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    Marktheidenfeld

    Kann man heute noch klassische Kunstlieder schreiben? Man kann!

    Wolf Wiechert und Alexander Wolf in mittelalterlicher Umgebung, hier im Kreuzgang von Kloster Bronnbach – ganz in der Nachfolge ihrer romantischen Vorgänger. Foto: Christian Schwab

    Der NDR wählte große Worte. Der Komponist Alexander Wolf und der Dichter Wolf Wiechert seien dabei, "die Gattung Lied für das 21. Jahrhundert fit zu machen", heißt es in einem Beitrag über Klassik-CD-Neuerscheinungen. Wolf und Wiechert schmunzeln zwar ein wenig über eine derart globale Würdigung, aber gefreut haben sie sich schon, das ist nicht zu übersehen.

    Das Album "Besser du redest nicht weiter darüber" (erschienen bei Genuin Classics) ist in der Tat eine eher ungewöhnliche Erscheinung: 30 Kunstlieder reinsten Wassers. Keine Songs, keine Chansons, keine Mischformen. Entsprechend groß ist das Interesse einiger (Klassik-)Radiosender. 30 Lieder mit Klavier, gegliedert in fünf Zyklen, für jede Stimmlage einen: "Sternenstunde" für Sopran, "Liebe" für Alt, "Blumen" für Tenor, "Augenblick" für Bariton und "Harmonie" für Bass. Dazu noch drei "Lieder ohne Worte", nur für Klavier. Spätestens dieser letzte Werktitel, entlehnt bei Felix Mendelssohn Bartholdy, verweist auf die kompositorische Heimat von Alexander Wolf: die Romantik.

    Der Komponist Alexander Wolf und der Dichter Wolf Wiechert im Gespräch. Foto: Silvia Gralla

    Der Titel des Albums klingt im ersten Moment ein bisschen sonderbar – mit unter den Tisch kehren oder gar Tabuisierung hat er aber nichts zu tun. Wolf Wiechert erklärt ihn so: "Wir schätzen Schubert und Schumann sehr, ebenso wie die Lyriker Eichendorff oder Benn. Und wir wissen, dass wir niemals besser sein könnten als die.  Deshalb haben wir gesagt, wir treten die Flucht nach vorn an und machen es anders." Also haben sie gemacht, ohne weiter darüber zu reden. "Das ist so eine Art Captatio benevolentiae, also ein Erheischen des Wohlwollens."

    Wiecherts Spiel mit Stimmung und Anspielung

     Außerdem ist die Titel-Zeile der Anfang des Gedichts "Liebeserklärung". Dieses ist wiederum ein gutes Beispiel für Wiecherts Spiel mit Stimmung und Anspielung – in diesem Falle ist es eine auf Shakespeare ("O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren"). Denn die Verse gehen so weiter: "Besser / du redest nicht weiter darüber / und siehst nicht erst nach dem Mond / der scheint sowieso wie immer". Alexander Wolf legt rastlose Synkopen unter den Text, die er alsbald unterbricht, um einer leicht angeschrägten Kurzmelodie Raum zu geben – es ist dies eine eher unerwünschte Liebeserklärung, kann man vermuten.

    Alexander Wolf an der Orgel Foto: Johannes Ritter

    Die beiden kennen sich schon eine Weile (Wiechert war Wolfs Deutschlehrer am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Wertheim) und haben schon einige gemeinsame Projekte realisiert. Mit der Zeit entstand die Idee, Lyrik und Musik in größerem Maßstab zu vereinen. Der Dichter bat den Komponisten, sich einige Gedichte auszusuchen. Singbare und solche, die ihn bewegten beziehungsweise ansprachen. 

    Was geht im Kopf des Komponisten vor, der ein Gedicht vertonen soll?

    Wolf Wiechert, Jahrgang 1938, hat neben Romanen, Erzählungen und einem neu erzählten "Parzival" nach Wolfram von Eschenbach mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Er spielt gerne mit Tonfällen und Sprachebenen, er kennt seine Romantiker einerseits, seinen Gottfried Benn andererseits, er spielt mit aphoristisch kurzen Formen, Haiku-artig Lakonischem, sucht aber auch die surreale Irritation. Da gibt es etwa eine vibrierende Frisur, die Wolf musikalisch mit einem klirrenden Triller umsetzt. "Der hat bei den Aufnahmen unglaubliche Schwierigkeiten gemacht", erzählt Wiechert, "bis der Tonmeister zufrieden war".

