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    ANSBACH

    Kaspar Hauser: Neues vom ewig Geheimnisvollen

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    Es steht 59 zu 13. Demnach glauben aktuell 59 Besucher des Markgrafen-Museums, dass Kaspar Hauser ein badischer Erbprinz war. Nur 13 halten den Geheimnisvollen für einen Betrüger. „Wer war Kaspar Hauser?“, fragt das Museum im mittelfränkischen Ansbach, das dem Findling eine ganze Abteilung widmet, und fordert auf: „Stimmen Sie ab!“ Was viele dann mit einem dicken schwarzen Strich in der entsprechenden Rubrik auf einer großen Wandtafel tun.

    Es ist nur eine Momentaufnahme. Vorigen Sommer war das Ergebnis zu Hausers Ungunsten ausgefallen. Da hatte ihn die Mehrheit für einen Schwindler gehalten. Das Museum ersetzt die vollgeschriebene Wandtafel immer wieder durch eine neue: „Das ist wahrscheinlich die zehnte, die da hängt“, schätzt Museumsleiter Wolfgang Reddig. Er hat alle gesammelt. Wenn genügend Stimmen zusammengekommen sind, will er addieren. „Vielleicht kommen wir durch Schwarmintelligenz dem Geheimnis auf die Spur“, sagt er augenzwinkernd.

    Dem Geheimnis um Kaspar Hauser auf die Spur zu kommen, ist in beinahe zwei Jahrhunderten noch nicht wirklich gelungen. „Wir haben in unserer Bibliothek eine Menge Bücher, die behaupten, das Rätsel gelöst zu haben“, sagt Reddig, Wasserdicht war noch keine der Theorien. Woher der Junge kam, wer er war, wie er starb – alles unklar. Vor wenigen Tagen trat ein Heimatforscher aus Eggenfelden an die Öffentlichkeit: Josef Heindl will Kaspar Hauser als Sohn des im Raum Passau lebenden Pfarrers Joseph Hausner (1778 bis 1833) identifiziert haben (wir berichteten). Der ehemalige Polizeibeamte stützt sich auf Indizien: auf kirchliche Matrikelbücher und Personendaten aus dem Raum Passau. „Ein interessanter Ansatz“, kommentiert Museumsleiter Reddig. Er habe Heindls soeben erschienenes Buch noch nicht gelesen, sei aber gespannt darauf.

    In jedem Fall zeigen die Publikation und das Medienecho darauf (Reddig: „Sogar die ,Bild‘-Zeitung hat groß berichtet“): Der Mythos Kaspar Hauser lebt. Kein Wunder: Die Geschichte bietet wenige Fakten, dafür umso mehr Geheimnisse. Das ist der Boden, auf dem Verschwörungstheorien wuchern. Und die faszinieren – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenso wie heutzutage.

    Die Fakten

    Am 26. Mai, dem Pfingstmontag des Jahres 1828, fällt auf dem Nürnberger Unschlittplatz ein junger Mann auf. Er wirkt verwirrt und spricht zunächst nur einen Satz („A söchtener Reiter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“). Ein Brief, den er bei sich trägt, nennt seinen Namen und als Geburtsdatum den 30. April 1812. Kaspar Hauser wird zunächst im Luginsland eingekerkert. Später wird er von verschiedenen Familien in Nürnberg und Ansbach aufgenommen und ausgebildet. In Ansbach verkehrt der Findling, der handwerkliches und zeichnerisches Talent zeigt, in den besten Kreisen. Über seine Herkunft weiß er nichts zu berichten – oder er will es nicht. Jahrelang, so erzählt er, sei er abgeschottet von der Außenwelt bei Wasser und Brot in einem dunklen Verlies festgehalten worden.

    Am 17. Oktober 1829 wird er, noch in Nürnberg, mit einer blutenden Schnittwunde an der Stirn gefunden. Er behauptet, ein Maskierter habe ihn überfallen. An der Stimme habe er denjenigen erkannt, der ihn aus seinem Verlies nach Nürnberg geführt habe. Am 14. Dezember 1833 erleidet er, angeblich im Ansbacher Hofgarten, wieder eine Stichverletzung – diesmal eine lebensgefährliche. Ein Bärtiger habe auf ihn eingestochen, sagt er. Am 17. Dezember 1833 stirbt Hauser an den Folgen der Verletzung.

