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    WÜRZBURG

    Jupiternacht: Klanglandschaften, Krach und Harmonie

    Immer in Bewegung: das STEHGREIF.orchester aus Berlin Foto: Anna Linnea Urmersbach

    Nach viereinhalb Wochen mit Weltstars und jungen aufstrebenden Künstlern der letzte Mozartfest-Abend – die Jupiternacht. Ein paar Bässe postieren sich vorn vor der Bühne, ein umfangreiches Schlagwerk thront zwischen den nicht vollkommen gefüllten Sitzreihen im Vogel Convention Center. Da steigen Mozart?sche Töne unter die Rohre an der Decke der ehemaligen Rotationshalle auf. Die ersten Takte der Jupitersinfonie. Festlich, heiter. Die Musiker betreten, von hinten kommend, die Halle. Kein Orchester in Frack und Fliege. Stattdessen Spielleute in Alltagskluft, auf Socken, in Schläppchen oder barfuß. Sanft bewegen sie sich, beinahe in Zeitlupe. Aufziehpuppen gleich.

    Ein Orchester, das während des Konzerts ständig in Bewegung ist

    Gespannte Aufmerksamkeit in der großen Halle. Blech hellt den Sound auf, Pauken werden lauter und lauter. Eine Geigerin tritt in Dialog mit einem Bass, die Klarinette bewegt sich vorwärts und quäkt wie ein Klemzer-Musikant. Dann verteilt sich das Blech im gesamten Raum, die Streicher schleichen sich wippend, schlenkernd, tänzelnd auf die Bühne, beziehen Stellung, teils mit dem Rücken zum Publikum, und das Schlagwerk wird flink anderswo postiert.

    Jung, experimentierfreudig und fantasievoll präsentiert sich das STEHGREIF.orchester aus Berlin. An die 30 junge Menschen berühren das auf Klassik eingestellte Publikum dermaßen, dass dieses am Ende jubelnd aufspringt. Es hat eineinhalb Musikstunden voller Bewegung erlebt, ohne feste Orchestersitzordnung, ohne Dirigent und ohne Notenblätter. Hier wird gejammt und improvisiert, was das Zeug hält. Jazzende Trompeten, chaotische Dissonanzen, elektronische Sequenzen – Klanglandschaften, Krach und Harmonie mit Einsprengseln Brahms?scher Kompositionen.

    Die hervorragenden Interpreten jeglicher Couleur, die sich trotz ausgeklügelter Choreografie quer durch den Raum voll auf ihr Instrument konzentrieren, zeigen ihr Können mit Lust und Leidenschaft als Solisten, in Kammermusikformation oder Orchestergröße. Ob man das engagierte und ausgeklügelte Projekt als Frischzellenkur für Mozarts Musik bezeichnen kann? Dazu ist zu wenig vom Original zu hören, zu viel bestechend musizierter Freestyle. Aber das mehrfach preisgekrönte Orchester macht Laune mit mozartlichen Abschlussklängen, musikalischem Können und der Flexibilität, mit der die jungen Leute, trotz aller Ernsthaftigkeit mit ihren Instrumenten spielen.

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