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    "Game of Thrones": War's das? Offenbar. Schade.

    Nachdem sie mal eben eine Stadt mit Mann und Maus abgefackelt hat, lässt sich Daenerys in Reichsparteitagsmanier feiern.  Foto: Courtesy of HBO/Sky/dpa

    Ein Theaterstück: Zwei junge Menschen verlieben sich ineinander, aber ihre Familien sind total verfeindet. Nach viel Heimlichtuerei, viel Herzschmerz und einer grandios gescheiterten List sind beide tot. Ende.

    So kann eine Geschichte doch nicht ausgehen. Man stelle sich also folgendes vor: Die Fans gehen auf die Barrikaden, boykottieren das Theater. Der Autor, Miteigentümer des Theaters, muss einlenken, will er nicht bankrott gehen. Also schreibt er die Geschichte um. Romeo und Julia (so heißen die beiden übrigens) leben in der neuen Version glücklich und zufrieden in ihrem kleinen Reihenhaus am Rande von London. Und wenn sie nicht gestorben sind...

    Glücklicherweise hat William Shakespeare sein 1597 uraufgeführtes Stück nicht umgeschrieben. Das war auch nicht nötig, Shakespeare wusste genau, was sein Publikum sehen wollte, nämlich große Gefühle, Tragik, gern auch mal Grausamkeit und Gewalt, aber nicht unbedingt immer ein Happy End.

    Die Fans begreifen die Serienmacher als Dienstleister in ihrem Auftrag

    Heute wäre ein Szenario, wie oben skizziert, durchaus denkbar. In einer Welt, in der wir selbst bestimmen, welche Nachrichten uns erreichen, in der Facebook und Google besser wissen, was wir wollen, als wir selbst, und in der  Interaktivität (echte oder simulierte) wichtigster Verkaufsfaktor ist – in einer Welt also, deren mediale Möblierung wir glauben, in der Hand zu haben, müssen wir selbstverständlich nicht unwidersprochen hinnehmen, was uns andere vorsetzen.

    Die gar nicht so heimliche Hauptfigur: Peter Dinklage as Tyrion Lannister  Foto: Helen Sloan/HBO/Sky/dpa

    Und so sind es inzwischen über eine Million Fans, die ein Remake der letzten Staffel von "Game of Thrones" fordern. Das sind angesichts von 44 Millionen, die durchschnittlich eine der 73 Folgen in acht Staffeln schauten, nicht viele, aber sie sind symptomatisch. Die Fans heute gehen tiefe persönliche Beziehungen zu den Figuren ein und geben via Internet direktes und forderndes Feedback. Vor allem aber sehen sie die Serienmacher, zuvorderst die beiden Produzenten und Drehbuchautoren David Benioff und D.B. Weis, als Dienstleister in ihrem Auftrag.

    Nicht selten haben die Fans weltanschaulich motivierte Erwartungen

    Das ist grundsätzlich gar nicht  verkehrt, schließlich reden wir hier von Pay-TV und darüberhinaus einem gigantischen Vermarktungsapparat, der die Marke "Game of Thrones" bis hin zur Motiv-Bettwäsche oder zum USB-Stick in Form von Jon oder Daenerys ausschlachtet.

    Die HBO-Serie (in Deutschland auf Sky und iTunes) ist am Sonntag nach elf Jahren zu Ende gegangen, die Listen der Beschwerden und des Spotts wachsen nicht erst seitdem. Sie reichen von der unangemessenen Behandlung der Frauenfiguren über zu dunkel gefilmte Folgen bis hin zur Entwicklung von Story und Charakteren allgemein. Nicht selten schwingen dabei weltanschaulich motivierte Erwartungen mit, so als müssten ausgerechnet in "Game of Thrones" alle heute gesellschaftlich relevanten Fragestellungen exemplarisch verhandelt werden.

    Über die Wahrhaftigkeit einer Geschichte entscheidet nicht die Belehrungsabsicht

    Wären die Autoren mit dieser Intention an die Serie herangegangen, wäre vermutlich Mist herausgekommen. Eine gute Geschichte hat ihre eigenen Gesetze, über ihre Wahrhaftigkeit entscheidet nicht eine wie auch immer geartete Belehrungsabsicht. Anders gesagt: Eine Geschichte kann nur dann im besten Sinne belehrend sein, wenn sie auch gut erzählt ist (siehe Schiller, Lessing, Brecht und etliche andere).

    Aber ist "Game of Thrones" eine solche Geschichte? "Game of Thrones" hätte eine solche Geschichte werden können. Diese Überfülle von Anspielungen auf europäische Kultur und Geschichte von der Völkerwanderung über die englischen Rosenkriege bis hin zum religiösen Fanatismus à la Savonarola oder Cromwell war vielversprechend. Ebenso wie die Anlage der Figuren, von denen einige (und mit ihnen ihre Darsteller) in der Serie zu Erwachsenen wurden.

    Die ersten Staffeln waren mit all ihren Verwicklungen vielversprechend

    Fünf bis sechs Staffeln lang entwickelten sich Schauplätze, Handlung und Charaktere mit immer neuen Wendungen und Überraschungen zu einem faszinierend vielschichtigen Kosmos. Als dann aber das Ende in Sicht kam, schien es immer mehr, als versuchten die Autoren unter immer größerem Zeitdruck, lose Fäden zu kappen und überflüssiges Personal loszuwerden. "Game of Thrones" wirkte zunehmend wie eine dramaturgische Dachboden-Ausräumung mit wilden Zeitsprüngen, die dem Zuschauer nicht selten das Gefühl gaben, etwas Wichtiges verpasst zu haben. 

    Und das Ende? Keine Überraschungen mehr, abgesehen davon, dass mit Bran eine Figur König wurde, die am wenigsten von allen zum Fortgang der Ereignisse beigetragen hat. Ansonsten? Irgendjemand musste eine Daenerys beseitigen, die von Weltherrschaft faselte und sich in Reichsparteitagsmanier feiern ließ, nachdem sie mal eben eine ganze Stadt abgefackelt hatte. Jon übernahm das und machte sich so vollends zum ewig moralisch Beladenen. Sansa darf Königin des Nordens sein, und Arya ist in Richtung Westen unterwegs, um das Gegenstück zu unserem Amerika zu entdecken. Tyrion ist weiterhin Chefberater und darf (oder muss) dem Kleinen Rat vorsitzen, in dem schon wieder über Kompetenzen und Finanzierungen gefeilscht wird.

    Nach all den Irrungen und Wirrungen endet "Game of Thrones" mit halbherzigem Pathos in enttäuschender Normalität. Das Böse besiegt, die Überlebenden alle einigermaßen untergebracht. War's das? Offenbar. Schade.

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