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    Würzburg

    Heimat: Tabu oder Anker?

    Kaum ein anderer Begriff erlebt derzeit so einen Aufschwung wie Heimat. Auch und gerade in der Kunst. Wie schaut es damit in unserer Region aus?
    Die Ochsenfurter Festtagstracht in der volkskundlichen Abteilung des Museum für Franken in der Festung Marienberg. Foto: Thomas Obermeier

    Heimat ist mehr als ein bloßes Wort. Für die meisten Menschen ist Heimat etwas, was mit Kindheits- und Jugenderinnerungen verbunden ist. Es ist mehr als der Ort und das Gebiet, in dem sie aufgewachsen sind. Es ist ein emotionaler Begriff, der sich momentan großer Beliebtheit erfreut. So ist es auch in der bildenden Kunst, wie ein Blick in die großen Museen der Region deutlich macht.

    Tilman Riemenschneider und die Ochsenfurter Tracht

    Ein Museum, bei dem das, wofür der Begriff Heimat steht, schon im Namen mitschwingt, ist das Museum für Franken auf der Würzburger Festung Marienberg. Entsprechend sagt denn auch Claudia Lichte: „Wir haben den Anspruch, das zu repräsentieren, was die Region und ihren Charakter ausmacht.“ Hier spielt dann naturgemäß das Schaffen Tilman Riemenschneiders eine herausragende Rolle, so die Museumsleiterin. Denn schließlich ist Würzburg der Ort, an dem der Bildhauer gelebt und gearbeitet habe.

    "Heimat ist immer auch ein persönlicher Bezug zur Region."
    Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle Schweinfurt

    Als ein anderes, besonders attraktives Beispiel im Museum für Franken nennt die Museumsleiterin ein Werk von Heinz Schiestl. Und zwar die lebensgroße Darstellung einer Frau in Ochsenfurter Tracht. Der Würzburger Bildhauer schuf die Arbeit im Jahr 1913 zur Eröffnung des Fränkischen Luitpoldmuseums in Würzburg.  Das Erstaunliche an dieser Tracht ist, dass es sich nach Lichtes Schilderung hierbei um alles andere als etwas Uraltes handelt. Die Tracht geht vielmehr auf einen gezielten politischen Willen zurück. Es war nämlich das Haus Wittelsbach, das Mitte des 19. Jahrhunderts das Tragen von Trachten förderte. Das Ziel war „Identitätsstiftung“, so Lichte. Doch statt alte Kleidungsformen zu bewahren, führte diese Initiative dazu, dass in den Regionen ganz neue Bekleidungsformen entwickelt wurden. Insbesondere Festtagstrachten bildeten sich hierbei heraus. Hierfür steht eben jene Tracht, die Schiestls Frauenfigur aus Lindenholz trägt.

    "Es handelt sich hierbei um eine Idealisierung und um eine Kunstform."
    Claudia Lichte, Leiterin des Museums für Franken, über die Ochsenfurter Tracht von 1913

    Im echten Leben trugen Ochsenfurter Bäuerinnen ihre Tracht bei festlichen Anlässen. „Es handelt sich hierbei um eine Idealisierung und um eine Kunstform“, so Museumsleiterin Lichte. Dieses „ausgesprochen interessante Phänomen“ führe aber auch vor Augen, dass man aufpassen müsse, wenn man heutzutage den Begriff Heimat verwende. Gerade um einen zeitgemäßen Heimatbegriff nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Flüchtlingsthemas geht bei der Ausstellung "Auswander - Einwandern", die der Bezrik Unterfranken auf die Beine stellt und die ab dem 5. Dezember erstmals im Museum für Franken zu sehen sein wird.

    "Der Begriff Heimat ist geradezu ein Tabu."
    Wolf Eiermann, Leiter des Museums Georg Schäfer

    Freilich hat der Begriff Heimat in der Bildenden Kunst auch seine Schattenseiten. Darauf weist der Leiter des Museums Georg Schäfer in Schweinfurt, Wolf Eiermann hin: „Der Begriff Heimat ist geradezu ein Tabu.“ Der Grund ist einfach. Er liegt in der Verwendung des Begriffs durch die Nationalsozialisten. Denn sie benutzten das Schlagwort Heimat im Kampf gegen den Expressionismus und gegen die internationale Moderne. Im Grunde sei der Begriff Heimat in der Bildenden Kunst im Sinne von Heimatmalerei nicht mehr haltbar, schildert Eiermann. Er plädiert stattdessen für den Begriff der "Identität". Bemerkenswert ist indes, dass einige Maler, die später mit dem heute despektierlichen Begriff der Heimatmalerei etikettiert wurden, ursprünglich gar nicht wegen der vermeintlich heimatlichen Sujet beachtet wurden. Sondern aufgrund der malerischen Qualitäten ihrer Gemälde.

    Wilhelm Leibl, Bauernbursch am Fenster, um 1885, Museum Georg Schäfer Foto: Matthias Langer/Museum Georg Schäfer

    Museumsleiter Eiermann nennt hier unter anderem das Bild „Bauernbursch am Fenster“ von Wilhelm Leibl aus dem Jahr 1885. Das Bild steht in der großen Tradition der Fensterbilder, wie sie etwa Friedrich Kerstings Bild „Paar am Fenster“ von 1817 repräsentiert. Doch bei Leibl sind nun nicht mehr Adelige oder Bürgerliche dargestellt, sondern das Landvolk. Und obwohl dies vom Maler gewiss nicht beabsichtigt war, konnten Leibls Bilder wegen dieser Thematik später im Sinne einer "Blut-und-Boden-Ideologie" missbraucht werden, so der Museumsleiter.

