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    Würzburg

    Hans-Jürgen Buchner, der Klangsucher aus Haindling

    Ungewöhnliche Instrumente sind eines seiner Markenzeichen: Hans-Jürgen Buchner 2017 in Volkach. Foto: Hans Will

    Als um 1980 die ersten Lieder von Hans-Jürgen Buchner entstanden, arbeiteten Musiker wie er noch mit Mehrspurrekordern. Heute arbeitet Buchner längst mit digitalen Mitteln, das Prinzip ist das gleiche geblieben: Im Studio spielt Buchner alle Instrumente selbst und mischt die Stimmen übereinander ab, auf der Bühne ist er Frontmann der Band Haindling. Seine Musik wird immer wieder als "neue Volksmusik" beschrieben, im Grunde ist sie Pop mit unterschiedlichsten Einflüssen aus aller Welt und eben auch aus seiner niederbayerischen Heimat. In den 35 Jahren, die Hans-Jürgen Buchner, Jahrgang 1944, nun hauptberuflich Musik macht (gelernt hat er Töpfermeister), hat er unzählige eingängige Songs geschrieben, etwa die originelle Instrumental-Miniatur "Schürzenjäger" oder die Mitträller-Hits "Du Depp" oder "Lang scho nimma gseh'n".  Außerdem ist er immer wieder als Komponist für Film und Fernsehen ("Irgendwie und Sowieso", "Rosenheim-Cops") tätig. Haindling sind am 14. und 15. Juni zum siebten Mal bei "Songs an einem Sommerabend" dabei.

    Herr Buchner, ich erreiche Sie gerade im Studio – woran arbeiten Sie?

    Hans-Jürgen Buchner: Ich mache gerade Musik für einen Stummfilm von 1920. Vorher habe ich aber erst monatelang improvisiert und mich an den Klängen erfreut.

    In der Hoffnung, dass daraus etwas Verwertbares entsteht?

    Buchner: Früher habe ich immer alles aufgenommen, was ich improvisiert habe. Mittlerweile habe ich über zehn Chips à 180 Takes. Die müsste ich alle nochmal durchhören und ins Reine spielen. Deshalb spiele ich in letzter Zeit gerne, ohne aufzunehmen. Sonst wird das ein Zwang – wie bei einem, der im Urlaub ist und die ganze Zeit fotografiert, um sich dann zuhause seinen Urlaub anzuschauen. Ich genieße den Urlaub ohne Foto.

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    Sitzen Sie am Klavier oder an einem Blasinstrument?

    Buchner: Ja, alles. Habe ich alles um mich herum (schlägt ein paar Akkorde auf dem Klavier an).

    In Wikipedia steht, dass Sie "neue Volksmusik" machen – unter diesem Label ist mittlerweile ziemlich viel unterwegs, auch viel Sonderbares, manchmal auch Rechtslastiges...

    Buchner: ... oder Schräges.

    Schräg muss ja nicht unbedingt schlecht sein...

    Buchner: ... aber schräg und schlecht.

    Wie fühlen Sie sich da aufgehoben?

    Buchner: Mit sowas muss man halt fertigwerden. Wie das bei Wikipedia reinkommt, weiß ich auch nicht. Der Begriff "Volksmusik" ist sowieso Krampf. Dann wäre ja jede Musik Volksmusik. Ich habe wahnsinnig viele Instrumente aus aller Welt und spiele alles für CD und Filmmusik selbst ein. Da probiere ich aus und experimentiere mit Klängen. Nur live habe ich eine hervorragende Band. 

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    Also eher Weltmusik als Volksmusik?

    Buchner: Ja, das auf alle Fälle. Volksmusik hat den Beigeschmack der Bierzelt-Blasmusik. Wogegen ich überhaupt nichts habe, das kann sehr schön sein. Auch, wenn man alte Lieder singt. Das gibt es kaum noch. Dass man sich erinnert, wie es früher war, und was früher wichtig war. 

    Hätten Sie sich in Ihrer Anfangszeit vorstellen können, dass Sie eines Tages eine Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt und den Verbraucherschutz ausgerechnet von der bayerischen Staatsregierung bekommen?

