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    Schweinfurt

    Jeder gegen Jeden: Ottmar Hörls Kommentar zur Gegenwart

    Die Pistole in der Hand, die Zipfelmütze auf dem Kopf: eine von 200 Figuren Ottmar Hörls in der Installation "Jeder gegen Jeden" im Innenhof der Kunsthalle Schweinfurt. Foto: Josef Lamber

    Eines muss man Ottmar Hörl lassen. Seine Kunst bewegt. Immer, und zwar egal wie. Wer seine Figuren im Rahmen ihrer großflächigen Installationen sieht, kann sich ihnen nicht entziehen. Das war schon vor 16 Jahren so, als der frühere Leiter der Nürnberger Akademie der Kunst mit den sogenannten Dürer-Hasen Furore machte. Oder 2015, als sein Stinkefinger zeigender Franz Josef Strauß-Zwerg polarisierte. Und das ist jetzt, bei seinem inzwischen dritten Projekt in Schweinfurt, auch nicht anders.

    Der Wertheimer Konzeptkünstler Ottmar Hörl mit einer seiner Figuren bei seiner Installation in der Kunsthalle in Schweinfurt. Foto: Josef Lamber

    Dieses Mal geht's ans Eingemachte. "Jeder gegen Jeden" heißt die Installation, die der Konzeptkünstler noch bis 27. Oktober im Innenhof der Kunsthalle in Schweinfurt zeigt. Hörl hat 200 neu entwickelte, identische Gartenzwerg-Figuren in drei Farben (anthrazit, blaugrau und schwarz), jeweils 38 Zentimeter groß, arrangiert. Das linke Auge zugekniffen, hält jede Figur eine Beretta-Pistole in der rechten Hand, mit der sie auf ein Gegenüber zielt.

    "Der Künstler ist das Regulativ der Gesellschaft, er ist dafür da, mit seiner Kunst zu zeigen, wo wir als Gesellschaft stehen."
    Ottmar Hörl

    Schon als er die Installation im Sommer aufbaute, kamen die Besucher mit ihm ins Gespräch, erinnert sich der 69-Jährige, der in Wertheim und Frankfurt lebt und arbeitet. Und zwar genau in der Art, wie es sich Hörl wünscht. Eine Frau erschrak über die hinter der Maske der Gleichgültigkeit verborgene Gewaltbereitschaft der Hörlschen Figuren. Sie hatte eigentlich "schöne" Kunst anschauen wollen, und dann so was. Sie wollte das, was höchstwahrscheinlich jeder Mensch in seinem Innersten will: Harmonie.

    Die Besucher im Innenhof der Kunsthalle sind dazu aufgerufen, sich zwischen den Figuren zu bewegen. Foto: Josef Lamber

    Nur ist man da bei Ottmar Hörl an der falschen Adresse. Dabei ist der joviale Kunst-Professor, der in Nürnberg Generationen von Schülern maßgeblich als Künstler geprägt und gefördert hat, kein Provokateur, der auf Krawall aus ist. Im Gegenteil, er ist sich seines gesellschaftlichen Auftrags vollauf bewusst: "Der Künstler ist das Regulativ der Gesellschaft, er ist dafür da, mit seiner Kunst zu zeigen, wo wir als Gesellschaft stehen."

    Hörl, der seine Projekte grundsätzlich selbst und ohne öffentliche Gelder finanziert, bricht auch mit dem Missverständnis, dass die Plastik-Figuren per se Kunst sind. Das würde er nie behaupten. "Ich weiß nicht, was Kunst ist, ich weiß nur, dass ich Berufskünstler bin." Die Idee für die Installation, die Gestaltung der Figuren, der Aufbau, die Umsetzung, das ist es, was das Gesamte zur Kunst macht, über die man reden sollte, mit der man sich auseinandersetzen sollte. 

    "Ich weiß nicht, was Kunst ist, ich weiß nur, dass ich Berufskünstler bin."
    Ottmar Hörl

    Jeder gegen Jeden – ist das denn so heutzutage? Wer sich in den sogenannten sozialen Medien in Diskussionen zu bestimmten Reizthemen wie Flüchtlinge oder den menschengemachten Klimawandel wiederfindet, kann nur zu dem Schluss kommen: So ist es, Jeder gegen Jeden, zumindest im Bereich der Worte sind Schranken gefallen.

    Als Hörl in den 1950er und 60er Jahren aufwuchs, "gab es zwei Lager, das war's", erzählt der bekennende 68er, der nie ein Hehl daraus machte, in welchem politischen Lager er sich verortet. Doch mit dem Fall der Mauer änderte sich die Welt nicht nur in Deutschland, änderte sich das Leben für Millionen Menschen in den neuen Bundesländern eben nicht nur zum Positiven. Und wer wirklich glaubt, in Brandenburg, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern blühten die Landschaften nur so, der war offenbar noch nicht dort. Dazu kommen Globalisierung und Digitalisierung, alles geht immer schneller, immer hektischer.

    Jeder gegen Jeden, im wahrsten Sinne des Wortes. Foto: Josef Lamber

    "Die Bedrohung, jeden Tag beschissen zu werden, ist real", sagt Hörl, "wir entkommen nicht, nur weil wir das verdrängen und die heile Welt suchen." Ihn interessiere die Gesellschaft als Ganzes, und da dürfe man vor allem als Künstler nicht im Elfenbeinturm tätig sein, sondern müsse sich selbst an die eigene Nase fassen, wie man den Diskurs mit dem Betrachter suchen könne. Zur Revolution ruft die Installation im übrigen gerade nicht auf, das wäre sicher zu oberflächlich betrachtet. Sie hält uns einen Spiegel vor. Mit einer Inschrift: So kann es auf Dauer nicht weitergehen.

    In Schweinfurt ist Hörl übrigens ein gern gesehener Gast. Bereits 2006 realisierte er zum 20. Geburtstag des Kunstvereins Schweinfurt im Innenhof des Rathauses die Installation „Jakob“ mit Raben im Schweinfurter Grün. Zum 150. Todestag des Poeten Friedrich Rückert sowie des 30-jährigen Bestehens des Kunstvereins Schweinfurt zeigte er auf dem Marktplatz im Jahr 2016 die Installation „Rückert für das 21. Jahrhundert“.

    Ottmar Hörl: Gartenzwerg-Verkauf und Podiumsgespräch
    Ottmar Hörls Installation in der Kunsthalle ist bis 27. Oktober zu sehen. Die 200 Gartenzwerg-Figuren werden danach abgebaut und verkauft. Sie kosten unsigniert 50 Euro, signiert 130 und können schon jetzt bestellt werden. Informationen in der Kunsthalle bei Bettina Geiger, Tel. (09721) 51 47 34, E-Mail: bettina.geiger@schweinfurt.de. Bestellung mit Versand ab 27. Oktober nur über shop@ottmarhoerl.de
    Ein Gespräch zur politischen Kunst in Deutschland gibt es am 17. Oktober, 19 Uhr, in der Kunsthalle mit dem in Leipzig lebenden Maler Hartwig Ebersbach und Professor Ottmar Hörl. Moderation: Karl-Heinz Körblein (Journalist). Die Kunsthalle ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Donnerstag von 10 bis 21 Uhr. Jeden ersten Donnerstag im Monat ist der Eintritt frei. Infos: www.kunsthalle-schweinfurt.de

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