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    BAD BRÜCKENAU

    Kissinger Sommer: Königsdisziplin im König-Ludwig-Saal

    Das Artemis Quartett Foto: Nikolaj Lund

    Während vor den heimischen TV-Geräten die Nation mit der deutschen Fußballmannschaft fieberte, erlebten die Zuhörer im König-Ludwig-I.-Saal in Bad Brückenau einen grandiosen Aufbruch in eine neue Klangsprache: Mit großer Energie bescherte das Artemis Quartett (Vineta Sareika und Anthea Kreston, Violine, Gregor Sigl, Viola, und Eckart Runge, Violoncello) dem Kissinger Sommer in der Königsdisziplin der Kammermusik einen großartigen Abend, der alles andere draußen vor der Tür verblassen ließ.

    Wie aus der sommerlichen Ruhe in Orkan entsteht

    Beethovens Streichquartett op. 18/3 begann biegsam und sommerlich. Als sich im Allegro ein Sturm zusammenbraute, die Stimmen über sich hinauswuchsen, der Orkan langsam abflaute und nur noch ein Halteton des Cellos verblieb, aus dem heraus sich das Stimmengeflecht entwickelte, zeigten die Vier ihr Vermögen: das Artemis Quartett verschreibt sich mit Haut und Haar dem überlieferten Text. Es legt Wärme und Kraft, Seele und Geist hinein, heraus kommt Musik, die den Hörer ergreift. Die Anweisung „Andante con moto“ setzten die Streicher mit inniger Bewegtheit um. Dass Geigen und Bratsche im Stehen spielen, unterstreicht die Grundauffassung: in Spannung und bewegt.

    In eine völlig andere Klangwelt entführte Béla Bartóks zweites Quartett . Sehr dicht liegen die Stimmen beieinander, jede singt ihr eigenes Lied, es entsteht eine farbenreiche Gemengelage. Und doch schafften es Sareika, Kreston, Sigl und Runge, dass jede Stimme präsent blieb. Sie wurden expressiv und wild und fingen sich wieder in fast süßlicher Zartheit. Sie ergaben sich der plötzlich aufblühenden Emotion, bevor es im langsamen Satz eher herb und verwunschen zuging.

    Dissonanzen, die heute keiner mehr als solche Empfindet

    Mit Mozarts „Dissonanzenquartett“ KV 465 kehrte das Artemis Quartett zurück zu den Anfängen. Das heutige Ohr hat sich an die zu Zeiten Mozarts ungebührliche Harmonik gewöhnt, heutzutage wäre sie keiner Erwähnung wert. So mochte man sich jetzt an einer wiegenden Pendelbewegung des Cellos erfreuen und die viel beschworene Leichtigkeit Mozarts genießen, besonders, wenn sie so duftig vorgetragen wurde.

    Mit Bachs Choral „Des Heil'gen Geistes reiche Gnad“ endete ein reicher Konzertabend, man möchte fast sagen: mit einem Amen.

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