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    Schweinfurt

    "Keine Unterstützung": Raubkunstforscherin wirft in Schweinfurt hin

    Nach drei Jahren Raubkunstforschung ist Schluss: Kunsthistorikerin Sibylle Ehringhaus beklagt, dass das Museum Georg Schäfer keinerlei Konsequenzen aus ihren Befunden zieht.
    Sibylle Ehringhaus 2018 in der Bibliothek des Museums Georg Schäfer. Die Forscherin beendet zum Ende des Jahres ihre Tätigkeit in Schweinfurt. Foto: Anand Anders

    Drei Jahre lang hat Sibylle Ehringhaus erforscht, welche Bilder im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt als Raubkunst einzustufen sind. Nun hat sie eine Verlängerung ihres Vertrags abgelehnt. Aus ihren Befunden seien keinerlei Konsequenzen gezogen worden, kritisiert Ehringhaus. "Die aufklärende Aufgabe der Provenienzforschung hatte in Schweinfurt keine Unterstützung. Sie wollen meine Arbeit nicht", sagt sie.

    Ehringhaus hatte sich auf langwierige Ermittlungen eingestellt

    Die promovierte Kunsthistorikerin aus Berlin hatte von der Stadt Schweinfurt den Auftrag erhalten, zunächst die gut 20 Restitutionsforderungen gegen das Museum zu prüfen. Forderungen also, Werke an die Erben zurückzugeben, die im NS-Staat möglicherweise ihren jüdischen Eigentümern geraubt oder unter Zwang weit unter Wert abgekauft wurden.

    Der Bestand des Museums umfasst rund 1000 Gemälde und 5000 Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen – sie sind Eigentum und Dauerleihgabe der Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer-Stiftung an das im Jahr 2000 eröffnete Museum. Bauherr und Eigentümer des Hauses ist der Freistaat, Betreiber die Stadt. Nachdem Ehringhaus die Fälle der zurückgeforderten Bilder geprüft hatte, war als Fernziel vereinbart worden, die Herkunft aller Arbeiten zu klären. "Es ist zu erwarten, dass das ganze Spektrum der Verfolgung im Bestand sichtbar wird", hatte Ehringhaus im Oktober 2018 angedeutet und sich auf schwierige und langwierige Ermittlungen eingestellt. Doch damit ist nun erst einmal Schluss, der Vertrag endet am 31. Dezember.

    Die Frage etwaiger Rückgaben stellt sich der Stiftung nicht

    Georg Schäfer (1896-1975) hatte einen Großteil seiner Sammlung in der Nachkriegszeit über den Münchner Kunsthandel erworben. In einer Zeit, als etwa der Auktionator Adolf Weinmüller tätig war, der in der NS-Zeit maßgeblichen Anteil daran gehabt hatte, jüdische Kunsthändler vom Markt zu drängen. Oder Heinrich Hoffmann, ehemals Leibfotograf Adolf Hitlers, aus dessen Kunstsammlung Schäfer das Spitzweg-Bild "Disputierende Mönche" erwarb. Es ist auch bekannt, dass sich in Schweinfurt Gemälde aus der Sammlung des in Auschwitz ermordeten Kunstsammlers Max Silberberg befinden. Das Museum Georg Schäfer steht deshalb immer wieder im Fokus, wenn die Frage diskutiert wird, wie heute mit Raubkunst umzugehen sei.

    Die Frage etwaiger Rückgaben stellt sich der Stiftung nicht – die Washingtoner Erklärung von 1998, zu der sich etwa die Stadt Würzburg bekennt, gilt nicht für Privatsammlungen. Zudem, so die Position der Stiftung, dürfe laut Satzung das Stiftungsvermögen nicht geschmälert werden, und dieses bestehe eben zum Großteil aus den Bildern. In der Washingtoner Erklärung haben sich 44 Staaten und etliche Organisationen verpflichtet, Werke der Raubkunst zu identifizieren, Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und "gerechte und faire" Lösungen zu finden. 

    "Das, worum es eigentlich geht, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen, das ist in Schweinfurt noch nicht angekommen."
    Sibylle Ehringhaus, Provenienzforscherin

    Kritiker halten dagegen, dass der Wert von Bildern unter Raubkunstverdacht praktisch gleich Null ist. Außerdem hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im November 2018 Sanktionen für Privatmuseen angekündigt, die sich der Washingtoner Erklärung verweigern. Die historische und moralische Verantwortung für die Aufarbeitung des NS-Kunstraubes, so Grütters, liege nicht allein beim Staat.

