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    WECHTERSWINKEL

    Kunst geht fremd: Zwischen Krieg und Liebe

    Otto von Botenlauben vertraut einem Boten sein Lied an. Foto: Stadtarchiv Bad Kissingen

    Ein Hansdampf in allen Gassen scheint er gewesen zu sein, ehrgeizig, reisefreudig und liederlustig: Der Minnesänger Otto von Botenlauben, wohl 1177 als Otto von Henneberg geboren, nahm am Italienzug Kaiser Heinrichs VI. teil, machte als Kreuzfahrer im Königreich Jerusalem Karriere und kehrte schließlich nach Deutschland zurück, um erneut am kaiserlichen Hof aufzutreten. Um 1206 bezog er die großzügig ausgestattete Burg Botenlauben oberhalb Bad Kissingens, eine heute viel besuchte und für Festspiele genutzte Ruine, und nahm deren Namen an.

    Im Zuge der unterfränkischen Kunsttauschaktion „Kunst geht fremd . . . und macht schön“ präsentiert das ehemalige Kloster Wechterswinkel bei Bad Neustadt bis 6. November einen kolorierten Miniatur-Druck mit der Darstellung des berühmten Minnesängers. Der Druck stammt aus wesentlich neuerer Zeit und ist eigentlich im Museum Obere Saline Bad Kissingen zu Hause.

    Die idealisierte, also geschönte Darstellung Otto von Botenlaubens in sattem Blau, Rot und Grün ist Bestandteil eines 1845 von Ludwig Bechstein in Leipzig bearbeiteten und herausgegebenen Papierbandes mit Urkundenbuch und Abbildungen („Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben“).

    Die berühmte Liederhandschrift

    Die Vorlage zur gezeigten Miniatur lieferte einst die Schweinfurter Malerin Catharina Sattler nach dem Vorbild einer Zeichnung im sogenannten „Codex Manesse“. Dieser Kodex, die wohl umfangreichste und berühmteste deutsche Liederhandschrift des Mittelalters, präsentiert auf 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern dichterische Werke in mittelhochdeutscher Sprache, darunter auch solche Otto von Botenlaubens. Weitere Lieder von ihm finden sich zum Beispiel in den „Carmina Burana“, insgesamt sind jedoch kaum mehr als zehn überliefert. Der Kodex gilt noch immer als nahezu einzige Quelle für den nachklassischen Minnesang. Der Grundstock der Manessischen Handschrift wurde um 1300 in Zürich hergestellt, bis 1340 kamen mehrere Ergänzungen hinzu. Die insgesamt 138 Miniaturbilder sind den jeweiligen Lied-Dichtern als Porträt zugeordnet und zeigen sie in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten.

    Auch wenn die seit 2011 allsommerlich stattfindende „Kunst geht fremd“-Aktion Kunstobjekte in fremder, ja irritierender Umgebung präsentieren und so in neuem Licht darstellen möchte, fügt sich der kleine Farbdruck thematisch knitterfrei in die Ausstellung unterm Wechterswinkler Klosterdach ein. Es muss ja nicht immer knirschen im Getriebe. Hier, im zweiten Obergeschoss mit Ausblick auf die umliegenden Wälder der Vorrhön, informieren zahlreiche Infosäulen über die Geschichte des ehemaligen Frauenklosters, das vermutlich 1134 von unbekannten Stiftern ins Leben gerufen wurde.

    Und mittendrin – auf einem prominent platzierten Altar im typischen „Kunst geht fremd“-Türkis – liegt gut beleuchtet das Bildnis Otto von Botenlaubens aus, der seine letzten Lebensjahre in frommer Zurückgezogenheit verbrachte und im Jahr 1231, zusammen mit seiner Frau Beatrix, ebenfalls ein Frauenkloster gründete: das Zisterzienserinnen-Kloster Frauenroth im Landkreis Bad Kissingen. Während die Abtei Wechterswinkel, einst drittreichstes Kloster im Bistum Würzburg, im Bauern- und Markgräflerkrieg des 16. Jahrhunderts mehrmals geplündert wurde und – durch Nachwuchsprobleme zusätzlich geschwächt – im Jahr 1574 seinen Betrieb einstellte, fiel Frauenroth dem Dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des 17.

    Jahrhunderts zum Opfer. Erhalten ist nur das Mittelschiff der Klosterkirche, wo Otto von Botenlaubens prächtiger gotischer Grabstein bis heute zugänglich ist. Der Minnesänger starb im Jahr 1245, seine Frau Beatrix die ihn einige Zeit überlebte, liegt neben ihm begraben.

    Ein Bruch oder zumindest inhaltlicher Kontrast ergibt sich in Wechterswinkel vielleicht aus der Gegenüberstellung von Mittelalterlichem und zeitgenössischer Kunst. Nach langer Nutzung als Getreidespeicher dient die ehemalige Abtei seit 2008 als regionales Kultur- und Veranstaltungszentrum, das unter Federführung der Kulturagentur Rhön-Grabfeld Lesungen, Theater und Konzerte in Festsaal und Klosterkirche ausrichtet und regelmäßig zeitgenössische Kunst, vor allem Bildhauerei, präsentiert. Bis 27. November stellt die in Bad Kissingen geborene Objektkünstlerin Monika Linhard im Hauptbau eine beeindruckende Fotoserie sowie Collagen aus leuchtend grünen und blauen Plastiktüten aus. Der Innenhof des historischen Gebäudeensembles, um das sich eine Siedlung von nicht mehr als 200 Menschen schmiegt, wird immer wieder für Märkte und andere Open-Air-Veranstaltungen genutzt.

    Kunst geht fremd

    Zwölf Museen beteiligen sich dieses Jahr an den künstlerischen Seitensprüngen, die bis 6. November ausgewählte Objekte kreuz und quer durch Unterfranken reisen lassen. Unter dem Motto „Kunst geht fremd … und macht schön“ verlassen zwölf Kunstwerke ihr angestammtes Museum, um sich ein neues, temporäres Zuhause zu suchen. In ungewohnter Umgebung sollen sie ihre Betrachter für ein paar Monate irritieren, provozieren und zu intensiverem Sehen anregen: Was ist Schönheit? In unserer Sommerserie stellen wir jedes der zwölf Kunstwerke vor.

    Eine Broschüre führt durch die diesjährigen Seitensprünge, angenehm schmal und dünn und somit geeignet für jede Hand- und Jackentasche. Auf den letzten Seiten findet sich eine Liste aller Museen mit Öffnungszeiten, Adressen und Telefonnummern, begleitenden Veranstaltungen und eine Unterfrankenkarte mit allen teilnehmenden Ortschaften. Homepage zur Aktion: www.kunst-geht-fremd.de

    Das Kloster Wechterswinkel, ein idyllisch im nördlichsten Unterfranken gelegenes Kreiskulturzentrum, legt seinen Schwerpunkt auf zeitgenössische Bildhauerei, bietet aber auch ganzjährig Konzerte, Theaterabende und Lesungen an. Wechterswinkel ist ein Ortsteil von Bastheim. Öffnungszeiten des ehemaligen Klosters: Mittwoch bis Sonntag, Feiertage 13–17 Uhr Tel. (0 97 73) 89 72 62. Internet: www.kloster-wechterswinkel-kultur.de

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