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    Regensburg

    Landesausstellung: 100 Geschichten aus 1000 Jahren

    Letzte Polierung: Der barocke Silberaltar aus dem Jahr 1629 mit dem sogenannten Freisinger Lukasbild in der Bayerischen Landesausstellung. Foto: Armin Weigel, dpa

    Ja, ein Herzogsschwert des Bischofs von Würzburg ist auch zu sehen. Allerdings nicht das umkämpfte Fränkische Herzogssschwert aus dem 15. Jahrhundert, das nach der Säkularisation 1803 in der Schatzkammer der Wittelsbacher in München verschwand und hierzulande seit den 1950er Jahren zum Symbol einer gefühlten oder tatsächlichen Benachteiligung Frankes durch Bayern wurde – entsprechende Rückgabeforderungen aus Würzburg inklusive. Sondern ein älteres, deutlich weniger prunkvolles Exemplar, hergestellt um 1300, gefunden 1965 als Grabbeigabe im Steinsarg des Bischofs Gerhard von Schwarzburg, der von 1372 bis  1400 das Hochstift Würzburg regierte.

    Erstaunlich gut erhalten: Stiefel der „Frau von Peiting“, einer Moorleiche aus dem 14. Jahrhundert. Sie sind eine Leihgabe der Archäologischen Staatssammlung München. Foto: Manfred Eberlein

    Das Schwert ist einer von 100 Schätzen der soeben eröffneten Landesausstellung "100 Schätze aus 1000 Jahren" im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Und es ist ein gutes Beispiel für das Konzept der Ausstellung: Unter Schätzen versteht das Team um Projektleiter Rainhard Riepertinger nicht in erster Linie wertvolle Gegenstände aus Gold oder Edelsteinen, obwohl es deren auch einige zu sehen gibt, wie etwa das Niederaltaicher Evangeliar mit seinem Prunkeinband aus dem 15. Jahrhundert oder ein atemberaubend reich verziertes Schreibkabinett aus dem 18. Jahrhundert.

    Es geht immer um Objekte, die eine Geschichte erzählen (können). Die das Werden der Region von der Spätantike bis zur Entstehung des Königreichs Bayern von Napoleons Gnaden illustrieren – in politischer wie in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

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    Mit dieser epochenübergreifenden Landesausstellung gerade mal ein Vierteljahr nach der Eröffnung des Museums kommt das Haus der Bayerischen Geschichte, wenn man so will, denen entgegen, die ein bayerisches Nationalmuseum "mit langem Ansatz" gefordert hatten, also eine Dauerausstellung, die beim ersten Agilolfinger-Herzog Garibald um das Jahr 550 einsetzen sollte.

    Leihgabe aus dem Museum für Franken: Tilman Riemenschneider, Hl. Nikolaus, Würzburg um 1510. Foto: Mathias Wiedemann

    Dafür, so Direktor Richard Loibl, hätte man aus all den anderen bayerischen Museen aber nie die Exponate zusammenbekommen. Und so setzt die Dauerausstellung bei Napoleon ein. Für die aktuelle, zeitlich begrenzte Landesausstellung allerdings konnte das Haus etliche bedeutende Leihgaben an Land ziehen.

    Den heiligen Nikolaus von Tilman Riemenschneider aus Würzburg etwa, der extrem selten auf Reisen gehen darf und der in Regensburg deutlich auratischer präsentiert wird als daheim. Oder den Prunkpokal, den die protestantische freie Reichsstadt Nürnberg 1632 dem Schwedenkönig Gustav Adolf schenkte, und dessen leihweise Rückkehr nach Bayern der aktuelle König Carl XVI. Gustaf persönlich genehmigen musste.

    Das Schwert aus dem Würzburger Domschatz erzählt die Geschichte eines wehrhaften, mittelalterlichen Kirchenfürsten, der wohl vor allem Machtpolitiker war. Der im ständigen Clinch mit den Städten des Hochstifts lag und deren Streben nach Selbständigkeit in Form der Reichsfreiheit mit seinem Sieg über die Würzburger Truppen in der Schlacht von Bergtheim am 11. Januar 1400 endgültig zunichte machte. 

