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    Würzburg

    Interview: Der Neue am Pult des Philharmonischen Orchesters

    Von Würzburg hat er bisher noch nicht sehr viel mehr gesehen als das Theater und die Baustelle drumrum: Gábor Hontvári, neuer Erster Kapellmeister am Mainfranken Theater.
    Gábor Hontvári, der neue Erste Kapellmeister am Mainfranken Theater. Der junge Dirigent ist seit Beginn der Spielzeit Nachfolger von Marie Jacquot im Mainfranken Theater Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

    Der 26-jährige Ungar Gábor Hontvári ist der neue Erste Kapellmeister am Mainfranken Theater Würzburg. Er hat an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest und an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar studiert, wo er das Konzertexamen vorbereitet, was etwa einer Dissertation entspricht. Er hat schon einige Preise als Chor- und Orchesterdirigent gewonnen und etliche Orchester in Deutschland und Ungarn dirigiert. 2017 leitete er die Südkorea-Tournee der Bayerischen Kammerphilharmonie. Hontvári arbeitete bis vor kurzem als Assistenz neben Lorenzo Viotti am Stadttheater Klagenfurt an der Produktion "La Bohème" und dirigierte neun Vorstellungen.

    Frage: Herr Hontvári, als Sie hier den Vertrag unterschrieben, war Ihnen da klar, dass Sie auf einer Baustelle arbeiten würden?

    Gábor Hontvári: Mehr oder weniger. Als ich vordirigiert habe war ich schon mal in Würzburg und da war ich überrascht, dass ich den Eingang suchen musste. Da ist mir bewusst geworden, dass das Theater gerade neu gebaut wird.

    War das Ihr erster Eindruck von Würzburg?

    Hontvári: Ich muss gestehen, ich habe bei den Vordirigaten nichts von der Stadt gesehen, weil ich gleichzeitig in Klagenfurt gearbeitet habe. Ich kam hier an, hatte zehn Minuten, um zum Theater zu kommen, danach ging es gleich wieder zum Bahnhof. Der einzige Eindruck war tatsächlich die Baustelle. Aber ich habe von meiner Vorgängerin Marie Jacquot gehört, dass Würzburg eine wunderschöne Stadt ist.

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    Würzburg ist Ihre erste Stelle als Kapellmeister – wie ist denn Ihr neuer Alltag?

    Hontvári: An einem Haus wie Würzburg ist das unglaublich viel Arbeit. Ich bin ja nicht nur Erster Kapellmeister, sondern auch stellvertretender Generalmusikdirektor. Unser Chefdirigent ist derzeit nicht im Haus, deshalb kommen noch weitere organisatorische Aufgaben auf mich zu, die sonst der Generalmusikdirektor macht.

    Sie studieren derzeit noch in Weimar, um Ihr Konzertexamen abzulegen. Wie schaffen Sie es, das zu vereinbaren?

    Hontvári: Ich war seit Beginn der Spielzeit noch überhaupt nicht in Weimar. Ich habe die meiste Zeit hier im Theater verbracht, außerdem hatte ich ein paar Gastdirigate. Aber das hatte ich schon im Vorfeld mit den Professoren in Weimar vereinbart. Ein Konzertexamen ist dafür ein geeignetes Studienformat, weil man eben nicht unbedingt dort sein muss. Ich habe jetzt in der Saison meine Produktionen – "Hänsel und Gretel", "Evita" und "Goldener Drache" – und muss deswegen hier präsent sein.

    "Evita" ist die erste Produktion, die Sie hier selbst einstudieren. Ist das eine neue Erfahrung für Sie?

    Hontvári: Ja, das ist die erste große Theaterproduktion, für die ich allein verantwortlich bin. Übrigens auch das erste Musical.

    Ist Musical nochmal anders, da ist ja eine Band dabei?

    Hontvári: Sehr. Gottseidank habe ich früher Schlagzeug gespielt und hatte auch meine eigene Band. Deswegen ist mir Leichte Musik nicht unbekannt. Hauptaufgabe war für den Studienleiter und mich, die drei Synthesizer einzurichten. Eine Arbeit, die ich ohne Vorkenntnisse vielleicht nicht geschafft hätte. 421 Klänge, verteilt auf drei Instrumente – das hat uns sieben Tage beschäftigt.

    Sie haben viel Operette gemacht – auch das eine gute Vorbereitung?

    Hontvári: Ja, bestimmt, vor allem in Sachen Timing. Was man oft vergisst: Musical hat eine ganz andere Art von Präzision. Bei der Oper macht es gelegentlich weniger aus, wenn die Interpretation von dem Moment der Abendvorstellung inspiriert wird und dadurch freier ist. Das wird niemand merken, weil der Klang sich besser vermischt. Ein Musical verträgt das nicht: Das Tempo und das Timing wird gleichbleiben. Wenn das Schlagzeug das Tempo vorgibt, muss man sich anpassen können.