    Buchner: Nicht nur das – ich habe die bayerische Verfassungsmedaille, den bayerischen Verdienstorden, den Pro Meritis Scientiae. Und das sind nur die politischen Orden. Das hätte ich mir natürlich nicht gedacht, als ich vor 35 Jahren professionell mit der Musik angefangen habe, dass ich mit meinen früheren Kontrahenten so zusammenkomme, dass die Haindling-Musik eines Tages als Botschaft gesehen wird. Dass wir dreimal in China spielen, in Kapstadt, in Kanada. Und damals hätte ich das wahrscheinlich auch nicht gemacht. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich sage, es hat keinen Sinn, Feindschaften aufzubauen. Man muss miteinander reden. Und wenn ich dann mit meiner Musik als Botschafter Bayerns herumgeschickt werde, dann bin ich da schon stolz drauf.  Dass wir nicht nur "Leberkas, Leberkas" singen, sondern im Ausland zeigen können, dass wir kritische Gedanken in unserer Musik haben. 

    Schon 1993 haben Sie gesungen "Leit hoit's z'samm" – wenn man an die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen denkt, klingt das im Nachhinein prophetisch. Wie erleben Sie das Zerfallen der Gesellschaft in verfeindete Lager? Bekommen Sie auch Hassmails?

    Buchner: Von wo müsste ich denn die Mails kriegen? Ich selbst mache gar kein Internet. Ich habe nicht mal ein Handy. Darüber bin ich sehr froh. Früher war alles viel sanfter, so bekommen viele meiner Lieder erst heutzutage ihre Wichtigkeit. Die Themen versteht heute jeder. Früher waren es nur die, die sich engagiert haben, etwa für den Naturschutz. Mittlerweile weiß jeder, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Ich selbst sehe mich weder rechts noch links, mein Anliegen ist der Arten- und Naturschutz.

    Lange hat man gesagt, die Jugend wird immer unpolitischer. Jetzt gibt's den Greta-Effekt – Schülerinnen und Schüler schwänzen für den Klimaschutz.

    Buchner: Das finde ich wunderbar. 

    Ihre Stücke sind oft in Dur – trotzdem habe ich oft den Eindruck, das da eine gewisse Melancholie mitschwingt. Ist das was Niederbayerisches oder was Alpenländisches?

    Buchner: Ich würde das nicht an ein Land oder eine Gegend knüpfen. Das liegt eher daran, dass ich mütterlicherseits sehr stark mit Musik aufgewachsen bin. Und dass ich mit der Musik eine gewisse Zartheit ausdrücken will. Ich mag auch laute und schnelle Musik, aber wenn ich allein bin, spiele ich lieber melancholische Melodien, die ich wahrscheinlich schon das ganze Leben in mir trage. 

    Gibt es ein musikalisches Ziel, einen Klang, einen Song, ein Format, an dem Sie noch tüfteln, was Sie aber noch nicht erreicht haben?

    Buchner: Da ich gerade Filmmusik mache, habe ich völlige Freiheit. Ich mache Klangexperimente in verschiedenen Kombinationen. Zum Beispiel habe ich eine Kreissäge aufgenommen, die ich einbauen will. Oder ich blase durch ein Klangrohr auf Klaviersaiten und nehme dann nicht den Klang des Rohrs auf, sondern die Schwingung der Saiten. Warten Sie, ich führe Ihnen das vor: Ich blase jetzt da rein und halte das Telefon an die Saiten (es entsteht ein gewissermaßen mehrdimensionaler Klang). 

    Das ist ja wie ein Echo.

    Buchner: Das interessiert mich zur Zeit. Der Film heißt übrigens "Ochsenkrieg", die Geschichte ist von Ganghofer und handelt von einem Bauernaufstand im 14. Jahrhundert. Als ich sechs Jahre war, habe ich in der Zeitung gelesen, dass er in der Nachbarstadt lief und habe mir vorgestellt, dass da Ochsen gegeneinander kämpfen. Das ist natürlich nicht so. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er mich die 21 Kilometer nach Straubing ins Kino fährt, aber er hat gesagt, das ist zu weit. Da war ich total traurig, und jetzt mache die Musik für diesen Film. Das ist doch lustig, oder?

    Hans-Jürgen Buchner in Würzburg und Bad Brückenau
    Songs an einem Sommerabend findet in diesem Jahr zum 33. Mal statt und zwar am Fr., 14., und Sa., 15. Juni jeweils um 19 Uhr im Park des Klosters Himmelspforten in Würzburg. Zusätzlich gibt es in diesem Jahr am So., 16. Juni, 18 Uhr, ein „Songs-Extra“ mit Konstantin Wecker und dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie – sein Projekt „Weltenbrand“, ein kammermusikalisches Umsetzen seiner bekannten Lieder.
    Haindling spielen außerdem am So., 30. Juni, 20 Uhr, beim Open Air im Schlosspark des Staatsbads Bad Brückenau. Karten für beide Konzerte unter Tel. (0931) 6001 6000

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