    100 Objekte erzählen 100 Geschichten aus über 1000 Jahren

    100 Geschichten aus über 1000 Jahren also. Von der Zeit um 600 bis ins Jahr 1812, in dem das jüngste Objekt entstand: ein Gemälde  von Constant Bourgeois Du Castelet und Jean-Baptiste Debret. Es zeigt Kaiser Napoleon, wie er 1806 vor dem Aschaffenburger Schloss Johannesburg von einem unterwürfigen Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg begrüßt wird. Napoleon ist mit seinen Truppen Richtung Preußen unterwegs, wo er seinen großen Sieg bei Jena und Auerstedt erringen wird.

    Tastbare Erklärungstafel zum Gemälde "Napoleon trifft Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg" aus dem Jahr 1812 Foto: Mathias Wiedemann

    Es ist ein Propaganda-Gemälde, gemalt in Diensten des Eroberers und Diktators Napoleon – groß, prachtvoll, beeindruckend. Für die weniger prachtvolle Seite der napoleonischen Zeit um 1800 mit Kriegen, Wirtschaftskrisen, Hungersnöten steht direkt daneben ein vollkommen unscheinbares Objekt: der Zettel zum Findelkind Joseph Fletz aus dem Jahr 1808.

    In der Ausstellung liegen Glanz und Elend oft direkt nebeneinander

    Besonders ledige, mittellose Mütter wussten sich oft nicht anders zu helfen, als ihre Neugeborenen auszusetzen – auf der Schwelle barmherziger Mitbürger oder einer Pfarrgemeinde. Mitunter legten sie Zettel bei, mit Angaben zu Namen oder Taufe des Kindes, in diesem Falle mit einem anrührenden Appell: "Ich bitte ihnen, erbarm sie sich doch nur das arme Kind, dan ich bin ein armes Mädchen." Ihren Nachnamen bekamen die Findelkinder üblicherweise nach dem Fundort. Der kleine Joseph hieß also fortan Fletz, nach einem süddeutschen Ausdruck für Hausflur. Auch ein verbreiteter Nachname wie Stiegler hat in dieser Praxis seinen Ursprung.

    Wein für alle: schwedischer Wappenlöwe, 1649. Aus den Rohren in seinem Maul floss Wein, den sich das Volk gratis in Bottichen abfüllen konnte. Foto: Philipp Mansmann, München

    So liegen in der Ausstellung Glanz und Elend oft direkt nebeneinander. Oder Kunstvolles und Praktisches. Oder Ernstes und Kurioses. Wie der große hölzerne Löwe aus Nürnberg aus dem Jahr 1649. Wer genau hinschaut, entdeckt zwei Rohr-Enden in seinem Maul.

    Aus diesen sprudelte einst (Frei-)Wein fürs gemeine Volk. In der Reichsstadt tagten am 25. September nämlich noch einmal alle sieben Kriegsparteien des soeben beendeten 30-jährigen Krieges, um den Frieden endgültig unter Dach und Fach zu bringen. Und während die ehemaligen Todfeinde ihren Erfolg mit einem Prunk- und Schau-Essen feierten, kam draußen der Wein spendende Löwe zum Einsatz.

    Eines der Prunkobjekte: Niederaltaicher Evangeliar, 1030–1040, Prunkeinband von 1496.  Foto: Bayerische Staatsbibliothek

    Man kann diese 1000 Jahre im Zeitraffer durchqueren, man kann sich aber auch in all die Geschichten vertiefen, die in kurzen Texten an den Vitrinen und ausführlicher im Katalog erzählt sind. Oder an den – gelegentlich auch inklusiven – Medienstationen Details zu den Objekten selbst oder der Geschichte ihrer Erforschung erkunden. So lassen moderne Analysemethoden verblüffende Einblicke in die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten etwa des Mannes und der Frau aus dem frühen 6. Jahrhundert zu, deren Skelette den Anfang der Ausstellung bilden.

    Und wem das immer noch zu unpersönlich ist, der kann den Ausführungen eines der "Gesichter der Zeit" lauschen. Ein solches gibt es für jede der zehn Abteilungen. Per Beamer melden sich da etwa eine Bajuwarin, ein Tempelritter, ein Dorfpfarrer, ein Kaufmann oder  eine Täuferin zu Wort.

    100 Schätze aus 1000 Jahren – Bayerische Landesausstellung 2019/2020, Museum der Bayerischen Geschichte, Regensburg. Bis 8. März 2020. Öffnungszeiten: täglich außer Montag, 9 bis 18 Uhr. Fällt ein Feiertag auf einen Montag, ist das Haus geöffnet. Der Katalog kostet 24 Euro.

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