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    Würzburg

    Kleist – als Spion in Würzburg?

    Heinrich von Kleist in einem Porträt aus dem Jahr 1801 von Peter Friedel. Foto: Staatsbibliothek Berlin/Preußischer Kulturbesitz, dpa

    Großspurig steigt Heinrich von Kleist am 9. September 1800 im vornehmsten Hotel von Würzburg ab. Er nennt sich Klingstedt und behauptet, Mathematikstudent zu sein, Sohn eines invaliden schwedischen Kapitäns von der Insel Rügen. Sein Freund Ludwig von Brockes, der ihn begleitet, nennt sich Bernhoff. Den beiden scheint schnell das Geld auszugehen. Nur eine Woche später ziehen sie aus dem „Fränkischen Hof“, wohl in der heutigen Theaterstraße gelegen, in ein Privatquartier am heutigen Schmalzmarkt 3. Kein Vergleich zu dem „prächtigen Gasthof“ (Kleist). Immerhin: „Wir haben das Eckzimmer mit 4 Fenstern von zwei Seiten“, notiert der angebliche Herr Klingstedt.

    Großartig geschrieben hat der am 10. oder 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geborene Adelsspross da noch nichts. Seine literarische Produktion wird erst im Jahr darauf beginnen. Doch er verfasst eifrig Briefe. Etwa 80 Briefseiten sind aus Kleists Würzburger Zeit überliefert, „so viel wie aus keiner Lebensphase“, schreibt Eberhard Siebert in „Heinrich von Kleist – Eine-Bildbiografie“ (2009). Über das Warum des nur zwei Monate dauernden Würzburg-Besuchs kann indes auch der ausgewiesene Kenner nur spekulieren. Der Dichter habe sich über den Zweck seines Aufenthalts stets nur „in Andeutungen“ geäußert.

    Der wichtigste Tag seines Lebens?

    Am 16. November 1800 schreibt Kleist an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, er stehe „vor dem wichtigsten Tage meines Lebens“. Und er verspricht, ebenfalls per Post, er werde ihr dereinst seine „dunklen Äußerungen“ erklären. Sollte er's getan haben – überliefert ist davon nichts.

    Wo viele Rätsel und wenige Fakten sind, wird spekuliert. Indizien gibt es, laut Siebert, „für jede“ der folgenden Hypothesen.

    Nummer eins: Kleist sei nach Würzburg gereist, um eine Vorhaut-Verengung (Phimose) behandeln zu lassen. Das briefliche Versprechen an die Verlobte bekäme dann einen unerwarteten Hintersinn . . .

    Nummer zwei: Kleist habe sich an der Universität auf ein akademisches Lehramt vorbereiten wollen. Oder, Nummer drei: Er habe um Aufnahme in eine Freimaurerloge gebeten.

    Es gibt auch die These, Kleist sei ein begeisterter Zocker gewesen und habe an einer mathematischen Strategie für Glücksspiel gearbeitet. Das könnte den plötzlichen Auszug aus dem teuren Gasthof erklären: Hatte er „an seinem wichtigsten Tag“ alles auf eine Karte gesetzt – und sein Geld verspielt?

    Der Dichter im Gefängnis

    Eberhard Siebert hält in seiner Biografie folgende Hypothese für wahrscheinlich: Der abenteuerlustige Noch-nicht-Dichter habe in Würzburg „Wirtschaftsspionage“ betrieben. Dabei sei es um „Spionage zugunsten der preußischen Textilindustrie“ gegangen. Indiz: Heinrich von Kleist schreibt am 25. November an Halbschwester Ulrike: „ . . . es kommt dabei hauptsächlich auf List und Verschmitztheit an. Die Inhaber ausländischer Fabriken führen keinen Kenner in das Innere ihrer Werkstatt.“

    Der angebliche Student aus Rügen soll auf der Jagd nach der Formel für das sogenannte Pickelgrün gewesen sein. Das hatte der Würzburger Chemiker Georg Pickel (1751 bis 1838) in den frühen 1780er Jahren erfunden. „Bei den Farben überschnitten sich die Würzburger Produktion und die Interessen der preußischen Gewerbeförderung“, argumentiert Siebert. Kleist habe sich auf geheime Mission begeben, um sich für einen Job im preußischen Manufaktur-Kollegium zu empfehlen.

