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    Würzburg

    Kultur-Höhepunkte: Das Beste aus 2018

    Michael Bauer, Sportredakteur, schätzte auch 2018 die kulturelle Abwechslung.

    Buch
    Nova Meierhenrich, Wenn Liebe nicht reicht: Ein Buch einer Moderatorin? Ja! In ihrem Debüt (Edel Books) widmet sich die 45-Jährige dem Thema Depressionen, beschreibt den Krankheitsverlauf ihres Vaters bis zu seinem Freitod, aber auch die Co-Depression der Familie in einen Strudel aus Verzweiflung, Trauer und Schuldgefühlen. Ein Zeichen gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit.

    Musik
    Harakiri for the Sky, Arson: Es empfiehlt sich, sich zum vierten Album von Harakiri for the Sky (Aop Records) warm anzuziehen. Eisige Atmosphäre zieht sich durch sieben Songs zwischen Melancholie und Depression. Bei den Wienern trifft das Schaurig-Schöne des Post-Rocks auf die Aggressivität des Black Metal, der verzerrte Gesang lässt das Blut in den Adern gefrieren.

    Bühne
    Falco – das Musical: Zum 20. Todestag Falcos geht das Musical auf Tour, macht im Würzburger CCW Station. Ein Wander-Musical? Die Ausstattung ist gerne lumpig, hier aber kein Hindernis. Hauptdarsteller Alexander Kerbst schenkt seinem Falco diesen kreativen Wahnsinn, der dem Wiener zu Ruhm verhalf und ihn in den Tod trieb. Ein Stück über die Sehnsucht nach dem Sterben.

    Konzert
    Solstafir: Wer auf einem Open Air auf der kleinen Bühne oder nach Mitternacht spielt, braucht eine Fan-Base, damit es nicht einsam wird. Die haben Islands Post-Rocker Solstafir, beweisen es in Wacken und auf dem Summer Breeze. Melancholisch-verträumte Atmosphäre im Metal-Umfeld, verzerrte Gitarren, wunderschöne Mid-Tempo-Melodien und violettes Licht berühren die Seele.

    Kulturmensch
    Helene Fischer: Die Bewertung ihrer Musik muss keine Rolle spielen. Die 34-Jährige, der man ihre gute Stimme nicht absprechen sollte, schafft es, ein breites Publikum exzellent zu unterhalten. Hinter ihrem Erfolg steht akribische Arbeit. Ihre Konzerte, wie im Sommer in Nürnberg, sind bis ins Detail ausgeklügelt. Ausdruck mag darunter leiden, aber Perfektion ist auch ein Qualitätsmerkmal.

    Christine Jeske, Reporterin in der Regionalredaktion, liebt Geschichte und Geschichten.

    Buch 
    Philippe Sands, Rückkehr nach Lemberg: Der britische Jurist taucht tief in Familiengeheimnisse seiner galizisch-jüdischen Vorfahren ein. Doch nicht nur. Sands verknüpft in seinem Buch (S. Fischer) das Leben seiner Großeltern mit Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin und deren juristischen Basisarbeit zu Menschenrechten und Völkermord. Spannende Zeitgeschichte.

    Bühne
    Wei Zhang, Lesung im Würzburger Falkenhaus: Die während der Kulturevolution in der VR China geborene Autorin stellte auf einer kleinen Bühne – in der Würzburger Stadtbücherei – mit großer Wirkung ihr Buch „Eine Mango für Mao“ (Salis) vor. Ihrer Lebendigkeit kann sich keiner entziehen. Faszinierend, ihr zuzuhören – und ihre Geschichte, die in China 1968 spielt, zu lesen.

    Konzert
    Meute, Hafensommer: Das elfköpfige, in Hamburg gegründete Blasorchester kommt als Spielmannszug daher, nennt sich „Meute“ und hat die Meute im Griff, egal wo es auftritt. Die Marching Band bietet eine unwiderstehliche Interpretation von Techno-, Reggae oder Hip-Hop-Klassikern und sorgte damit auch beim Würzburger Hafensommer für Furore.

    Ausstellung
    Herkunft und Verdacht, Kulturspeicher Würzburg: Die Ausstellung ( verlängert bis 14. April) präsentiert Geschichten von Kunstwerken, lüftet deren Herkunft und stellt Ergebnisse der seit drei Jahren am Museum laufenden Provenienzforschung vor. Sie erinnert auf diese Weise auch an die einstigen Besitzer, denen die Bilder „NS-verfolgungsbedingt entzogen“ wurden.

    Kulturmensch
    Edmund de Waal hielt Ende November einen Vortrag im Haus der Kulturen in Berlin. Er erzählte auf der Konferenz anlässlich „20 Jahre Washingtoner Prinzipien“ nicht nur vom Hasen mit den Bernsteinaugen; das Buch machte den britischen Keramiker auch als Autor bekannt. Er sprach davon, wie er mit seiner Kunst seine jüdische Familie, die Ephrussis, wieder in Wien verankert.