    Die Spekulationen

    War es ein Attentat? Schon nach der ersten Stichverletzung gab es Gerüchte, der mysteriöse Findling sei der legitime Thronfolger des badischen Großherzogs, der nicht in die gewünschte Erbfolge passte. Also wurde er zunächst gefangengehalten und, als er entkam, ermordet. Bald nach Hausers Tod wurde aber auch behauptet, er habe sich die Verletzungen selbst beigebracht, um sich interessant zu machen – und sich zuletzt unbeabsichtigt selbst getötet. Er sei nichts weiter als ein Betrüger. Von der Selbstverletzungstheorie hält Wolfgang Reddig weinig, denn die würde bedeuten: „Kaspar Hauser hätte noch in seinen letzen Minuten auf dem Sterbebett an seinem Betrug festgehalten.

    “ Das hält der promovierte Historiker für unrealistisch. Hauser sei niedergestochen worden.

    Das Ansbacher Markgrafen-Museum (siehe Kasten unten) zeigt unter anderem originale Kleidungsstücke von Kaspar Hauser. Einen kompletten Anzug, eine Unterhose und auch Haare: Material für DNA-Analysen. Davon gab es bislang zwei. Verglichen wurde Hausers Genmaterial mit dem der badischen Adelsfamilie. Ergebnis? „Unentschieden“, sagt Reddig. Ein Gentest habe gegen eine Verwandtschaft mit dem Fürstenhaus gesprochen, der andere nicht.

    „Sehr bald schon hat sich das Bild von Kaspar Hauser von der historischen Person entfernt“, weiß Reddig. So wird der Fall Kaspar Hauser zur Projektionsfläche für alle möglichen Weltanschauungen. 1908 zeigt Jakob Wassermann in seinem Roman „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ den Findling als reinen Toren, den die Lieblosigkeit seiner Mitmenschen zugrunde richtet. Ähnlich sieht das Werner Herzog in seinem Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (1974). In der engen Welt der Spießbürger ist kein Platz für einen wie Kaspar Hauser, der in keine Norm passt.

    Zu allen Zeiten spielt wohl auch Unbehagen gegenüber Mächtigen eine Rolle, das auf die Figur übertragen wird, Motto: Die tun doch alles, um ihre Macht zu erhalten, und schrecken im Zweifelsfall nicht einmal vor Mord zurück. Die Geschichte zeigt, dass derlei tatsächlich immer wieder geschieht. Aber war das auch bei Kaspar Hauser so? Man weiß es nicht.

    In Ansbach kann man immerhin seine Einschätzung mit einem Strich an der Wand kundtun.

    Markgrafen-Museum Ansbach

    In der Altstadt von Ansbach gelegen, erstreckt sich das Markgrafen-Museum über zwei historische Häuser. Verbunden sind sie durch den Wehrgang der mittelalterlichen Stadtmauer. Die Gebäude schließen auch einen Turm mit ein, der einen Blick über die Stadt ermöglicht.

    Der Mythos Kaspar Hauser nimmt breiten Raum in der Dauerausstellung ein. Hauser wohnte ab 1831 in der damaligen Residenzstadt, wo er 1833 starb. Zu sehen ist die Kleidung, die er beim Attentat trug, ebenso wie Zeichnungen aus der Hand Hausers und Briefe. Porträts und Texte beleuchten das Umfeld, in dem sich der Findling bewegte. Ein Raum ist der Wirkung des Mythos' in Film und Literatur gewidmet. Geplant ist demnächst eine Sonderausstellung mit weiteren Objekten zum Thema.

    Weitere Schwerpunkte des Museums sind Geschichte und Kultur der Stadt und des ehemaligen Fürstentums Brandenburg-Ansbach. Auch Naturgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte sind Themen. Unter anderem ist der beeindruckend große Kopf eines Fischsauriers zu sehen oder eine Katzenmumie aus dem alten Ägypten.

    Öffnungszeiten: Oktober bis April täglich außer montags 10–17 Uhr, Mai bis September täglich 10– 17 Uhr. Adresse: Kaspar-Hauser-Platz 1.

    Ein Spaziergang von etwa einer Viertelstunde führt vom Museum durch die Altstadt (mit viel historischer Bausubstanz) in den Hofgarten, zum Ort des mutmaßlichen Attentats, an dessen Folgen Kaspar Hauser starb.

    Sehenswert sind in Ansbach zudem die Gumbertuskirche mit Schwanenritterkapelle und die Residenz.

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