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    WERTHEIM

    Kammeropern von Marillion

    Kunstvolle Rockmusik: Marillion in Wertheim
    Kunstvolle Rockmusik: Marillion in Wertheim Foto: Fabian Gebert

    Es gibt Konzerte, da gehen die Leute definitiv zu früh. Am späten Samstagabend, drei Stunden Konzert sind vorbei, schlendern ein paar Zuhörer zufrieden von dannen und sind schon halb den Wertheimer Burgberg runter – da kommt die Band nach einem ersten langen Zugabeblock tatsächlich unter viel Jubel ein zweites Mal auf die Bühne. „Do you remember?“ hallt es vom Burghof in die Stadt hinunter. Und – aaarrgghh – die Voreiligen drehen schleunig um und drängen zurück zur Bühne. „Kayleigh“, diese Riesenballade, darf man nicht verpassen. Vor 31 Jahren sang sie der erste Marillion-Sänger Fish zum ersten Mal. Jetzt tritt nach einer klangmächtigen Inszenierung Steve Hogarth noch einmal ans Mikro, lächelt in die Menge – und stimmt eine der schönsten Entschuldigungen der Rockgeschichte an: „Please excuse me, I never meant to break your heart.“

    Band der Miniatur-Dramen

    Für die Show zuvor gibt's nichts zu entschuldigen: Marillion machen am lauen Wertheimer Sommerabend vor 1300 Zuhörern, großteils in Marillion-T-Shirts gekommen, formidable, kunstvolle Rockmusik: eine kraftvolle, energiegeladene Tour durch ihre zahlreichen Alben. Marillion ist keine Band der schnellen, eingängigen Zweieinhalb-Minuten Ohrwürmern. Schon der Auftakt „The Invisible Man“ dauert über zehn Minuten und ist ein vertontes Miniatur-Drama.

    Die britische Prog-Rock-Band um Bandgründer und Gitarristen Steve Rothery komponiert und inszeniert ihre Songs kunstvoll, die Tempi wechseln geschickt, nach langsamen, klangerfüllten Passagen treibt das Schlagzeug wieder an, die Bässe pulsieren, und bevor eine Melodie arg zu schön wird und in den Kitsch zu kippen droht, gibt's ein paar schräge, quere Takte darüber. Mit Mainstream-Songs wie „Kayleigh“ haben – ein musikalisches Glück und auch lyrisch von Vorteil! – viele ihrer energetischen Nummern wenig gemein.

    Steve Hogarth ist sowieso ein Ereignis für sich. Mit großer Inbrunst singt er kleine Kammeropern, verrenkt sich am Bühnenrand, spreizt am Keyboard die Beine, stellt seine Gitarre auf den Kopf, klagt exaltiert mit seiner Falsettstimme, wimmert und presst hohe Töne, greift sich pantomimisch an den Kopf, nuschelt und nölt. Irgendwann inmitten der überschäumenden Spielfreude der Band rennt er an den Bühnenrand, erklettert das Mobiliar und setzt sich auf die Lautsprecherbox wie auf einen Thron.

    Vorgeschmack aufs neue Album

    Mitte September wird das 18. Studioalbum von Marillion erscheinen – mit „fürs Radio gutem“ Titel, wie Hogarth süffisant erklärt: „Fuck Everyone and Run“, kurz „FEAR“. Unter mondbeschienenen Wolkenfetzen in Wertheim gibt Marillion einen Vorgeschmack und spielt das viertelstundenlange Epos „The New Kings“. Ein Song über falsche Kompromisse in der Demokratie, über den mörderischen modernen Kapitalismus, über Banker, die in einem Ozean voller Geld baden, und die kleinen Leute, die die Rechnung bezahlen, wenn Dinge schief laufen. Großes, kluges Theater! Und alles andere als zum Davonrennen – schon gar nicht zu früh.

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