen büßen. „Für einen Schriftsteller, vor allem für einen, der sich als Zeugen der Geschehnisse in China begreift, bedeuten Rede- und Publikationsfreiheit mehr als das Leben selbst“, begründete Liao seinen Entschluss zur Flucht in einem Essay in der „New York Times“.

    International bekannt wurde Liao 2009 mit seinen Reportagen über Chinesen am unteren Rand der Gesellschaft. Sie erschienen unter dem Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Er fühle sich „dafür verantwortlich, die Welt über das wirkliche China zu informieren, das sich hinter der Illusion eines Wirtschaftsbooms versteckt – ein China, das die brodelnde Ablehnung gleichgültig hinnimmt, die ihm aus der einfachen Bevölkerung entgegengebracht wird.“

    Liao stammt aus einer Familie von Theater- und Peking-Oper-Leuten aus der Yangtse-Region. Er erlebte in seiner Jugend die ideologischen Kampagnen Mao Tse-tungs und die Denunziation angeblicher Klassenfeinde. Nach der Schule schaffte er die Aufnahmeprüfung zur Universität nicht, schlug sich mit allerlei Jobs durch, bis er durch seine Lyrik auffiel und eine Anstellung in einem Verlag erhielt. Ins Visier der Behörden geriet er, als er nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 das lange Klagegedicht „Massaker“ schrieb und vertonte, das schnell auf Kassetten kopiert im Land kursierte.

    Bis zur Selbstzerstörung

    Dieses Gedicht und der mit Freunden gemeinsam aufgenommene Film „Requiem“ waren die Gründe für seine Inhaftierung im März 1991 und seine Verurteilung als „Konterrevolutionär“. Bis dahin hatte er sich nie sehr für Politik interessiert und auch nicht an Protestdemonstrationen teilgenommen. „Nur als es zu einer dramatischen Kollision zwischen der Staatsideologie und meiner Eigenart als Dichter gekommen ist, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu wehren und sogar bis zur Selbstzerstörung Widerstand zu leisten.“

    Auch sein nächstes Buch beschäftigt sich mit den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz in Peking. „Es enthält Interviews mit Leuten, die sich Panzern entgegengestellt haben.“ „Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens“ kommt im Oktober heraus.

    epd

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