    Sogenanntes Gefangenschaftsbild von Kleist. Gemalt vermutlich von einem Mithäftling im Jahr 1807. Foto: Patrick Pleul, dpa

    Später wird Kleist tatsächlich als vermeintlicher Spion verhaftet – was aber wohl nicht mit der Würzburg-Episode zusammenhängt. Ab Januar 1807 verbringt er einige Monate im Gefängnis, zunächst in einer Festung bei der französischen Stadt Pontarlier unweit der Schweizer Grenze, dann im Kriegsgefangenenlager Châlons-sur-Marne.

    So zurückhaltend er bei Äußerungen über den Zweck seines Würzburg-Aufenthalts ist, so deutlich wird der junge Mann, wenn er die Stadt beschreibt. Bei der Straßenplanung sieht Kleist „regellosesten Zufall“ am Werk. Die Abteikirche von Ebrach gefällt ihm besser als alle Würzburger Gotteshäuser. Für die einzige Leihbibliothek der Stadt – seinerzeit im Bronnbacher Hof – hat der Literaturfreund nur Spott übrig.

    Rittergeschichten mit und ohne Gespenst

    In einem Brief an die Verlobte (14. September 1800) schildert er einen Büchereibesuch in Dialogen zwischen ihm und dem Bibliothekar: Schiller, Goethe, Wieland hätte er gerne geliehen, sagt Kleist. „Die möchten hier schwerlich zu finden sein“, ist die Antwort. Kleist, verwundert: Seien denn alle Werke dieser Geistesgrößen ausgeliehen? – Aber nein, derartiges führe man gar nicht, weil's der Würzburger nicht lesen mag. – Was der denn dann lese? Der Bibliothekar deutet in die Regale: „Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben.“

    Beeindruckt hat den angehenden Dichter womöglich ein Besuch im Juliusspital. Er könnte Einfluss auf die Schilderung des Irrenhauses in seiner Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ (1810) gehabt haben. Doch auch das ist Spekulation.

    Was immer Heinrich von Kleist nach Würzburg trieb: Die Mission war wohl kein Erfolg. Er bringt nur Schulden nach Hause. Die Verlobung mit Wilhelmine platzt. Biograf Siebert sieht den jungen Mann in einer Lebenskrise, die durch die Lektüre der Werke von Immanuel Kant noch verschärft wird. Kleist versteht den Philosophen so, dass der Mensch von der Wahrheit getrennt lebt. Ist also das ganze Leben nur Einbildung? Ist alles Lüge? Ein Grund, für den hochsensiblen Dichter, nicht mehr in dieser Welt leben zu wollen?

    Kleists Werke sind heute Klassiker. Zu Lebzeiten des Dichters fanden sie kaum Resonanz. Im Bild eine  Szene aus „Prinz Friedrich von Homburg“ am Würzburger Mainfranken Theater aus der abgelaufenen Spielzeit. Foto: Thomas Obermeier

    Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist – mit deren Einverständnis – die krebskranke Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst. 34 Jahre alt war er da und hatte, nach konventionellen Maßstäben, ein nicht sehr erfolgreiches Leben hinter sich, denn: Mögen Dramen wie „Der zerbrochne Krug“, „Das Käthchen von Heilbronn“ oder „Prinz Friedrich von Homburg“ (zuletzt am Mainfranken Theater) heute auch zu den bekanntesten Bühnenwerken gehören – bei seinen Zeitgenossen stieß der Dichter nur auf schwache Resonanz.

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