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    Würzburg

    Mainfranken Theater: Tänzer zwischen "Einst" und "Jetzt"

    Für sein erstes abendfüllendes Werk für das Tanzensemble bekommt Artist in Residence Kevin O'Day viel Applaus. Eine konkrete Geschichte braucht es da nicht.
    Mit "Es war einmal…" schafft Artist in Residence Kevin O'Day sein erstes abendfüllendes Werk für das Tanzensemble des Mainfranken Theaters in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

    Muss man alles bis in die Tiefe verstehen? Oder reicht dem Zuschauer ein genaues Beobachten, um angeregt zu werden, unterhalten und berührt? Gedanken, die sich bei der Premiere des ersten abendfüllenden Werks entwickeln können, das Kevin O'Day und die Ballettcompagnie des Mainfranken Theaters zeigten. Unter der Überschrift "Es war einmal..." leistet der Artist in Residence seinen Beitrag zum Spielzeitthema "Familienbande" und begibt sich auf Spurensuche der die Welt umfassenden Menschheitsfamilie.

    Vom "Einst" zum "Jetzt"

    Dazu passen die Sounds von John King. Die Musik vom Band ist eine Auftragsarbeit des Mainfranken Theaters an den Komponisten, mit dem Kevin O'Day eine erfolgreiche Zusammenarbeit verbindet. Die elektronischen Töneteppiche des US-Amerikaners, in die afrikanische Klänge, Trommeln und Rhythmen einfließen und so auf die Wiege der Menschheit in Afrika hinweisen, in der Bluesanklänge und meditative Momente zu hören sind, nennt John King "Once" – "Einst", das sich zu einem "Jetzt" entwickelt. Denn alles, was einmal war, schwingt in uns nach, alles hat seinerzeit mit einer Innovation begonnen.

    Mit "Es war einmal…" schafft Artist in Residence Kevin O’Day sein erstes abendfüllendes Werk für das Tanzensemble des Mainfranken Theaters in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

    Gemeinsam mit Thomas Mika, der Kostüme und Bühnenbild vorgegeben hat, und kunstvollen Lichtsequenzen von Mariella von Vequel-Westernacht haben der Choreograf und der Musiker ein bemerkenswertes Gesamtkunstwerk geschaffen, das am Ende vom Premierenpublikum mit viel Applaus und nur einigen wenigen Buhs für den Choreografen bewertet wird. Die Tänzerinnen und Tänzer nutzen die gesamte Bühne, ohne eine konkrete Geschichte zu erzählen. Als Solisten, als Duo oder in anderen Formationen (beispielsweise das Trio Anna Jirmanova, Jason Syrette und Denis Piza) kehren sie eindrucksvoll ihr Inneres nach außen, ohne dabei ihre handwerklichen Wurzeln vernachlässigen zu müssen.

    Mit Romeo, Julia und Rapunzel am Fenster

    Immer wieder dienen Märchen als Leitfaden, erinnern einzelne Momente mit bekannten Symbolen an die Geschichten von damals. Beispielsweise wenn sich in der Höhe ein Fenster öffnet und unwillkürlich eine Assoziation zu "Romeo und Julia" oder "Rapunzel" entsteht oder leuchtende Lichtkugeln eine märchenhafte Mystik entstehen lassen. Das Outfit der zwölf Bewegungskünstler – dunkle Hosen, helle Oberteile vor und farbige nach der Pause – wirkt cool, unauffällig und passt sich den vier grau-silber changierenden Bühnenteilen an, die entweder von den Akteuren oder von der Bühnentechnik bewegt werden. Grau-neblige Schwaden, klare Lichtpunkte, helle Strahlen oder gesichtslose Gestalten – das Licht verstärkt die große Spannbreite, die hier aufgefächert wird.

    Mit "Es war einmal…" schafft Artist in Residence Kevin O’Day sein erstes abendfüllendes Werk für das Tanzensemble des Mainfranken Theaters in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

    Zu klirrenden, knisternden, scheppernden, harschen Klanglandschaften fasziniert ein Pas des Deux nach dem anderen, getanzt von Viola Daus und Marcel Casablanca, von Ka Chun Kenneth Hui und Debora Di Biagi, von Katherina Nakui und Denis Piza oder von Riccardo Battaglia und Yusuke Inoue. Wenn die Musik nicht Soundkulisse ist, verzahnt sie sich mit der Darstellung der Tänzer, verbindet sich eine abstrakte Idee mit der Realität, in der sich jeder der Künstler individuell, originell und auch witzig präsentieren kann. Es gibt Bewegungsstürme, eine sich in Linie aufstellende Compagnie (zu der auch Tyrel Larson gehört) oder verkeilte Menschenknäuel. Drehungen, Hebungen, Körperwindungen lösen eine pulsierende Formsprache aus, zu der auch roboterähnliche Zuckungen gehören.

    Atemberaubendes Tempo sorgt für Dynamik, zeitlupenähnliche Körperwindungen für Atempausen, derbe neben graziösen Bewegungen für Farbe. Es sind immer wieder die Gegensätze, die an Märchen erinnern. Da scheinen Tänzerinnen und Tänzer sich zwischen Gut und Böse, zwischen Hochs und Tiefs, zwischen Liebe und Hass zu bewegen. Anregungen genug, die über das Verstehen hinaus die Zuschauer bereichern können.

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