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    Weikersheim

    Götz Alsmann spielt in Weikersheim italienische Schlager

    Götz Alsmann in Rom. Genauer: auf der Piazza Navona Foto: Fabio Lovino

    Für das Coverfoto des Albums "In Rom" hat der Fotograf mal eben die Piazza Navona freigeräumt, erzählt Götz Alsmann. Was etliche – deutsche – Autogrammjäger nicht davon abgehalten hat, in der Ewigen Stadt auf den 62-jährigen Entertainer, Bandleader, Sänger, Multiinstrumentalisten, Moderator ("Zimmer frei") und Honorarprofessor zuzugehen. Mitgebracht aus Rom haben Alsmann und Band ein Programm mit den ganz großen Hits des italienischen Schlagers der Nachkriegszeit. "Quando Quando Quando", "Azzurro", "Volare" und viele mehr. Die Texte klang- und  pointensicher eingedeutscht, die Musik lässig in jazzige Arrangements gepackt. Live ist "In Rom" am kommenden Montag, 30. September, in der Tauberphilharmonie in Weikersheim zu erleben. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach Italien, die allererste Jazzplatte und die hohe Kunst der Leichtigkeit.

    Frage: Können Sie sich noch an Ihre erste Italienreise erinnern?

    Götz Alsmann: Ja, die fand vor zweieinhalb Jahren statt, anlässlich der Aufnahme unseres Albums.

    Sie waren zuvor noch nie in Italien gewesen?

    Alsmann: Ja, genau.

    Hatte das einen bestimmten Grund? Kein Fernweh, lieber andere Länder?

    Alsmann: Ich reise privat eigentlich überhaupt nicht. Wenn Sie, wie ich, hunderte Nächte im Jahr im Hotel schlafen, dann haben Sie im Urlaub überhaupt keine Lust, noch groß irgendwo hinzufahren. 

    Sie bleiben dann also in Münster?

    Alsmann: Ich fahre zwei Wochen an die Nordsee, das ist alles, was ich mir im Jahr so abverlange.

    Sagt Ihnen dennoch der Begriff "Sprezzatura" etwas?

    Alsmann: Natürlich. Ich bin ein Fan der italienischen Kleidungskultur und der italienischen Musik. Ich bin von Haus aus schon immer ein profunder Italienkenner, allerdings (lacht) ohne je hingefahren zu sein.

    Dafür weist dieses Album extrem viel Sprezzatura auf. Also die Fähigkeit, auch anstrengende Taten leicht und mühelos erscheinen zu lassen, so die Definition. Das ist aber in Ihrem ganzen künstlerischen Schaffen ein Leitmotiv, oder?

    Alsmann: Ich habe den Begriff meistens mit Mode assoziiert – sich sehr sorgfältig anziehen, es muss aber so aussehen, als hätte man die Klamotten gerade einfach nur oben vom Stapel genommen. Ich finde schon, dass Leichtigkeit eine Tugend ist – die Anmutung von Leichtigkeit in der Musik ist es ganz bestimmt.

    In Deutschland will das Publikum aber sehen, dass sich einer richtig anstrengt. Sind Sie da eine Ausnahme im Entertainment?

    Alsmann: Das glaube ich nicht. Die alten Meister der Schlagerkunst wie Peter Alexander oder Vico Torriani konnten das auch. Es muss leicht aussehen, ohne belanglos zu sein, das ist das Entscheidende. Irgendwann ist aber das Leichtfüßige von der Belanglosigkeit eingeholt worden. Deshalb vielleicht der schlechte Ruf. Die etwas schwerblütigen Kollegen waren ja dann meist konvertierte Opernsänger.

    Wie halten Sie es denn mit der Klassik? In "Schau dir den Mond an" ist ja Beethovens Mondscheinsonate zitiert...

    Alsmann: ...ich gebe aber zu, dass das nicht meine Idee war. Das zieht sich durch alle 348 Fassungen von "Guarda che Luna", das muss man der Ehrlichkeit halber sagen.

    Und wie halten Sie's mit Verdi und Puccini?

    Alsmann: Ich bin ein großer Opernfan. Neben meiner Leidenschaft für die Musikstile, die ich selber pflege, höre ich eigentlich nur klassische Musik. 

    Volles Haus: Götz Alsmann und Band 2010 in der Hochschule für Musik in Würzburg. Foto: Christoph Weiß
    Sie unterrichten an der Uni Münster als Honorarprofessor die Geschichte der Popularmusik. Was muss man denn wissen?

    Alsmann: Mehr als die meisten Leute zu wissen glauben. Man muss wissen, wann und wie das anfing. Man sollte wissen, dass alle Benennungen und alle musikalischen Revolutionen letzten Endes nur Marketing-Begriffe waren. Als vor zwei Jahren alle das 100-jährige Jubiläum des Erscheinens der ersten Jazzplatte feierten – "Livery Stable Blues" von der Original Dixieland Jazz Band 1917 –, musste man sagen, Freunde, das ist vielleicht die erste Platte, wo "Jazz" (bzw. "Jass") draufstand. Aber das ist mit Sicherheit nicht die erste Jazzplatte. Genauso verhält es sich mit der Suche nach der ersten Rock 'n' Roll-Platte, für die jeder, der sich ernsthaft damit beschäftigt, noch eine allererste parat hat.

    Wo beginnt denn nun die Popularmusik?