    Ein weitaus unproblematischerer Aspekt des Bergriffs Heimat liegt beim Museum Georg Schäfer einfach im Namensgeber des Hauses begründet. Denn zum einen war Georg Schäfer ein Industrieller aus der Region und für die Region. Zum anderen war er ein für seine Zeit ungewöhnlicher Sammler. Denn er sammelte nicht, wie damals Usus, altdeutsche Meister, sondern deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts.

    Ein Rheinländer malt die Alte Mainbrücke

    Verbundenheit mit der Region liegt beim Museum im Kulturspeicher in Würzburg in der Natur der Sache. Denn das Haus beherbergt ja neben der Sammlung Ruppert mit Konkreter Kunst vor allem auch die Städtische Sammlung. „Diese ist aus einem regionalen Kern hervorgegangen“, so Museumsleiterin Marlene Lauter. Dies geschah allerdings im Jahr 1941 durch die hochproblematische Gestalt des Gründes und späteren Direktors der Städtischen Galerie, Heiner Dikreiter. Hierzu Museumsleiterin Lauter: „Inwieweit sich Kunst im Bestand der Städtischen Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus der völkischen Kunstauffassung und ihrem Heimatbegriff unterordnete, hatte im Jahr 2013 die Ausstellung ,Tradition und Propaganda‘ unter Federführung von Dr. Bettina Keß gezeigt, die die frühen Jahre der Städtischen Galerie einer Bestandsaufnahme unterzogen hatte.“

    Carl Grossberg: "Brückenkopf an der Alten Mainbrücke" (1928). Foto: Andreas Bestle/Kulturspeicher

    An Kunstwerken des Museums im Kulturspeicher, die für eine angenehme und unproblematsiche Verankerung des Hauses in der Region, verweist Museumsleiterin Lauter unter anderem auf das Bild „Brückenkopf an der Alten Mainbrücke“, die der aus dem Rheinland stammende Maler Carl Grossberg 1928 schuf.

    "Das Bild bewahrt also ein Stück Würzburger Heimat, das teilweise verschwunden ist."
    Marlene Lauter, Leiterin des Museums im Kulturspeicher

    Das Bild im Stil der Neuen Sachlichkeit zeigt „diejenige Würzburger Brücke, die sich heute größter Beliebtheit erfreut und in ihrer Nachbarschaft ein Bauensemble, das es mittlerweile so nicht mehr gibt“, so Lauter. „Das Bild bewahrt also ein Stück Würzburger Heimat, das teilweise verschwunden ist.“ Und natürlich beherbergt das Museums die Arbeiten moderner Würzburger Künstler, die es zu regionaler Bedeutung gebracht haben, wie etwa Emy Roeder und Gertraud Rostosky. Heimatverbundenheit drückt sich schließlich auch darin aus, dass das im Museum im Kulturspeicher immer wieder eine Präsentationsort zeitgenössischer regionaler Künstler ist. Als nächstes ist für 2020 eine Ausstellung des Kitzingers Peter Below vorgesehen.

    Fritz Koenig: "Paar" (1958). Foto: Peter Leutsch/Kunsthalle Schweinfurt

    Die relevantesten modernen Bildhauer der Region im Fundus zu haben, ist in der Kunsthalle Schweinfurt geradezu "ein Alleinstellungsmerkmal", so Museumsleiterin Andrea Brandl. „Heimat ist immer auch ein persönlicher Bezug zur Region.“ Und dieser Bezug ist hier schon allein dadurch gegeben, dass es der Schweinfurter Industrielle Ernst Sachs war, das nach ihm benannte Bad der Bevölkerung schenkte. Davon zeugt bis heute die Inschrift über dem Eingang des Bades, aus dem heuer vor zehn Jahren die Kunsthalle Schweinfurt hervorging: "Zur Förderung der Gesundheit, zum Wohle und Segen der Bevölkerung. Erbaut in schwerer Zeit des Vaterlands in den Jahren 1931/32.“
    Was das "Alleinstellungsmerkmal" bedeutender regionaler Bildhauer betrifft, so nennt Museumsleiterin Brandl allen voran Fritz Koenig, Wilhelm Uhlig und Heinrich Söllner.

    Die Foto-Sammlung von Gunter Sachs

    Und es war Rolf Sachs, Urenkel des Bad-Erbauers Ernst Sachs, der erst jüngst seine Verbundenheit mit der Region zum Ausdruck brachte. Das war bei der Eröffnung der neuen Ausstellung in der Kunsthalle. Gezeigt werden hier bis zum 16. Juni Fotos aus der Sammlung von Rolf Sachs‘ Vater, Gunter Sachs. Darunter sind eigene Arbeiten von Gunter Sachs, aber auch solche von Andy Warhol.

    "Vielleicht ist das Bedürfnis nach so etwas wie einem Anker gleichgeblieben."
    Claudia Lichte, Stellvertretende Direkorin des Museums für Franken

    Dass regionale Verbundenheit und Heimat heutzutage so beliebte Begriffe sind wie wohl zuletzt vor rund hundert jahren, hat sicher die unterschiedlichsten Gründe. Die Leiterin des Museums für Franken wagt eine "sehr gewagte These". Wie damals, so weite sich heute die Welt, sagt Lichte. "Vielleicht ist da dann das Bedürfnis nach so etwas wie einem Anker gleichgeblieben."

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