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    Allerdings dürfte es schwer sein zu schleppen, wenn ein Drumset spielt.

    Hontvári: Ja... (lacht) Bei einem Musical müssen wir mit einem Opernorchester doch viel daran arbeiten: Wann höre ich zu? Wann ignoriere ich die Sänger? Oder den Dirigenten? Hier sollen die Darsteller, anders als in der Oper, manchmal unabhängig vom musikalischen Material singen. Das ist wie beim Tanz: Ein guter Tango muss im Rhythmus sein, aber der Tanz dazu muss sich nach dem Charakter des jeweiligen Stücks richten. Der darf nicht zu gerade sein.

    Marie Jacquot war damals glücklich, dass sie keine Verpflichtung zum Korrepetieren hatte. Ist das bei Ihnen auch so?

    Hontvári: Darüber bin ich auch froh. Allerdings bin ich gerne viel bei Sänger-Coachings dabei. Aber nicht als Pianist, sondern als gesangstechnische Hilfe. Das war besonders bei "Evita" wichtig, denn wir haben ja auch Darsteller aus dem Schauspielensemble dabei. Außerdem mache ich das, um meine Produktionen besser vorzubereiten. Hier kann ich schon sehr früh eine Richtung für die Sänger vorgeben.

    Sie haben als Chordirigent einen Preis gewonnen, hilft auch diese Erfahrung an der Oper?

    Hontvári: Auf jeden Fall. Da ich selbst sehr viel gesungen habe, gehe ich immer vom Gesang aus, wenn ich am Klang arbeite. Das hilft auch dem Orchester, denn die physische Seite, ein Instrument zu spielen, ist dem Gesang sehr ähnlich. Ein Chor funktioniert nicht, wenn man die organische Körperlichkeit einer schwierigen Stelle nicht in Betracht ziehen kann. Nach einem ausgehaltenen Fortissimo etwa braucht ein Chor Zeit, um ein sattes Pianissimo zu singen. Ich frage immer: Welches Tempo ist organisch für einen Spieler, welche Spielweise?

    Wie würden Sie das Verhältnis Sinfonik und Musiktheater in Ihrer Arbeit charakterisieren?

    Hontvári: Das kann ich im Moment noch unmöglich entscheiden. Ich habe aber das Gefühl, dass ich meinen Platz in beiden Bereichen sehr gut finde. Interessanterweise suche ich immer Sinfonik im Theater, und im Theater suche ich immer Sinfonik. Erst heute habe ich in einer Probe einem Sänger gesagt: "Es sollte mehr nach Oboe klingen."

    Mir ist aufgefallen, dass es für viele Dirigenten im Musiktheater zwei Meilensteine gibt: Mozart und Wagner. Wie sehen Sie das?

    Hontvári: Mozart habe ich schon gemacht – ich habe die "Zauberflöte" nachdirigiert. Ich hatte großen Respekt vor dem Stück, weil ich so viele Geschichten gehört hatte, wie das schiefgehen kann. Das Problem ist, dass es so viele Traditionen gibt: Allein der Anfang der "Zauberflöte" schreckt jeden Dirigenten, weil er nicht weiß, wie das mit dem Orchester zuvor einstudiert wurde. Wenn es zuvor behäbig gemacht wurde, hast du keine Chance. Oder: Ist es flott einstudiert, muss ich gar nicht viel zaubern, sondern einfach nur den Auftakt geben. Aber wenn die Version, die man vorfindet, nicht gut auf dem eigenen Körper liegt, findet man sich mit Mozart schwieriger zurecht.

    Und Wagner?

    Hontvári: Ich komme wahrscheinlich dazu, in dieser Saison das "Rheingold" nachzudirigieren. Das ist eine unglaubliche Vorfreude, aber auch der gleiche große Respekt, den ich vor der "Zauberflöte" hatte. Die ist damals dann gut gelungen, und das hoffe ich auch für Wagner. Dass zum Schluss ein positiver Nachgeschmack bleibt. Und die Erkenntnis: Das ist doch nicht so schwer.

    Die nächsten Vorstellungen mit Gábor Hontvári – "Rigoletto": 11., 18., 22. Dezember. Weihnachtskonzert "It's Christmas Time": 13. Dezember. "Evita": 12., 15., 31. Dezember. "Hänsel und Gretel": 14., 19. Dezember. "Der Goldene Drache": Premiere am 25. Januar.

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