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    ENTENHAUSEN

    Macht Geld glücklich?

    Eigentlich kein Bad in Geld, sondern ein Bad in Erinnerungen. Da kann Dagobert Duck selig schlummern.Fotos: (c) 2017 Disney & Egmont Ehapa Media

    Für Charles Dickens ist die Sache klar. Geld verdirbt den Charakter, Geld macht unglücklich. Sein Ebenezer Scrooge ist reich. Aber er tut mit seinem Geld nichts Gutes – nicht seinen Mitmenschen und nicht sich selbst. Er ist ein miesepetriger Menschenfeind. Und er hasst Weihnachten. Zum Beispiel, weil er da immer um Spenden angegangen wird. Für Carl Barks ist die Sache klar. Geld verdirbt den Charakter, Geld macht unglücklich. Sein Scrooge McDuck ist reich. Aber er tut mit seinem Geld und so weiter . . .

    Die Parallelen zwischen der 1843 erschienenen „Weihnachtsgeschichte“ (original „A Christmas Carol“) des englischen Literaten und der im Dezember 1947 veröffentlichten Sprechblasen-Geschichte „Die Mutprobe“ (original: „Christmas on Bear Mountain“) des amerikanischen Comic-Autors gibt es wirklich. Und sie sind nicht zufällig.

    Der legendäre Disney-Zeichner Carl Barks (1901 bis 2000) hat die erste Geschichte, in der er Scrooge McDuck auftreten lässt, tatsächlich locker nach Dickens'-Vorbild geschneidert. Da ist noch mehr als nur die Namensgleichheit: Wie Ebenezer Scrooge in „A Christmas Carol“ ist McDuck anfangs ein Weihnachtsmuffel.

    Und wie bei Dickens sitzt die Barks-Version von Scrooge am Ende beim Weihnachtsessen mit dem Neffen (Donald Duck) und anderen Verwandten. Dazwischen geht's in beiden Geschichten rund: Charles Dickens bekehrt seinen Geizhals, indem er ihm drei Gespenster schickt. Bei Carl Barks sorgen eine Bärin und ihr Junges für Turbulenzen und letztlich für die Freude am Weihnachtsfest.

    Kritik am Frühkapitalismus

    Dickens' deutliche Kritik am Kapitalismus fehlt bei Barks. Aber auch bei ihm wird klar, dass das Anhäufen von Geld nicht generell glücklich macht.

    In Deutschland heißt Scrooge McDuck Dagobert Duck. Das ist ein bisschen schade, weil es die Parallele zur Literatur überdeckt. Aber Dagobert-Scrooge hat sich in den 70 Jahren seiner Existenz ja auch wegentwickelt vom Menschenfeind, der mit zusammengebissenen Zähnen knurrt: „Ich kann niemand leiden und mich kann auch niemand leiden.“ Schon bei Carl Barks und vor allem bei seinem Nachfolger Don Rosa – nur diese beiden Autoren werden von Donaldisten ernst genommen – hat Dagobert ein gutes Herz. Zeichner und Texter Don Rosa hat, angefangen beim ersten selbst verdienten Zehner, mittlerweile eine komplette Dagobert-Duck-Biografie geschrieben. Bei ihm ist er ein Abenteurer. Und der berühmte Geldspeicher ist für den Fantastilliardär weniger Tempel des kalten Kapitals als vielmehr eine ungeheure Anhäufung von Erinnerungsstücken: Jede Münze, jeder Schein, erinnert ihn an eine Episode seines Lebens.

    Deswegen mag Dagobert-Scrooge sein Geld. Wenn er drin badet, badet er in Erinnerungen. Seine Angst, Geld auszugeben, hat nichts mit gewöhnlichem Geiz zu tun, denn wenn er Geld ausgibt, gibt er Teile seines Lebens weg. Wenn ihn die Panzerknacker ausrauben (was generell misslingt), stehlen sie ihm Teile seiner Persönlichkeit.

    Der Dickens-Scrooge ist am Ende der Weihnachtsgeschichte ein freigebiger Mensch. Er ist dann nicht wegen, sondern trotz seines Geldes glücklich. Der Barks-Scrooge ist nicht glücklich, weil er materiellen Reichtum, sondern weil er ein reiches Leben hat. Also: Geld macht nicht glücklich. Das ist wohl nicht nur in Gespenstererzählungen und Sprechblasengeschichten so, sondern auch im wirklichen Leben. Die Sache mit dem Geldspeicher funktioniert allerdings nur im Paralleluniversum von Entenhausen.

    Buchtipp: „Happy Birthday, Onkel Dagobert“ heißt der Band, den der Ehapa-Verlag herausgebracht hat. (175 Seiten, 25 Euro). Das großformatige Hardcover enthält elf starke Geschichten – leider nicht die allererste von 1947.

    Wie bei Dickens: Dagobert Duck bei seinem ersten Auftritt vor 70 Jahren

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