    "Das, worum es eigentlich geht, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen, das ist in Schweinfurt noch nicht angekommen", sagt Ehringhaus. Auch wenn die Provenienzforscherin persönlich der Meinung ist, dass es keine Entschuldigung mehr gibt, in bestimmten Fällen die Rückgabe zu verweigern ("die Befunde liegen klar zutage"), so betont sie auch, dass dies immer die Entscheidung der Eigentümer bleibe. "Ich liefere nur die Grundlagen für eine Entscheidung." Aber Rückgaben seien nur ein Aspekt, das Thema sei viel umfassender. So hätten Museum oder Stadt mit Informationen an die Öffentlichkeit gehen können. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, was meine Befunde sind, sie bezahlt ja auch diese Arbeit."

    Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt Foto: Patty Varasano

    Andere Häuser seien weit offener mit dem Thema umgegangen, hätten Workshops und Ausstellungen zum Thema Provenienzforschung veranstaltet. Nicht so Schweinfurt. "Viele Museen haben Angst vor schlechter Presse. Aber die Erfahrung zeigt das Gegenteil: Die Presse ist weit schlechter, wenn Informationen zurückgehalten werden." Hinter manchen Werken steckten entsetzliche Verfolgungs- und Vertreibungsgeschichten. "Es ist nicht ein einziges Mal in Schweinfurt passiert, dass eine solche Geschichte emotional nachvollzogen wurde."

    Ehringhaus hält deshalb auch die Entscheidung für falsch, umstrittene Bilder nicht mehr auszustellen. "Ist es korrekt, ein belastetes Bild im Depot zu belassen? Ich finde nicht. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, dieses Bild zu sehen, selbstverständlich mit den entsprechenden Informationen dazu."

    "Frau Dr. Ehringhaus hat von Anfang an gewusst, dass es um eine Privatsammlung geht, die nicht dem Washingtoner Abkommen unterliegt."
    Wolf Eiermann, Leiter des Museums Georg Schäfer

    Dr. Wolf Eiermann, Leiter des Museums Georg Schäfer, ist in vielen Punkten anderer Meinung. "Ich möchte den Aufschrei der Presse hören, wenn wir Martha Liebermann ausstellen", sagt er. Eiermann meint das prominenteste belastete Bild der Sammlung: Max Liebermanns Porträt seiner Frau Martha im Lehnstuhl. Die Gestapo hatte das Bild 1943 nach Marthas Freitod mit dem Rest der Liebermann'schen Sammlung beschlagnahmt. Bislang gibt es keine Einigung mit den Liebermann-Erben.

    Das prominenteste belastete Bild der Sammlung: Max Liebermanns Porträt seiner Frau Martha im Lehnstuhl. Foto: Museum Georg Schäfer

    "Frau Dr. Ehringhaus hat von Anfang an gewusst, dass es um eine Privatsammlung geht, die nicht dem Washingtoner Abkommen unterliegt", sagt Eiermann. "Es ist sicherlich richtig, dass sie in vielen Punkten das nicht erbringen konnte, was sie sich vorgestellt hat." Für einen Workshop oder ein Kolloquium zum Thema Provenienzforschung fehle ihm das Personal: "Das ist etwas für Häuser mit 50, 60 Angestellten, ich aber habe sechs." In zwei Jahren will Eiermann aber im Rahmen einer Ausstellung mit Werken des Biedermeier-Malers Ferdinand Georg Waldmüller intensiv auf das Thema Provenienzforschung eingehen. "Wenn wir jetzt eine kleine Kabinettausstellung gemacht hätten, wäre niemand gekommen."

    "Wir gehen im Guten auseinander, aber wir beziehen in einigen Punkten andere Positionen", sagt der Museumsleiter und spricht von Kommunikationsproblemen und der weiten Anfahrt für die Forscherin: "Sie war in drei Jahren einmal im Monat für zwei Tage hier." Man werde deshalb für die Nachfolge eine Kraft aus der Region suchen. Dies aber frühestens in zwei Jahren, denn dann erst werde die elektronische Inventarisierung des Bestands in einer Datenbank abgeschlossen sein, unerlässliche Voraussetzung für effektive Forschung.

    Wolf Eiermann, Leiter des Schweinfurter Museums Georg Schäfer Foto: Martina Müller

    Sibylle Ehringhaus hält es für angeraten, die Biografie des Sammlers Georg Schäfer im historischen Kontext vor und nach 1945 zu erforschen. Nur so könne man verstehen, wie er zu seiner Sammlung kam. "Die Stunde Null war nicht Stunde Null", sagt sie und führt an, dass Schäfer ab 1966 Albert Speer nach dessen Haftentlassung unterstützte. "Das hat ja eine Vorgeschichte", sagt Ehringhaus. Speer war 1946 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. 

    Museumsleiter Wolf Eiermann fasst den Auftrag an die Provenienzforschung im Museum Georg Schäfer deutlich enger: "Wir wollen wissen: Woher kommen die Werke?"

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