    Und es gibt Brechungen und Sprünge – mal einen wissenschaftlichen und damit gänzlich unlyrischen Begriff, mal ein englisches Einsprengsel. Wiechert: "Seit Eichendorff sind wir ja auch etwas weiter. Ohne Bruch kann man heute sowas nicht mehr bringen. Wir sind alle selbst so gebrochen und haben so viele Möglichkeiten, Dinge in uns aufzunehmen und wieder zu verwerfen, dass es gar nicht anders geht."

    Wolf Wiechert bei einer Lesung aus seiner Neuerzählung des mittelalterlichen Versepos "Parzival". Foto: Martin Harth

    So ist auch der Zyklus-Titel "Sternenstunde" eine ambivalente, durchaus nicht nur romantisch gemeinte Metapher. Der Dichter verweist auf Kants Satz "der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir". Wiechert: "Wenn ich diesen Sternenhimmel nachts sehe, wird mir immer die Lächerlichkeit unseres Daseins bewusst. Andererseits sagt Kant auch, wir sie die einzige Spezies, die das auch weiß. Und das macht uns in gewisser Weise wieder groß." 

    Und was geht im Kopf des Komponisten vor, wenn er ein Gedicht in Klänge fassen soll? "Für mich war das schon eine Herausforderung", sagt Alexander Wolf, Jahrgang 1969. "Einerseits diese Brüche, dieses Sprunghafte, auf der anderen Seite, der klassische Liedrahmen. Man hätte ja auch experimentell rangehen können, mit ganz rudimentären Klängen, Verfremdungseffekten und so weiter."

    Die sängerische Umsetzung der Lieder lässt keine Wünsche offen

    Er hat sich bewusst dagegen entschieden. "Ich denke, dass ein Lied sich immer noch dadurch auszeichnet, dass der Rahmen eben nicht aufgebrochen wird." Stattdessen setzt Wolf seine gewählten – konventionellen – Ausdrucksmittel möglichst gezielt ein, dissonante Akkorde etwa. Oder ganztaktige Pausen. Immer aber bleibt er ganz nah am Text – da ist er in seiner lautmalerischen Fantasie Richard Wagner möglicherweise näher als den klassischen Lied-Komponisten, auch wenn die vielfach gar nicht so versteckten Anspielungen eher auf Schumann oder Schubert verweisen als auf den Schöpfer des großen Musikdramas.

    Die sängerische Umsetzung der Lieder zur makellos souveränen und farbenreichen Klavierbegleitung von Sergey Korolev lässt mit Maria Bernius (Sopra), Renate Kaschmieder (Alt), Maximilian Argmann (Tenor), Uwe Schenker-Primus (Bariton) und Mathis Koch (Bass) keine Wünsche offen. Das ist alles immer interessant, immer packend, oft bewegend, hin und wieder komisch. Ob damit das archetypische Kunstlied des 21. Jahrhunderts gelungen ist, werden spätere Generationen entscheiden müssen. Jetzt aber, in den immer noch frühen Jahren des 21. Jahrhunderts, ist diese Einspielung mit Sicherheit eine Entdeckung.

    Zu den Personen
    Der Dichter: Wolf Wiechert wurde 1938 in Ostpreußen geboren, floh 1945 übers Frische Haff, zwei Jahre später über die Oder in die Oberlausitz und nach dem Abitur in Bautzen mit dem Fahrrad in den Westen. Er studierte in Heidelberg und war bis zu seiner Pensionierung Lehrer für Deutsch und Geschichte am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Wertheim am Main.  Wiechert hat Romane, Erzählungen,  einen neu erzählten "Parzival" nach Wolfram von Eschenbach und mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Auszeichnungen: Kulturpreis der Stadt Wertheim 1989, Baden-Württembergischer Lyrikpreis 1999, Stadtmedaille Wertheim 2008.
    Der Komponist: Alexander Wolf wurde 1969 in Wertheim geboren. Er studierte katholische Theologie an der Universität Würzburg und Liturgiewissenschaft in Rom am Liturgischen Institut San Anselmo. Seit 1994 arbeitet er als Pastoraleferent, Kirchenmusiker und Komponist für das Bistum Würzburg. Sein Werk umfasst Chorwerke, geistliche Musik, Werke für Orgel und weitere Instrumente, Blechbläserensembles oder Saxofonquartett. 2013 war er Gast in der Villa Massimo im Rom.
    Das Album "Besser du redest nicht weiter darüber" ist bei Genuin Classics erschienen und als CD oder Download überall im (Online-)Handel erhältlich.
    Das Konzert: Alle Beteiligten singen und spielen am Sonntag, 17. Mai 2020, um 17 Uhr im Kloster Bronnbach, Josephsaal, das Programm des Albums.

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