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    LOHR

    Mahnrufe von Iris Berben

    Iris Berben in Lohr Foto: Frank Zagel

    Iris Berben liest im Stehen. Bequemes Sitzen verträgt die Lyrik von Selma Meerbaum-Eisinger und anderer jüdischer Poeten nicht. Sie fordert wahrlich ein Aufstehen gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass. Die renommierte Schauspielerin kämpft seit Jahren gegen diese menschenfeindlichen Auswüchse. Die berührende Lesung „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ vor 250 Zuhörern in der Stadthalle Lohr spiegelt dieses vielfach ausgezeichnete Engagement.

    Berben, deren ernstes, von dichtem Haar umrahmtes Gesicht beinahe hager wirkt, eröffnet den Reigen der Gedichte mit Selma Meerbaums „Ja“, in dem bereits etwas anklingt von der tiefen inneren Sehnsucht, die die jugendliche Dichterin beständig bewegt hat. Daran knüpft sie die erschütternde Biografie der 1924 in Czernowitz (Bukowina) geborenen Jüdin an, deren Leben 18 Jahre später im Zwangsarbeitslager Michailowka vom Fleckfieber „beendet, nicht ausgelöscht“ wird. Selmas 58 handgeschriebene Gedichte kommen auf verschlungenen Wegen 1976 an die Öffentlichkeit.

    In „Rote Nelken“ gesteht die jugendliche Autorin „Ich habe Angst . . . “ Sie leidet unter der Einsamkeit und klammert sich suchend, fordernd, zweifelnd an ihren Freund, lässt Hingabe und zarte Erotik mitschwingen. Sensible Sanftheit klingt in Selmas „Tränenhalsband“ an, gekrönt von dem Gefühl „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“. Die Furcht vor einem unabwendbaren, gnadenlosen Schicksal bewegt sie noch stärker in „Poem“, wo sie träumerisch auf die Natur blickt („Die Tannen sind in sanfter Röte eingeschlossen...“), verängstigt fragt: „Warum brüllen die Kanonen?“ und aufschreit: „Ich möchte leben! Ich will nicht sterben!“

    Ein Meister aus Deutschland

    Iris Berben wird diesen Texte voll poetischer Kraft mit ausgewogener Sprechkultur zutiefst gerecht, untermalt mit sparsamen Gesten der rechten Hand die oft schwermütigen, aber nie freudlosen Gedanken, Wünsche und Visionen der Dichterin. Auch andere Stimmen aus dem Kreis jüdischer Autoren lässt Berben anklingen. Mascha Kaleko, Margarete Susman, Elke Lasker-Schüler und Hilde Domin („Wo steht unser Mandelbaum“) künden mit bewegenden Worten vom Schicksal der Ausgestoßenen.

    Nelly Sachs‘ ergreifender „Chor der Geretteten“ und Paul Celans „Todesfuge“ mit dem Satz von fürchterlicher Wahrheit – „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – rütteln auf und sind Mahnrufe gegen das Vergessen.

    Voller Einfühlungsvermögen klinkt sich Benjamin Moser am Flügel in die Worte ein oder gibt vehemente pianistische Antworten (Thema aus „Schindlers Liste“ nach der „Todesfuge“!).

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