    Alice Natter, Redakteurin fürs Wochenende, fand dieses Jahr leider kein gutes Buch

    Musik
    Meute, Tumult: Jaja, stimmt schon, die Platte ist Ende 2017 erschienen. Aber wenn man sie halt erst 2018 entdeckt (-> Konzert). Dass man mit einem Spielmannszug Technoklassiker spielen kann, und dann noch gut?!? Und dass das Ganze nicht nur live, sondern auch auf Platte funktioniert? Wuchtig, akribisch, organisch. Als wäre elektronische Musik einzig für Blaskapelle gemacht.

    Bühne
    Bodo Wartke, Antigone: „Draußen vor der Tür“ im Mainfranken Theater: stark. „Der Besuch der Alten Dame“ ebenda: sehens- und vor allem hörenswert, dank der Klangkünste von Percussionist Tobias Schirmer. Doch dann, kurz vor Jahresschluss, dieses Gastspiel: Die (Musik-)Kabarettisten Bodo Wartke und Melanie Haupt wuppen Sophokles' antike Tragödie zu zweit. Verflucht gut.

    Konzert
    Meute, Hafensommer: Asaf Avidan und diese alles durchdringende Stimme, die man nicht vergisst . . . extrem, intensiv, außergewöhnlich. Würde das Konzert des Jahres werden, so viel war am 1. August am Hafenbecken sicher. Dann aber kam vier Tage später die Elf-Mann-Meute aus Hamburg. Eine Blaskapelle macht Techno? Lief den Rest des Jahres dann auch zuhause (-> Musik).

    Ausstellung
    Stelen auf der Landesgartenschau: Sorry, aber das war ein Draußen-Jahr. Viel zu lange viel zu oft viel zu schönes Wetter und viel zu viel Sonnenschein für Museumsbesuche oder einen längeren Aufenthalt irgendwo drinnen. Deshalb die beste Ausstellung: die Info-Stelen zur Geschichte des Geländes am Würzburger Hubland. Spannende Historie, schön vermittelt.

    Kulturmensch(en)
    Die Gärtner auf der Landesgartenschau, weil es da doch geblüht hat. Und weil auch Gärtnern Kultur ist.
    Benedikt Faust, weil es der Sternekoch tatsächlich schafft, trotz widriger logistischer Bedingungen beim Mozartfest in der Residenz Kochkultur aufs Feinste zu präsentieren.
    Norbert Böll, weil seit 40 Jahren in seinem Theater Spielberg das Krokodil Tränen lacht.

    Siggi Seuß, Theater- und Literaturkritiker, staunt immer wieder über kulturelle Blüten

    Buch
    Robert Macfarlane, Die verlorenen Wörter: Ein zauberhaft poetisches Buch mit atemberaubenden Naturbildern von Jackie Morris (Matthes&Seitz). Wie eine spannende Forschungsreise durch Wälder und Wiesen, durch Wasser und Lüfte, bei der wir zuerst verlorene Wörter, dann verlorene Wesen und schließlich unsere verlorene Fantasie wiederentdecken.

    Bühne
    Supertgue Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone, Unterfränkische Landesbühne Theater Schloss Maßbach: Christian Schidlowsky zaubert in der Theaterfassung des Romans von Mark Haddon einen überraschenden Reigen an Einfällen auf die Bühne des Maßbacher Theaters. Und das exzellente Ensemble um Hauptdarsteller Benjamin Jorns bringt die freien Fantasien der Zuschauer zum Fliegen.

    Konzert
    Menahem Pressler, der älteste Konzertpianist der Welt, beim Kissinger Sommer in diesem Jahr – ein unvergessliches Ereignis. Der 94-Jährige interpretierte eine Fantasie des 29-jährigen Mozart als versöhne er Trost und Tragik der Generationen quer durch die Jahrhunderte. Als verschwände er gänzlich in seiner Kunst, um uns selbst den Weg zur Musik finden zu lassen.

    Ausstellung
    RaumGestalten im Kloster Wechterswinkel im Rahmen der Triennale Fokus Franken: Arbeiten der Bischofsheimer Holzbildhauerschule ab der Ära Philipp Mendler (1973-1981). Kunstwerke jeglicher Provenienz ließen in stillen Ausstellungsstunden Blut, Schweiß, Tränen und Leidenschaften erahnen, unter denen sie im Rhöner Künstler-Refugium erschaffen wurden.