    Alsmann: Für mich persönlich wird es interessant bei Jacques Offenbach. Da beginnt die Popmusik.

    Man könnte aber auch sagen, Mozart – als die Leute auf den Straßen seine Melodien pfiffen.

    Alsmann: Ja, sicherlich. Man kann sogar sagen: Telemann. Denn der war der erste, der Musik im kommerziellen Notendruck per Abonnement verbreitet hat. Aber im 18. Jahrhundert war jenseits der Metropolen wie Wien oder Prag im Leben der meisten Menschen doch lediglich Volksmusik existent. Daher erreichte die mozartsche Breitenwirkung nur die gebildeten und halbgebildeten Stände in den Metropolen.

    Was also zeichnet Offenbach aus?

    Alsmann: Ich finde – und da wird es sicher vollkommen legitime Gegenmeinungen geben –, dass durch die lustigen Singspiele von Jacques Offenbach in den 1850er Jahren so langsam die Trennung zwischen E- und U-Musik vorbereitet wurde. Die sich dann in der "Lustigen Witwe" 50 Jahre später vervollkommnet hat. Aber die Idee, bestimmte Couplets mit aktuellen Bezügen für kleines Geld in die Offenbach'sche Bretterbude am Marsfeld in Paris zu bringen, das ist die Geburtsstunde der Popmusik. Das ist noch vor Johann Strauss Sohn, das muss  man sich auch klar machen.

    Manche Songs auf dem Album "In Rom" sagen ja mehr über die deutsche Sehnsucht nach Italien aus als über Italien selbst. Die "Caprifischer"...

    Alsmann: ...die "Caprifischer" sind die einzige deutsche Komposition in dem ganzen Programm.

    Vor dem inneren Auge sieht man bei den Songs automatisch pastellfarbene Isettas über die Alpenpässe gen Süden tuckern.

    Alsmann: Als Zugabe singe ich ein Lied von Friedel Hensch und den Cyprys – "Ja, für eine Fahrt ans Mittelmeer, gäb' ich meine letzten Mittel her. Und es zieht mich, weil ich ledig bin, immer wieder nach Venedig hin. Wann geht mein Schiff vom Stapel, ich muss dringend nach Neapel."

    Klingt fast nach Heinz Erhardt.

    Alsmann: Ja, das hat durchaus eine kabarettistische Note. Wie so viele meiner Sachen. Aber diese Sehnsuchtsseite, das ist genau das, was ich evozieren will. Mit Paris war es ähnlich. Wir haben ja eine Trilogie entwickelt, mit Songs vom Broadway, aus Paris und jetzt eben Rom. Der deutsche Chef von Blue Note Records, Philippe König, ist Franzose. Er hat damals gesagt, lasst uns mit Paris anfangen – Yves Montand, Serge Gainsbourg und so weiter. Da meinte ich, das wird doch nichts weiter als ein riesiges Potpourri von Klischees. Da guckt der mich an und sagt: "Ja! Aber Paris ist so!" Das Witzige ist doch, dass die Pariser und die Römer sehr stolz auf ihre Klischees sind.

    Es sind also nur wir, die glauben, dass die von diesen Klischees genervt sind?

    Alsmann: Ja, genau. Wenn wir solche Programme machen, dann muss das ein Spiel mit dem Klischee sein. Sonst bringt es ja nichts. Dann können das auch Lieder aus Kleinkleckersdorf sein. Dann kann ich auch ein Programm "Nowosibirsk" machen. Wenn wir diese Assoziationen nicht wachküssen, macht das Ganze überhaupt keinen Sinn.

    Ich hätte nicht gedacht, dass "Volare" auf Deutsch funktioniert.

    Alsmann: Dazu bedurfte es aber, das muss ich in aller Indezenz sagen, meiner Übersetzung. Denn der deutsche Text von 1958 ist unter aller Kanone. Auch bei den französischen Liedern musste ich oft ran. Bei den italienischen Sachen sind die Eindeutschungen oft Missverständnisse. Ein Lied wie "Ciao, Ciao, Ciao" ist im Original von Johnny Ritter, der hatte damals in Rom die Planstelle des gutaussehenden jungen amerikanischen Sängers. Es geht darum, dass "Ciao" sowohl "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" heißt. Und Jörg Maria Berg sang "Ciao, Ciao, Ciao, die Zeit mit dir war schön. Ciao, Ciao, Ciao, wann werden wir uns wiedersehen". Gut, kann man machen, tut keinem weh, wird aber der Original-Intention dieses Liedes in keiner Weise gerecht. Genauso war es mit "Volare" – der deutsche Titel hieß "Bambina". Textprobe: "Denn ich hab' keine Locken und bin kein Signore, und sing' auch kein Ständchen zur Nacht, doch ich habe so manche schon, manchmal sehr glücklich gemacht." Ich bitte Sie! Diese schöne Drogenphantasie von Domenico Modugno wurde dadurch überhaupt nicht getroffen.

    Ich sehe, Sie sind als Honorarprofessor für die Geschichte der Popularmusik ideal besetzt. 

    Alsmann: Kommen Sie in meine Vorlesung, dann werden Sie eines besseren belehrt. Sie werden nach einer Stunde auf die Uhr gucken und sehen, dass erst fünf Minuten vergangen sind.

    Tauberphilharmonie, Weikersheim: Götz Alsmann und Band, "In Rom". Mo., 30. September, 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0931) 6001 6000 unter www.tauberphilharmonie.de

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