    Kulturmensch
    Anna Schindlbeck: In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich schon einige junge Akteurinnen über die Bühnen schreiten sehen, selten jedoch eine so wandelbare wie die Maßbacher Schauspielerin. Ob Räubertochter oder Ehefrau, ob Schuldirektorin oder lädierte Tänzerin – Anna Schindlbeck verkörpert ihre Rollen so empathisch, dass ich flugs vergesse, wo ich bin: Im Theater.

    Joachim Fildhaut, freier Feuilletonist, liest eifrig Romane und bloggt ab und an

    Buch
    Virgienie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex: In diesem unangestrengten Zeitbild aus dem Paris der Gegenwart sind sogar Pornostars ganz normale Zeitgenossinnen, was für die Charakterzeichnungskunst Despentes' spricht. Jeder der drei Bände hat seine eigene Komposition aus Perspektivenwechseln und Handlungsführung – ist also auch formal spannend.

    Musik
    Rayka Wehner, Pictures Behind: Die Nürnberger Jazzsängerin improvisiert zum eigenen Klavier über einige romantische und etwas balkanisierende kleine Melodien. Vor allem musiziert sie, selbst in dichteren Momenten mit Sax- oder Violinbegleitung, die Stille mit! Man könnte die CD als Hintergrundmusik laufen lassen. Muss aber immer hinhören.

    Bühne
    Theater Ensemble, Faust 1: Die Würzburger Privatbühne kann mit Freiheit umgehen. Drei Schauspielerinnen wollten Gretchen sein. Regisseur Andreas Büettner ließ sie als dreigespaltene Persönlichkeit gleichzeitig auftreten. Mephisto kam ebenfalls gedoppelt, bis der männliche Teil zum jungen Faustus wurde. Das Dolle dran: Das alles funktionierte. Irritierte auch. Aber das soll Theater ja.

    Konzert
    Thomas Siffling Flow: Das Quintett spielte heuer beim Würzburger Jazzfestival die knackigen Sphärenklänge, die vielen deutschen Krautrockern in den 1970ern vorschwebten, die sie damals aber mangels Instrumentenbeherrschung nicht hinkriegten. Die Trompete des Bandleaders beamte in Würzburg das Ereignis in die Umlaufbahn des Fixsterns Miles Davis.

    Kulturmensch
    Jürgen Königer: Zehn Jahre machte er den Würzburger Hafensommer völlig allein. Seine Auswahl war so experimentell wie die Musiker seines früheren Labels, die er oft auch zu Konzerten an den Main lud. Seine Connections machten den Hafensommer bis vor zwei Jahren zum Nachklang einer hochstehenden Subkultur. Heuer war deren Verlust besonders bitter.

    Mathias Wiedemann, Kulturredakteur, ist ganz zufrieden mit dem Kulturjahr 2018

    Buch
    Elisabeth George, Wer Strafe verdient: Der neue Inspektor-Lynley-Roman (Goldmann). Zugegeben, keine große Literatur, aber nach dem ein oder anderen schwächeren Band wieder spannende Unterhaltung. Das Ermittlergespann Havers und Lynley läuft zu neuer Form auf und legt sich mit einem Polizeiapparat an, der Unerwünschtes allzu gerne einfach vertuscht.

    Musik
    The Fearless Flyers: Eine EP (über iTunes) mit sechs Songs der Instrumentalisten der Funkband Vulfpeck. Ultratrockene, ultrapräzise Rhythmen mit Schlagzeug, Tamburin, Bass und Gitarren. Kein Gesang, keine Soli, nur unwiderstehlicher Groove. Reicht für 20 Minuten strammen Schritts, zum Beispiel durch die Stadt. Gute Laune bei Ankunft garantiert.

    Bühne
    La Bohème: Der Puccini-Hit am Mainfranken Theater Würzburg wird in der Inszenierung von Martina Veh zur Lebenschronik seiner Helden. Wir begleiten Mimi und Rodolfo, Musetta und Marcella von der Studentenbude bis ins Altersheim und erleben mehrere Rollendebüts eines jungen Ensembles, das in seiner Homogenität eine der Attraktionen dieses Theaters ist.

    Ausstellung
    Egon Schiele im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (verlängert bis 13. Januar). Für ein Haus, das ursprünglich nur aus der eigenen Sammlung schöpfen sollte, ist hier seit einigen Jahren ziemlich viel Spannendes zu Gast. Derzeit also unter dem Titel „Freiheit des Ich“ der vielfach unterschätzte Posterboy als Selbsterkunder und kompromissloser Symbolist.

    Kulturmensch
    Andreas Schager: Der energiegeladene österreichische Tenor sang dieses Jahr den Parsifal in Berlin und Bayreuth, den Tristan in Berlin, Bayreuth (als umjubelter Einspringer) und Paris – in höchst unterschiedlichen Inszenierungen wohlgemerkt, die jedes Mal wirkten, als seien sie ganz auf ihn zugeschnitten. Für mich der derzeit aufregendste Wagner-Held.

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